Durstige Vögel.
Theaterstück von Kristo Sagor.
Besprechung von Malve Gradinger aus dem Münchner Merkur, 19.2.2002:

Kinder der fetten Jahre
Autor zu entdecken: Kristo Sagors ''Durstige Vögel''

Theaterhoffnung! Ein topbegabter Nachwuchsautor aus Berlin (Jahrgang '76) in zeitspüriger Regiehand; wie aus einem farbsüffigem Popart-Fotoband: "Durstige Vögel", Kristo Sagors Stück über eine orientierungslose post-Yuppie-Generation, traf mit Claus Peter Seifert, Ann Heine/Angela Skalla/ Helmut Schandl auf ein Super-Team des noch jungen Münchner inkunst-Kollektivs (Halle 7, Waltherstraße 7 a).

Endstation Flughafenhalle: In dem rot ausgelegten Warteraum quatscht ein Typ in Hut und türkisfarbenem Trench (Johnny Müller: charmante Wort-Strippe) ein blondes Mädchen (Katherina Mai: intensiver "lebensdurstiger Vogel"). Als sie sich aus dem Schoko-Automaten etwas holen will, bedroht sie ein 17-Jähriger mit einer Pistole.

Dieser Bernie (Peter Richter: Turnschuhknabe mit Spielpower) ist aber ebenso wenig gefährlich wie die Dressman-Oberfläche seines Kumpels finanziell gedeckt ist. Denn Tomasz ist obdachlos. Und auch Gundulas Vater, den sie vorgibt, hier abzuholen, ist längst tot.

Geschickt und in flottlippigem Jugendjargon hat Kristo Sagor in seinem "Terminal" - metaphorischer Umschlagplatz der Lügen und Verdrängungen - seine Exposition gebaut. Und die haltlos krass wechselnden Stimmungen dieser Figuren und poetischen Einschübe hat Seifert sensibel in Szene gesetzt. Auch das Beziehungs-Vieleck: Bernie verliebt sich in Gundula, die noch ihren Ex (Stefan Wilhelmi: dezent) liebt, der aber seine Neue (Daniela Knappe: Comic-Lady) schon betrügt . . .

Mit der Kunstartigkeit seiner Bilder trifft Seifert genau die existenzielle Kunsthaftigkeit dieser Generation - Kinder der verwöhnt-fetten 80er-Jahre. Nicht in der Lage, mit Krankheit, Tod und Lebenskampf fertig zu werden, flüchten sie sich in Herumlungern, Süchte und, wie Gundula, in Bulimie und Psychosen. Thema nicht neu, aber gut dramatisiert - nur mit weiteren Problem-Themen eindeutig soziokritisch überfrachtet. Wobei die kabarettistischen Schwulen-Piloten und über Aids quasselnden Flughafen-Putzen zwar ganz amüsant, letztlich aber kleine Qualitätsminderungen sind.

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