Durst von Michael Kumpfmüller, 2003, Kiepenheuer & Witsch1.) - 2.)

Durst.
Roman von Michael Kumpfmüller (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Malve Gradinger im Münchner Merkur, 9.11.2003:

Die Liebe zu den Stofftieren
Michael Kumpfmüllers zweiter Roman "Durst"

Sein Debüt "Hampels Fluchten" war 2000 ein vieldiskutiertes Saisonereignis. Dieses Jahr hat Michael Kumpfmüller mit "Durst" seinen zweiten Roman vorgelegt. Und wiederum ist die Hauptfigur auf der Flucht. Aber anders als der deutsch-deutsche Hin-und-rüber- Hampel flieht hier eine Mutter vor der Verantwortung für ihre beiden kleinen Kinder - die sie eingesperrt in der Wohnung verdursten lässt. Eine Täterin. Vor allem aber eine Verliererin. Gegenfigur zum Überlebenskünstler Heinrich Hampel. Für den Autor eine neue Herausforderung - allerdings keine ganz leichte: Wie kriegt man eine solche Geschichte, einen Fall eigentlich für die Lokal-Seite und in Frankfurt an der Oder tatsächlich passiert, literarisch in den Griff?

Das erste Kapitel beginnt mit "Mittwoch. - Eines Tages im Sommer um die Mittagszeit . . . wusch sich eine junge Frau über dem Waschbecken die Haare und dachte über ihr Leben nach.", und genau so protokollarisch, jeweils mit Angabe von Wochentag, Jahres- und Tageszeit, auch die folgenden zwölf. Connys Flucht-Etappen durch Einkaufszentren, zu ihrer Freundin, Baden am See, Beischlaftätigkeiten mit ihrem Liebhaber - in einem fast tranceartigen Verdrängungszustand 13 Tage lang ihre Wohnung meidend mit den drei- und vierjährigen Söhnen, deren Bilder manchmal lästig in ihr aufsteigen.

Ohne dass da viel Handlung wäre, erfährt man doch viel über diese Frau, erst Anfang 20 und von drei verschiedenen Männern schon drei Kinder, die kleine Tochter wird von ihren Eltern großgezogen. Mitteilungen direkt aus ihrem verworrenen Empfinden: ". . . wie Albert seine Hunde, werfe ich die Brut in den Fluss. Sie wusste, dass sie das nicht könnte. Vielleicht könnte sie es. Sie wüsste gar nicht, wen zuerst." Bewundernswert, wie diese knappe trockene Sprache eine psychologische Echtheit herstellt, in ihrer Durchgehaltenheit letztlich diese ganze deprimierende Lebensstimmung, aus der kein Ausweg möglich scheint - nicht für diese Conny. Ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen, selbst noch Kind (wie ihre Söhne liebt sie noch Stofftiere), begierig jetzt nur in ihrem "Durst" nach Leben. Aber darin doch dumpf. In jeder Hinsicht ein ungebildeter, ungeformter Mensch, der, so hat wohl Michael Kumpfmüller befürchtet, nicht unbedingt das Leseinteresse wach halten würde.

In Hautnähe zur Protagonistin

Und so lässt er sich immer wieder von seinem auktorialen Ehrgeiz übermannen. Begibt sich aus der - sprachlich so exzellent erfassten - Hautnähe zu seiner Protagonistin heraus auf eine poetisch gehobene Ebene. Manchmal innerhalb eines Satzes: ". . . die Kinder: Hinten bei den Mülltonnen stritten sie um eine sinnlose Beute, mitten auf den versteppten Wiesen, über die gerade ein Wind zog, über die weite fahle Steppe, in die sie vor Jahren gefallen war." So metaphorisch redet, so denk-fühlt keine Conny. Und auch nicht von "Geräuschen der Seele wie unter Glas" oder von "Hinterlassenschaften der Körper". Dieses Schillern zwischen zwei Erzählstandpunkten - eine kleine Irritation, wenn auch eine nicht unspannende. Kumpfmüller ist schon ein Könner.

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Durst von Michael Kumpfmüller, 2003, Kiepenheuer & Witsch2.)

Durst.
Roman von Michael Kumpfmüller (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Oliver Fink aus der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:

Was Conny so tat
Nicht radikal genug: Michael Kumpfmüllers Roman-Zweitling "Durst" versucht sich am Kindsmord als Schöner Literatur - und verrührt nur das Böse zum Trübsinn

Eines muss man Michael Kumpfmüller lassen: Er traut sich was. Mit der Geschichte des Bettenverkäufers und Erotomanen Heinrich Hampel, der 1962 freiwillig - wenn auch nicht aus politischen Gründen - vom Westen in den Osten wechselt, legte der Autor vor drei Jahren einen Debütroman vor, mit dem er sich selbstbewusst um den Preis der Jury von Deutschland sucht den Deutschland-Roman bewarb. Als "Botschaft" die "Erzählung einer Epoche", so Kumpfmüller großschriftstellerisch - von ihm überraschenderweise flott und scheinbar ohne größere Widerstände bewältigt: Noch nie wurde vom deutschen Katastrophenjahrhundert so unbeschwert erzählt wie dort, in Hampels Fluchten.

Nun widmet sich Michael Kumpfmüller einem völlig anderen Thema und traut sich wieder was. Diesmal versetzt er sich in eine junge Frau, die ein grausames Verbrechen begeht: An einem heißen Sommertag sperrt sie ihre Söhne im Kinderzimmer ein und meidet fortan die Wohnung - als sie die beiden wiedersieht, sind sie längst verdurstet. So lautet die Grundkonstellation, die der Autor einer Zeitungsmeldung entnahm. Deren Leerstellen hat er sodann mit literarischer Einfühlungskraft (oder dem, was er dafür halten mag) gefüllt und daraus seinen zweiten Roman gebastelt.

Durst, so der Titel, ist mehrdeutig. Er bezeichnet nicht nur den - freilich ausgeblendeten - Todeskampf der beiden Kleinkinder, drei und vier Jahre alt. Er steht zugleich für den Drang der alleinerziehenden und völlig überforderten Mutter Conny, eine Lebenskrise zu überwinden. "Eines Tages im Sommer um die Mittagszeit, als es schon sehr heiß war, wusch sich eine junge Frau über dem Waschbecken die Haare und dachte über ihr Leben nach. Sie schaute sich das Leben an, wie es geworden war, auch die Gründe, dass sich alles von Grund auf ändern musste, sie wusste nur nicht, wie", lauten die ersten Sätze. Und später heißt es: "Vielleicht hatte es schon vor Tagen begonnen, mit diesem Licht, das so hell war wie eine lang ersehnte Wut, der Beginn eines Aufstands. Die Frau hatte böse Gedanken."

Aufbruchsphantasien, doch wohin? Kumpfmüller lässt seine böse Frau ziellos umherirren in einem trostlosen Labyrinth. Ein "Liebhaber", bei dem sie zwischendurch Kinderpornos und eine Gummipuppe findet, was mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis genommen wird. Sexspiele mit anderen Männern, zum Teil für Geld. Eine Freundin, mit der sie sich die Zeit durch gemeinsames Trinken und Einkaufen von Plüschtieren vertreibt. Eine Mutter, die um die Ecke wohnt und doch weit entfernt scheint von den existentiellen Nöten ihrer Tochter.

Vergessen hat die ihre beiden Söhne aber nicht. Immer wieder lässt sie ihre Gedanken um sie kreisen: Mal sind es Mordphantasien, dann wieder freut sie sich auf ein Wiedersehen. "Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, infantilen und egozentrischen Zügen", heißt es im psychologischen Gutachten der Daniela J., deren Fall Kumpfmüller zu seinem Roman anregte. Ja, so könnte man das wohl auch im Fall Conny nennen.

Der Kindsmord hat Tradition in der deutschen Literatur. Insbesondere gegen Ende des 18. Jahrhunderts avancierte diese Tat zu einem gern und oft verwendeten Topos. Meistens verführt ein Adliger ein Bürgermädchen und verlässt es wieder, in schwangerem Zustand. Das Mädchen tötet das Neugeborene, sie wird zum Tode verurteilt, während ihr Verführer vielleicht schon bei der nächsten weilt... Eine Kritik an der Mätressenwirtschaft spielte hier hinein und am ungezügelten Libertinismus der Blaublüter, Kritik aber auch am herrschenden Strafrecht, das dem gesellschaftlichen Druck, der auf die Frauen ausgeübt wird, keine Rechnung trägt.

Also schlägt sich die Literatur tendenziell auf die Seite der Mütter, sieht sie weniger als Täterinnen, sondern eher als Opfer. Mit der Wirklichkeit, das wissen wir heute, stimmten diese Geschichten kaum überein - das bürgerliche Leben besaß eine komplexere Dramaturgie. Doch die Rollenverteilung in der Literatur blieb bis ins 20. Jahrhundert hinein gewahrt: Die Frauen werden durch äußere Umstände in eine Verzweiflungstat mehr getrieben, als dass sie selbst dafür verantwortlich sind.

Michael Kumpfmüller fügt mit seiner Kindsmordgeschichte dieser Traditionslinie nun insofern eine neue Facette hinzu, als er die Frage nach Täter oder Opfer als irrelevant erscheinen lässt - was ist freilich damit gewonnen? Kumpfmüllers Erzähler schlägt sich auf keine Seite: Alles ist verroht, vereinsamt und kalt. Die Umstände sind für die Hauptfigur widrig, doch erklärt das nicht ihr Verhalten. Auch hier steht eine Verzweiflung am Anfang, doch der wahre Auslöser scheint fast eine Laune zu sein. Obwohl Kumpfmüllers Conny über moralische Kategorien zu verfügen scheint, opfert sie ihre Kinder einer diffusen Sehnsucht nach einem neuen Leben.

Es ist nicht so, dass dieser literarische Entwurf einer in vielfacher Hinsicht überforderten Frau per se ohne Reiz wäre, Kumpfmüllers Text wird einer solch komplexen und problematischen Disposition aber kaum gerecht. "An einem Donnerstag früh am Morgen erwachte eine junge Frau", "Eines Tages - es war schon kurz vor Geschäftsschluss - betrat eine junge Frau in einem Kaufhaus die Spielzeugabteilung." Jedes der dreizehn Kapitel des Romans beginnt mit einem neuen Anlauf - wie in einer experimentellen Versuchsanordnung. Dass Conny Conny heißt, erfährt man nebenbei, ansonsten ist fast immer nur von der Frau, der Mutter, dem Liebhaber oder der Stadt F. die Rede, die überall liegen könnte. Eigentümlich parfümiert wirkt die Sprache, das Thema Gewalt erscheint als modisches Accessoire, der vermeintliche Kunstgriff in Richtung einer Abstraktion rückt das Ganze in eine befremdliche Schieflage.

Bei Hampels Fluchten ergab sich die immerhin diskussionsanregende Frage, ob einer über den noch nicht verdauten Leidensabschnitt deutsch-deutscher Geschichte auf solch problemfreie Weise erzählen dürfe. Die Frage nach dem angemessenen Erzählen stellt sich angesichts des neuen Romans von Kumpfmüller noch verschärft. Zu einem derart brisanten Stoff gehört mehr als nur der Mut, ihn einfach aufzugreifen. Vielleicht erfordern radikale Themen tatsächlich so etwas wie radikale Literatur. Von einer solchen aber ist Michael Kumpfmüllers Durst weit entfernt.

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