Durch die Gleitsichtbrille von Gerard Kanduth, 20111.) - 2.)

Durch die Gleitsichtbrille.
Ein heiter-ironisches Panoptikum von Gerard Kanduth (2011, Hermagoras).
Besprechung
von Jelena Dabic im Literaturhaus-Buchmagazin www.literaturhaus.at, 28.10.2011:

Es ist vielleicht nicht ganz so geschickt, schon im Untertitel eines Buchs darauf hinzuweisen, dass die Lektüre lustig sein wird. Schon besser ist eine indirekte Anspielung auf das Alter des lebenserfahrenen Menschen- und Gesellschaftsbeobachters, der dem Leser Einsicht in verschiedenste Bereiche gewähren wird.

Da ist zum Beispiel die alt bekannte (Familien)urlaubssituation: zu all dem Streit, der sich zwischen Mann, Frau und Kind am Strand so anbietet, gesellt sich noch die unvermeidliche Frage, für welchen Krimskrams man Geld ausgeben soll und für welchen nicht. Das Schweizer Urlauberpaar, hier am Strand von Cavallino, wird von einem afrikanischen Strandverkäufer in Versuchung geführt, Handtücher von zweifelhafter Qualität zu erwerben. In einer anderen Urlaubsgeschichte landet eine Kärntner Familie in einer mehr als zweifelhaften griechischen Pension. Der mürrische Hausherr, der Verstöße gegen die von ihm aufgestellten Regeln schon einmal mit Duschwasserentzug sanktioniert, bekommt Konkurrenz von einem Strandverkäufer, der den auch essensmäßig eher unterversorgten Gästen Krapfen feilbietet.

Die beste Strandgeschichte – und zweifellos die beste Geschichte des ganzen Bandes – spielt allerdings in und um Jesolo und ist eine überaus gelungene Paraphrase auf Donna Leons Kriminalromane um Kommissar Brunetti. Hier hat man es mit dem nicht minder sympathischen Commissario Brancino zu tun, der gleichsam in seiner Geschichte gefangen ist und sich vergeblich daraus zu befreien versucht. Die Lady, also die Verfasserin des Romans, in dem er die Hauptrolle spielt, hat sich einen Verlauf ausgedacht, mit dem der grundanständige Commissario nicht immer einverstanden ist. Außerdem dürfte er selbst in einen Mord an einer Frau verwickelt sein … Die immerhin achtzehn Seiten zählende Erzählung, die dem Leon'schen Original in nichts nachsteht, endet schließlich damit, dass die Hauptfigur von der Autorin ein für allemal aus der Geschichte verbannt wird. Comissario Brancino hat sich als ihres Krimis nicht würdig erwiesen.

Als Kontrastprogramm zu den Strandgeschichten bieten sich drei Texte an, die ausdrücklich mit Ländliche Perspektiven betitelt sind. Der eindrücklichste davon ist mit Sicherheit jener um einen Grenzstein, der die Grundstücke zweier Kärntner Bauern voneinander trennt. Eines Nachts verschwindet der Grenzstein und ruft einen langwierigen Streit persönlicher wie rechtlicher Natur hervor, der böse endet. Die Auflösung des Rätsels, wer denn den Stein verrückt habe, wird dem Leser aber gegönnt. Allerdings nach langem, vielleicht zu langem Hin- und Her zwischen zwei stolzen und wohl unterbeschäftigten alternden Männern, für die das Rechthaben und im Recht sein über alles geht. In einer anderen, kürzeren Geschichte plagt sich ein Bürgermeister mit den ausbleibenden Touristen in seinem Ort, einem abgelegenen Kaff, das sich weder für Bade- noch für Schiurlaube eignet. Nach nächtelangem Grübeln kommt ihm doch noch eine rettende Idee. In der Aufnahmsprüfung bewirbt sich ein unmusikalischer Zehnjähriger um die Aufnahme an einem musischen Stiftsgymnasium. Der Andrang aufs Gymnasium scheint mittlerweile auch die Provinz erreicht zu haben: „Dass es diesmal so viele versuchen, liegt weniger an den guten Ratschlägen des allzu routinierten Schulpsychologen, der beim Elternabend die Vorzüge der Hauptschule gepriesen hatte, als an der engagierten jungen Lehrerin, die keinen intellektuellen Unterschied zwischen Landschädel und Stadtkopf gelten ließ.“ Dass die ganze Prozedur für Eltern (Mütter!) noch mehr Stress bedeutet als für die Prüflinge, versteht sich von selbst.

Von den stärker politisch bestimmten Texten der beiden anderen Kapitel, Kulturelle Streifzüge durch Kärnten und Angewandte Rhetorik, ist Kultur im Lendkanal wohl der herausragendste. Kanduth nimmt hier die Klagenfurter Kulturelite auf die Schippe: in Form eines auf „Kultur“ getauften Schiffes, das, mit den Kulturschaffenden des Landes und ausgesuchten Gästen beladen, als Symbol und Austragungsort eines „Kulturevents“ den Lendkanal passiert. Gleichzeitig lässt der Autor den Leser über eine ganze Reihe von Sehenswürdigkeiten der Kärntner Hauptstadt schmunzeln.

Kanduths Beobachtungen sind hochaktuell, äußerst informativ und unglaublich unterhaltsam. Für jede Situation, für jede Geschichte und jede Textsorte trifft er den richtigen Ton. Selbst die Namen (Martha und Konrad Katholnig für das Kärntner Urlauberpaar, Bernhard und Marie Täggli für das Schweizer Pendant, Justus Graninger und Fridolin Wallner für die beiden zerstrittenen Bauern) passen wie angegossen, ebenso die Lebensumstände der Figuren (die Tochter des grantigen Pensionsbesitzers auf Kreta besucht eine Textilfachschule). Darüber hinaus bieten diese Aufzeichnungen jede Menge von historischem, kulturhistorischem und politischem Detailwissen, das von bemerkenswerten Kenntnissen des erfahrenen Kärntner Satirikers zeugt. Dass der 1958 Geborene, im Zivilberuf Richter, auch Lyrik und Kurzprosa schreibt, ist gut zu wissen. Denn wer einen Kanduth gelesen hat, wird zweifellos auch zu einem zweiten greifen.

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Leseprobe I Buchbestellung I home 1111 LYRIKwelt © Jelena Dabic, literaturhaus.at

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2.)

Durch die Gleitsichtbrille von Gerard Kanduth, 2011Durch die Gleitsichtbrille.
Ein heiter-ironisches Panoptikum von Gerard Kanduth (2011, Hermagoras).
Besprechung von Helmut Schönauer aus Rezensionen-online,  Oktober 2011:

Wohl die wenigsten, die sich eine Brille überstülpen, ahnen, dass es sich dabei vielleicht sogar um eine eigene Literaturgattung handeln könnte.

Gerard Kanduth versieht seine Beobachtungen mit der Optik einer Gleitsichtbrille, die Geschehnisse gehen fließend von der realen Wahrnehmung in die fiktive Gedankenverarbeitung über, der Blick ist gereift, wie bei einem Gleitsichtbrillenträger.

Mit vier visuellen Einstellungen nähert sich der Autor Alltäglichkeiten, die einerseits aus der Welt der Judikatur, andererseits aus dem Fundus der Literatur gespeist werden.

Mit "Ländlichen Perspektiven" startet die Rundschau. Ein Kind fährt mühsam zu einer Aufnahmeprüfung und muss sich vom prüfenden Lehrer verarschen lassen, es kann nicht einmal beantworten, ob die Prüfung gelungen ist, aber der Lehrer hat offensichtlich ein eigenes Verhöhnungs-Lied zu Ehren des Kandidaten geschrieben. - An anderer Stelle, die wie ein Horrortrip von Kafka aufgebaut ist, kann der Bürgermeister K. nicht einschlafen, weil die Nächtigungen im Ort zurückgehen. Er wird den Fremdenverkehr verbieten, vielleicht kommt dann jemand zur Nächtigung, wenn es verboten ist. - In der tiefsten Provinz kommt es wegen eines Grenzsteins zu einer letalen Verwicklung unter Nachbarn, nicht einmal das Gericht kann diesen Streit schlichten.

In den "Strandgeschichten" benehmen sich Kärntner auf Kreta und in Italien recht auffällig, vielleicht hängt das auch nur mit ihren "nudelschweren Bäuchen" (47) zusammen, die ihnen sämtliche Durchblutung aus dem Hirn abziehen.

Ziemlich possenhaft geht es in den "kulturellen Streifzügen durch Kärnten" zu, ein Schiff wird pompös am Lendkanal festgemacht und auf den Namen Kultur getauft. Allerhand Adabeis steuern es künftig durch den Wörthersee und fühlen sich auf hoher See. Begleitet wird diese Kreuzfahrt von trivialen Graffiti, wie sie quer durch das Land gesprüht sind.

In der Abteilung "angewandte Rhetorik" geht es schließlich um Skurrilitäten, die die korrekte Anwendung der Fachsprache in einem unkorrekten Land auslöst. So verunsichert ein Hofrat mit der Kundmachung einer Pensionskürzung ganze Landstriche, in einer juridischen Vogelkunde werden Standarddefinitionen ad absurdum geführt, etwa "Mutter ist die Frau, die das Kind geboren hat" (107), in einer Jahresbilanz wird Mitarbeiterinnen gedankt, dass sie auch im Urlaub einsatzbereit und unproduktiv geblieben sind.

Gerard Kanduth blättert diese Kleinodien durch, wie man vielleicht eine Gebrauchsanleitung liest, wenn das Gerät defekt geworden ist. Irgendwie sind diese Figuren alle defekt, aber es tut nicht weh, sie bleiben auch im Defekt liebenswert. Wer die Gleitsichtbrille ein wenig verschiebt, kann auch mit diesen schrägen Typen gut auskommen. - Eine feine Methode, Störungen im Provinzleben erträglich zu machen!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Rezensionen-online Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks-Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 1011 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Helmut Schönauer/Rezensionen-online