E. von Javier Salinas, 2006, AmmannE.
Roman von Javier Salinas (2006, Ammann - Übertragung Lisa Grüneisen).
Besprechung von Kersten Knipp in Neue Züricher Zeitung vom 24.05.2006:

Die spinnen, die Europäer
Javier Salinas über Neurosen in der Alten Welt

Demokratie, Rechtsstaat und Parlamentarismus, das sind Begriffe, wie man sie gern mit Europa assoziiert. In seinem politischen Programm zeigt sich das Staatengefüge des Kontinents von seiner strahlenden Seite, so hell, durchdacht und aufgeräumt, dass man sich fragt, ob eigentlich noch finstere, zumindest schattige Regionen auf seiner Karte verzeichnet sind. Ja, es gibt viele solcher Regionen, und es werden nicht weniger. So jedenfalls kann man es bei dem jungen spanischen Autor Javier Salinas nachlesen. «E» heisst sein neuer Roman, und der Buchstabe steht für nichts anderes als für Europa und seine Bewohner. Nun ist Europa, was seine Bewohner angeht, ein ausgesprochen bunter Kontinent, und so kann er auf eine entsprechend eindrucksvolle Liste von Ticks und Spleens, Macken und Marotten verweisen.

Eben darum passt «E» wunderbar ins 150. Geburtsjahr Sigmund Freuds. Denn «E» liest sich auch als Referenz an jenes «Es», das der Seelenforscher einst entdeckte und das vom schummrigen Wien aus den ganzen Kontinent eroberte: Kaum einer von Salinas' Protagonisten, der seine Zeit nicht damit verbrächte, Neurosen zu züchten und sich grossen oder kleinen Wahnvorstellungen hinzugeben. Das ist durchaus rational. Denn nur im Wahn und im Tagtraum lässt es sich noch einigermassen erträglich leben, allein dort spendet das Dasein, was es im wirklichen Leben so streng zurückhält: Sinn.

Zu den feinen Ironien des Buches gehört es, die Sinnlosigkeit durch Identitätsversessenheit ausgleichen zu wollen. Denn «E» ist ein moderner Entwurzelter. «Ein E, wie er im Buche steht», wie er selbst sich charakterisiert. Und er könnte hinzufügen: «Ich bin viele.» Denn E, das ist ein die verschiedensten Identitäten annehmendes Phantom, eines, das bald in Irland, bald in Deutschland lebt, bald Mann, bald Frau, bald Künstler, bald Malocher ist, aber immer einen Schritt neben sich steht, sich für nichts so sehr interessiert wie für sich selbst. Was aber ist er selbst? «Ich will lediglich normal sein. (Im Grunde will ich das nicht). Ich bin ganz normal. (Im Grunde finde ich das nicht).» Und so weiter, in niemals endenden Wortschleifen. E ist ein Gefangener der Allgemeinplätze, des modernen Vokabulars der Selbstfindung, der einfachen und der Metatheorien. Keine Sprüche, Topoi und Sentenzen des modernen Identitätswahns, deren faden Geschmack er nicht auf der Zunge führt.

Doch man ahnt es: Auch die spirituell aufgemotzte Existenz will keinen rechten Frieden bringen, Nirwana, Om und was der erleuchteten Dinge mehr sind, wollen sich einfach nicht einstellen. E bleibt E, der gehetzte Durchschnittseuropäer, der Sklave der Phrasen und Gemeinplätze. Sie konjugiert Salinas in alle nur denkbaren Richtungen durch, was dem Buch eine eigenartige Form gibt: Es präsentiert sich als unendlicher innerer Monolog, nicht von der satten Behäbigkeit der Joyceschen Molly Bloom allerdings, sondern ihrer gehetzten Töchter und Söhne von heute, Gefangene von Phrasendreschmaschinen, die kaum einen vernünftigen Satz an den anderen zu fügen vermögen. In Europa, kann man von Salinas lernen, wohnen zahllose Wortmenschen. Leider allerdings überwiegend solche, die über die Sprache das Handeln vergessen haben, dem Tun allemal das Lassen vorziehen. Dass der Kontinent es politisch und ökonomisch dennoch so weit gebracht hat, darf man das europäische Wunder nennen.

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