Du sollst von Navid Kermani, 2005, AmmannDu sollst.
Erzählungen von Navid Kermani (2005, Ammann).
Besprechung von Ludwig Ammann in Neue Zürcher Zeitung vom 20.9.2005:

Der Dekalog des Eros
Navid Kermanis Erzählband «Du sollst»

Navid Kermanis neuer Erzählband, ein trügerisch schlankes Werk, dürfte den Herren vom Marketing schlaflose Nächte bereitet haben. Da ist der Mann mit dem persischen Namen, abonniert auf weise Worte über den Koran, Iran und den Islam, ein gut eingeführter Markenartikel mithin – und will sich nicht daran halten. Schreibt ein ganzes Buch über das, was Mann und Frau im Bett tun – und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund! Zwar hat er die neue Produktlinie durch frühere belletristische Eskapaden eingespurt, die sich durch Verschränkung des Weltlichen mit dem Heiligen als Kermani light deuten liessen. Doch nun kreist, trotz frommer Dekalog-Struktur, alles um eines – die Fleischeslust. Und Unlust. Die Kehrseite des Frommen?

Sie haben sich meist nicht viel zu sagen. Zum Auftakt genügt eine Forderung wie «Du sollst mich lieben!» Oder mit Bedacht: «Sag nicht, dass du mich liebst!» Dann folgen Action, Schnitt und Gegenschnitt. Nur dass der Mann, der hier Regie führt, nicht wie beim gewöhnlichen Porno auf die Werkzeuge der Lust zoomt: Navid Kermani fokussiert auf das, was den Akteuren dabei durch den Kopf geht. Dort geht es härter zu als bei jedem Hardcore. Denn es überwiegt das schmerzliche Erlebnis von Entzweiung, nicht Einswerden. Ein einziges Mal erreichen die Namenlosen den Gipfel des Glücks: «Mach mir Kinder!» – «Gut.» Der Tiefpunkt ist erreicht, wenn er schon schnarcht, kaum dass er von ihr heruntergerollt ist – und sie ihn angewidert ans hingebungsvolle erste Mal erinnert und erschlägt.

Wer sich hier wiedererkennt, dürfte an Kermanis Dekalog der sexuellen Enttäuschungen mitunter heftig zu schlucken haben. Doch für die Tragik des Vereinzelten entschädigt die rabenschwarze Komik der Inszenierung als Parallel-Aktion: Wenn er sich ein Abenteuer vorstellt, ohne zu ahnen, dass sie ihm beim Handanlegen unter der Bettdecke aufmerksam zuhört; wenn sie ihm vor Entsetzen über den eigenen Missgriff in den Rücken krallt und es den fälschlich erhörten Liebhaber dabei vor Wonne durchzuckt; und was dergleichen Missgeschicke im Dreieck von Mann, Frau und Lover mehr sind.

Mit dem trendigen französischen Artcore haben Kermanis Erzählungen erstaunlich wenig gemein. Sein Blick auf die Sexualität ist humanistisch, nicht nihilistisch wie bei Michel Houellebecq, psychologisch, nicht konzeptualistisch wie bei Catherine Breillat. Kermani träumt trotz aller Entfremdung von Paaren, nicht von auf Elementarteilchen reduzierten Individuen, er träumt von der Liebe im Liebesakt – auch wenn er das unanständige, das heimtückische Wort gern vermeiden würde, um sich vor Enttäuschung zu schützen. Oder vor der Profanierung des Heiligen, der Empfindung durch das Wort, die schon Heine fürchtete: «Doch wenn du sprichst: ‹Ich liebe dich!› / So muss ich weinen bitterlich.» Kurz und gut, dieser Autor nimmt Sex noch ernst als stärkste Form der Begegnung zweier Menschen, seien sie Eheleute oder Fremde. Wer im Akt mehr sucht als einen erholsamen Zeitvertreib, nämlich eine Form der Ekstase – und damit vielleicht auch eine religiöse Erfahrung? –, ist hier in guten Händen. Selbst wenn das Buch mit einer Höllenvision endet, einer auf die vorigen Erzählstationen zurückverweisenden Novelle vom schaurigen Verenden eines älteren Gelehrten: Von den Frauen enttäuscht, liefert sich dieses Subjekt im Zwist mit Gott einer besonders masochistischen Form der Triebabfuhr aus. Als Exorzismus betrachtet, ist der Bericht ein Vergnügen; und ein Wink, welche mögliche Karriere der Autor selbst zu vermeiden gedenkt.

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