Du sollst Bestie sein von Uzodinma Iweala, 2008, AmmannDu sollst Bestie sein.
Roman von Uzodinma Iweala (2008,
Ammann - Übertragung Marcus Ingendaay).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS, 17/2008:

Killen, killen, killen!
"Du sollst Bestie sein!“ – ein kurzer, gewaltiger Roman erzählt von Kindersoldaten in Afrika

Kawudd! So klingt es, wenn Agu dem Mädchen auf die Brust springt. Erst auf die Brust, dann auf den Kopf. Kawudd! Und immer wieder: Kawudd! Das Mädchen hat sich festgeklammert an seine Mutter. Will nicht loslassen. Wie ein einziger Körper sind die beiden. Dann nimmt Agu die Machete und hackt, hackt, hackt.

Die Frau ist der Feind, das hat der Kommandant gesagt. Und auch das Mädchen ist der Feind. „Die hat meine Familie getötet und unser Haus verbrannt und unser Essen gestohlen und die ganze Familie auseinandergetrieben“, sagt sich Agu. Das Töten geht leichter, wenn man einen Grund hat. Die letzten Hemmungen hat der „Gun Juice“ weggespült, ein klebriger Drogensaft, den ihnen der Kommandant zu trinken gibt, immer bevor er sie in die Schlacht schickt.

Agu ist Soldat. Und er ist ein Kind. Vielleicht elf, zwölf Jahre alt. Irgendwo in Westafrika kämpft er in einer zerlumpten, ausgezehrten Rebellenarmee. Zugleich Täter und Opfer in einem dieser mörderischen Bürgerkriege, die dem Kontinent immer wieder aufgezwungen werden.

Es gibt diesen Agu nicht. Und es gibt ihn doch, hunderttausendfach. Ein junger Autor namens Uzodinma Iweala hat ihn erfunden. Hat ihn zusammengesetzt aus einer Vielzahl von Einzelschicksalen. Iweala wurde 1982 in Washington geboren. Seine Eltern stammen aus Nigeria. Der Vater ist Arzt, die Mutter war Ministerin in Nigeria und in führender Position bei der Weltbank. Iweala hat ein Amerikanistikstudium in Havard absolviert und studiert jetzt Medizin. Von Agu ist er so weit entfernt, wie man es nur sein kann.

Für das Buch ist das ein Glück. Es gab einige Schilderungen ehemaliger Kindersoldaten in jüngster Zeit. Und es gab Diskussionen um diese Bücher. Prominentestes Beispiel ist die Autobiografie „Feuerherz“ der in Äthiopien geborenen Senait Mehari, die Kenner des Landes stark anzweifeln. Viele dieser angeblichen Tatsachenberichte wirken eigentümlich distanziert, wohl auch, weil häufig Ghostwriter mitgearbeitet haben.

Iweala dagegen erzählt ganz direkt aus der Perspektive des Jungen, in einer eigenen naiven, verstümmelten Pidgin-Sprache (von Marcus Ingendaay großartig ins Deutsche übersetzt). Und weil wir Agu so nahe kommen, lässt er uns nicht los mit seinen Erfahrungen, seinen Erinnerungen und seiner Hoffnung, irgendwann herauszufinden aus dem Kreislauf des Tötens. „Ich bin nicht böser Junge“, sagt er sich. „Ich bin Soldat. Soldat muss killen, killen, killen.“

Für das Buch hat Iweala unzählige Interviews mit ehemaligen Kindersoldaten gelesen, und er hat in Nigeria, wo er immer wieder für Monate lebt, Erinnerungen an den Bürgerkrieg im Land gesammelt. All diese Berichte sind zusammengeflossen in Agus Geschichte. Eine Geschichte, die zeigt, wie ein Junge durch List, Gewalt und Missbrauch zur Bestie wird.

 „Du sollst Bestie sein!“ ist Iwealas erster Roman. Dafür bekam er in den USA alle wichtigen Debütpreise.

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