Du stirbst nicht von Kathrin Schmidt, 2009, KiWi

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Du stirbst nicht.
Roman von Kathrin Schmidt (2009, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Katharina Erlenwein aus den Nürnberger Nachrichten vom 20.8.2009:

Mühsame Erinnerungsarbeit
Kathrin Schmidts ungewöhnlicher Roman «Du stirbst nicht«

Mit einem schonungslosen Bericht über das Leben einer Frau nach einer Hirnblutung und ihr mühsames Zurückfinden in die eigene Biografie fesselt Kathrin Schmidts neuer Roman «Du stirbst nicht«. Schmidt liest am Sonntag, 30. August, um 14.30 Uhr im Rahmen der Revue der Neuerscheinungen beim Erlanger Poetenfest. Im Anschluss spricht sie mit der Journalistin Verena Auffermann.

Dieser Roman gewinnt seine Wucht durch die Sprache. Und gerade die ist es, die der Patientin Helen abhandengekommen ist, als sie nach einem Hirnschlag und längerer Zeit im Koma aufwacht. Das Eingeschlossensein im eigenen Kopf, die Nicht-Kommunikation ist zunächst das größte Problem für die Frau, die mitten aus dem Leben in diese hilflose Situation gefallen ist.

Blick ins Krankenzimmer

Direkt, mit den beeinträchtigten Blicken der Protagonistin, schaut man als Leser ins Krankenzimmer, erlebt mit, wie sie nach und nach Gedanken und reale Welt wieder auseinanderzuhalten lernt, wie sie sich ausgeliefert fühlt, halb gelähmt und unfähig, ihre Wünsche zu äußern. Die eigenen Kinder erkennt sie nur noch schwer, über das Verhalten ihrer Familie kann sie sich nur wundern, doch komplizierte Kopfrechenarbeit bereitet ihr keine Mühe.

Das allmähliche Wiedererlangen der Souveränität über Körper und Geist ist in einer lakonischen Art wiedergegeben, die beeindruckt. Doch Kathrin Schmidt lässt sich nicht auf einen banalen, wenn auch ergreifenden Krankenbericht ein, den sie offenbar aus eigener Erfahrung schreiben kann. Mit der Neu-Entwicklung ihrer unabhängigen Persönlichkeit und der mühsamen Rekonstruktion der eigenen Biografie entdeckt Helen Fragezeichen und Leerstellen in der Beziehung zu ihrem Mann. Wollte sie ihn vor dem Vorfall verlassen? Hatte sie sich verliebt?

Bruchstücke der Erinnerung

Stückchen für Stückchen, mit Hilfsmitteln wie gespeicherten E-Mails und den Bruchstücken der eigenen Erinnerung, setzt Helen ihre Gefühlswelt wieder zusammen. Ihr Mann kümmert sich zwar rührend um sie, doch sie selbst weiß nicht, an welchen Punkt ihre Liebe vor dem Koma gelangt war.

Kunstvoll verschränkt Schmidt die äußere Genesung Helens mit einem Bewusstwerdungsprozess über die eigenen Emotionen. «Du stirbst nicht« ist somit genauso gut ein Buch über eine sprachlich grandios aufgearbeitete Rehabilitation wie ein sehr feinfühliger Roman über eine altgediente Liebe, mit all ihren Macken und Vorzügen.

Kunstvolle Sprache

Dass Helen sich tatsächlich verliebt hatte, ist bald erahnbar. Dass es eine äußerst ungewöhnliche Figur ist, in die sie sich da verschaut hatte, hätte nicht sein müssen und lenkt unangenehm vom eigentlichen Thema ab. Nichtsdestotrotz ist Schmidt ein fesselnder und vor allem ungewöhnlicher Roman gelungen, durch den sie von vorne bis hinten mit ihrer reduzierten, kunstvollen Sprache trägt.

Die vollständige Besprechung mit Abb. von Katharina Erlenwein finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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Du stirbst nicht von Kathrin Schmidt, 2009, KiWi2.)

Du stirbst nicht.
Roman von Kathrin Schmidt (2009, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Ulrike Baureithel in freitag vom 27.8.2009:

Riss durchs Hirn
Virtuos und psychologisch genau: Kathrin Schmidts autobiografische Krankheitsgeschichte „Du stirbst nicht“

Schwere Krankheit ist Grenzerfahrung, das gilt für den individuellen Fall ebenso wie für das kollektive Gedächtnis, und wo sich die damit befassten Aufräumarbeiten nicht medizinisch und sozialhygienisch, sondern symbolisch niederschlagen, wird in glücklichen Fällen daraus sogar Weltliteratur. Susan Sontag verdanken wir die Einsicht, dass dabei jedes Zeitalter seine eigenen Phantasmagorien über die Krankheit entwickelt und bestimmte Krankheitsmetaphern in den Verkehr bringt, gegen die sich zu wappnen ein Akt des politischen Widerstands ist.

Was die Schwindsüchtigen für das neurasthenische Zeitalter um die Jahrhundertwende waren und die Krebskranken für den zerstörerischen Fraß der Überflusszivilisation, hat nun, wie kürzlich das FAZ-Feuilleton entdeckte, einen neuen Handlungsort gefunden: Die Krankheit, schreibt Felicitas von Lovenberg, sitze nun nicht mehr in den Körpern, sondern in den Köpfen – mit bemerkenswerter cartesianischer Reminiszenz übrigens, die man sich in den Fürsorgestätten der Hochkultur eben noch leistet.

Blutgefäß im Gehirn

Beiläufige Erwähnung zwischen kleineren und größeren Kult- und Popautoren wie Philip Roth, Stieg Larsson, Wilhelm Genazino oder Sarah Kuttner findet dort auch der Roman der aus Ostdeutschland stammenden Kathrin Schmidt, der als Beispiel für die abgegriffene Formel „Krankheit als Chance“ – in der heutigen Krise wieder auferstanden als politische Tröstung angesichts des blamierten Kapitalismus’ – angeführt wird.

Dabei fällt Schmidts Roman mit dem programmatischen Titel Du stirbst nicht schon deshalb aus der Reihe, weil er eine tief greifende autobiografische Erfahrung verarbeitet: Vor einigen Jahren platzte ein Blutgefäß im Gehirn der Autorin, das ein lebensgefährliches Hämatom bildete und sie lange Zeit außer Gefecht setzte.

Dieses so genannte Aneurysma, das auch Schmidts Protagonistin, die 44-jährige Helene Wesendahl niederstreckt, ist Krankheit und Zeichen zugleich. Denn der infolge eines Herzfehlers entstandene Riss im Gehirn zieht nicht nur eine einseitige Lähmung der Gliedmaßen nach sich, sondern katapultiert die Patientin, als sie aus dem künstlichen Koma erwacht, in eine Orientierungs- und Sprachlosigkeit, die auch metaphorisch gelesen werden kann.

Zunächst kämpft Wesendahl mit ihrer Angst: Vor dem nahen Tod und vor dem Ausgeliefertsein an eine fremdbestimmte Intensivversorgung, die sie nicht beeinflussen kann. Dazu kommt eine retrograde Amnesie, sie kann sich an nichts mehr erinnern, was vor dem Platzen des Aneurysma passiert ist. Nur mühsam ordnet sie Matthes, der sie täglich besucht und liebevoll umsorgt, als Ehemann ein, die fünf Kinder bleiben zunächst nur Schemen aus einem früheren Leben. Sie spürt, dass Matthes ihr etwas verheimlicht, doch sie kann sich nicht mit ihm verständigen.

Vorsichtig sucht Helene deshalb Haltelinien in den abhanden gekommenen Worten. Immer wieder führt eine Situation zu einem Zipfelchen ihres früheren Lebens, das sie zu fassen sucht, sie „übt erinnern“. Doch was sie fühlt, fällt über sie her, sie kann sich nicht ausdrücken, „es“ hat ihr im wahrsten Sinne des Wortes „die Sprache verschlagen“, es bleiben nur Fratzen, „Spuckefallen“ und Situationen, die sie beschämen bei jeder Mahlzeit, jedem Toilettengang und jedem Missverständnis im klinischen Ablauf. Als nicht-kooperativ und unbequem gilt die Patientin, weil sie sich den Routinen entzieht, Diagnosen in Frage stellt, trotz allem auf ihrer Autonomie besteht.

Während sich Helene motorisch langsam und von Rückfällen begleitet erholt und das Leben sie wieder einholt, “gräbt sie Kanäle in die Vergangenheit“, nähert sich dem Ungesagten, dem ihr Vorenthaltenen: Dass es da eine Trennung gab von Matthes und eine Frau, in der „ein Kerl“ wohnt, der sie nicht sein will.

Den Riss spüren

Die Streckübungen mit der Physiotherapeutin führen zu Viola, Maljutka, wie Helene sie nannte, und die Ära, die vor dem Aneurysma liegt. Eine Liebe voller Fragen, Verstörungen, Zumutungen und Zerrissenheiten, die das alte Leben mit Matthes und den Kindern herausfordert und das neue in die Unsicherheitszone rückt. Was Viola an Zurichtung am Körper und als Identitätskrise erlebt hat, wiederholt sich noch einmal angesichts von Helenes Krankheit: „Ich wollte“, sagt Viola einmal prophetisch zu ihr, „den Riss spüren, den das in dir auslöst und hineinfallen“. Es ist dann der Riss im Gehirn, durch den Helene fast aus dem Leben fällt.

In einem genau ausbalancierten Zeit- und Szenenwechsel zeichnet Schmidt das (wieder) „zur Sprache kommen“ nach, das der Rekonvaleszentin ebenso wie das einer Vergangenheit, die aus den Falten der Worte gelockt werden muss. Formal funktioniert der Roman spannend wie ein analytisches Drama, sprachlich wirkt er assoziativ, aus jedem erinnernden Schritt gewinnt Helene wortsensibles Neuland und öffnet die Ventile von Schmidts lyrischer Sprachvirtuosität, die mit ihrer psychologischen Genauigkeit eine fruchtbare Allianz eingeht.

Manchmal, hat man das Gefühl, reißt die Fabulierlust sie zu sehr mit, manches Thema, das Viola umkreist, wirkt etwas klischeehaft ausgewalzt, und ihrer bekannten Neigung zu Abschweifungen ist die Autorin auch diesmal nicht Herr geworden. Was beispielsweise die Putin-Geschichte soll, weiß nur die Schöpferin allein; das am Ende eingefügte Lenz-Essay dagegen wirkt zumindest als literaturhistorischer Verweis stimmig: Wie der unglückliche Sturm-und-Drang-Dichter geht auch Schmidt „auf dem Kopf“, bis sie wieder auf die Beine kommt. Keine Zu-früh-Geborene. Eine Wiedergeborene mit offenen Wegen.

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Du stirbst nicht von Kathrin Schmidt, 2009, KiWi3.)

Du stirbst nicht.
Roman von Kathrin Schmidt (2009, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Carola Ebeling aus dem titel-magazin vom 11.1.2010:

Zurück ins Leben
Ganz auf die Gegenwart beschränkt zu sein, ohne Erinnerungen – was für eine beängstigende Vorstellung. Ein Sturz ins Bodenlose, eine verschluckte Identität. So ergeht es Helene Wesendahl in Kathrin Schmidts Roman Du stirbst nicht.

Abhandengekommen ist Schmidts Hauptfigur nicht nur die Kenntnis über ihr bisheriges Leben, auch die Sprache ist bis auf wenige Reste verschwunden, zerstückelt – nicht mehr brauchbar, um die Dinge zu benennen, sich selbst zum Ausdruck zu bringen. Auch der Körper will aufgeben.

Kathrin Schmidt erzählt von einem Katastrophenfall, einer totalen Beschädigung. Sie schlüpft ins Innere ihrer Figur und offenbart das Geschehen ganz aus deren Perspektive, kriecht ihr unter die Haut, in den Kopf. Helenes Anstrengungen des Gewahrwerdens und Erinnerns wirken dadurch unmittelbar – und man darf verraten, dass diese Unmittelbarkeit auf  Erfahrung zurückgeht: Im Jahr 2002 erlitt Kathrin Schmidt eine Gehirnblutung. Sie selbst verlor ihre Sprache, und tatsächlich ist auch Helene von Beruf Schriftstellerin.

In kurzen, bruchstückhaften Kapiteln schildert Schmidt das Erwachen Helenes aus dem Koma, die ersten Geräusche, die ersten Bilder, die in sie hineinfluten, die durcheinanderwirbeln, keinen Sinn ergeben. Der Mann an ihrem Bett, ja, den kennt sie doch: Es ist Matthes, ihr Ehemann; dann ihre Kinder, fünf sind es – so setzen sich langsam die Fundamente ihrer Existenz zusammen.

Am Nullpunkt

„Sie sollte sich einen Erinnerungsfaden denken, an dem sie sich entlanghangelt. Es wird sicher mühsam werden, aber wie sonst sollte sie die vergangenen Wochen, vielleicht Monate, zurückbekommen? (...) Liebt sie Matthes? Es zieht nicht. Früher zog es. Das weiß sie.“ Es ist paradoxer Weise der Körper, der sie im Stich ließ, als das Aneurysma in ihrem Hirn platzte, der in all seiner Versehrtheit zum Kompass ihrer Empfindungen wird. Liebe zum Beispiel zieht je nach ihrer Beschaffenheit in verschiedenen Körpergegenden. Auf viele Situationen reagiert sie unmittelbar körperlich, weint, ohne Kontrolle darüber zu haben, so plötzlich, wie sich Wohlbehagen oder Freude sofort als Grinsen in ihrem Gesicht zeigen. Für ihre Umgebung ist das irritierend. Wenn ihr Speichelfäden aus dem Mund tropfen, sieht sie sich mit den Augen der anderen, es ist ihr peinlich. Schmidt beschreibt die körperlichen Zumutungen sehr offen, als Autorin erlaubt sie sich die Scham nicht.

In dem Maße, wie Helene sich Erinnerungen zurückerobert und dafür immer mehr Worte wiederfindet, entwickelt der Roman eine neue Erzählebene. Es entfaltet sich die Geschichte des Paares Matthes und Helene, die zugleich von einer DDR-Biografie erzählt. Es offenbart sich eine große Liebesgeschichte, die aber kurz vor dem Unglück vor ihrem Ende zu stehen schien. Und dann taucht Viola auf. „Schleppend das Erinnern, aber es schleppt, bedächtig, herbei, was war. Gleichzeitig zieht es im Bauch. Sie hat Viola geliebt.“

Zusammenhang von Sprache, Erinnerung und Identität

Diese Figur ist so spannend und vielschichtig, dass sie den Rahmen des Romans fast zu sprengen droht. Gerade weil es Schmidt so gut gelingt, die Faszination, die von ihr ausgeht und der ja auch Helene anheimfällt, zu schildern. Im Gefüge des Romans verkörpert Viola die Aufstörung in der eingeübten, zu selbstverständlichen Liebe zu Matthes. Sie steht für die große Verunsicherung, mit der Helene nun – in aller Auflösung zur Schärfe gezwungen, um überhaupt etwas sehen zu können – auf ihr bisheriges Leben blickt.

Viola ist die zweite Figur, die um ihre Existenz, ihre Identität ringt. Die sich zwischen den Geschlechtern bewegt, sich im männlichen Körper falsch fühlt, sich als Frau empfindet und dafür ihre Familie aufgibt, aufgeben muss. Sie bräuchte noch mehr Platz in diesem Roman. Sie müsste den Raum haben, für Helene tatsächlich zu einer Entscheidung zu werden, zu einer realen Herausforderung. Helene aber muss sich nicht gegen Viola entscheiden, nur für Matthes, was nicht selbstverständlich, aber doch einfacher ist. Denn Viola ist tot.

Kathrin Schmidt hat einen beeindruckenden Roman über den Zusammenhang von Sprache, Erinnerung und Identität geschrieben. Und über den Willen, wieder ins Leben zu kommen. Sie hat dafür eine genaue Sprache gefunden, gerade auch in jenen Passagen, wo diese sich fast ganz entzieht. Doch verspricht der Roman eine faszinierende Geschichte zu viel, die er dann nicht zu Ende erzählen kann, will er sich nicht überheben. Das anerkennend wäre man ihr dennoch zu gerne weiter gefolgt.

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