Durch den Schnee von Warlam Schalamow, 2007, Matthes&SeitzDurch den Schnee.
Erzählungen aus Klyma von Warlam Schalamow
(2007, Matthes&Seitz, hrsg. von Franziska Thun-Hohenstein - Übertragung Gabriele Leupold)
Besprechung von Ralph Dutli in der Neue Züricher Zeitung vom 4.11.2007:

Am Kältepol der Grausamkeit
Gulag Neben Solschenizyn gibt es einen weiteren Chronisten des Gulag: Warlam Schalamow

In der Erzählung «Die Einzelschicht» merkt der Häftling Dugajew, dass er allmählich schwächer wird, dass er seinen
16-Stunden-Tag nicht länger durchhält. «Dugajew karrte, hackte und kippte, und wieder: karrte, hackte, kippte.» Als er trotz aller Rackerei nur fünfundzwanzig Prozent der Tagesnorm erfüllt, wird er nachts abgeholt und an einen abgelegenen Ort geführt. Im Schlusssatz enthüllt sich Warlam Schalamows einsame Kunst des Unausgesprochenen. «Und als Dugajew begriff, worum es ging, bedauerte er, dass er umsonst gearbeitet, sich umsonst gequält hatte an diesem letzten heutigen Tag.»
Wie konnte der Welt des Gulag, in der Zwangsarbeit, Frostkälte, Hunger, Schläge, Tod und Entwürdigung herrschten, bedeutende Literatur entspringen? Der 1907 im nordrussischen Wologda geborene und 1982 in Moskau verstorbene Schalamow war von der Unsagbarkeit und Nichtdarstellbarkeit der Lagerwelt überzeugt und hat ihr dennoch überzeugende Texte abgerungen. Seine «Erzählungen aus Kolyma» blieben aber lange ein Geheimtipp. Der Autor wurde im Schatten Solschenizyns, des Übervaters der Lagerliteratur, kaum wahrgenommen.
Mit dem eindrücklichen Band «Durch den Schnee» eröffnet der Verlag Matthes & Seitz eine sechsbändige Werkausgabe, die diesem Schattendasein endlich ein Ende setzen wird.

Beben unter den Zeilen

Schalamow verbrachte vierzehn Jahre in der Lagerhölle am nordostsibirischen Fluss Kolyma, an jenem «Kältepol der Grausamkeit», wo Millionen Menschen der Vernichtung zugeführt wurden. Schon 1945 zirkulierte das verstörende Wort vom «Auschwitz ohne Öfen». Nach
seiner Rückkehr aus der Hölle blieb ihm eine einzige Lebensaufgabe: jenes Universum des Schreckens aus seiner Erinnerung heraus zu beschwören, gegen die allgemeine Amnesie anzukämpfen.
Unter den russischen Autoren, die über den Gulag geschrieben haben, blieb er ein Sonderfall. Denn nie darf man bei ihm moralische Erbauung geniessen, keine Anklage eines Unrechtsregimes erwarten. Gerade durch die radikale Trost- und Sinnverweigerung erklärt sich seine heillose Modernität. Schalamow ist ein literarischer Solitär. Er wollte «authentische» Literatur, eine paradoxe «nichtliterarische Literatur».
Doch diese Nicht-Kunst ist durchtrieben komponiert und von bestechender erzählerischer Ökonomie. Gabriele Leupolds Übersetzung ist vorzüglich in ihrer Präzision, in ihrer scheinbaren Emotionslosigkeit, die nie das Beben unter den Zeilen verleugnet.
Was Schalamow letztlich umtreibt, ist das Faszinosum der Zählebigkeit des Menschen. Dieser zeigt selbst als Wrack, als von den Goldgruben ausgespuckte «menschliche Schlacke», einen unverständlichen Lebenswillen. Die Erzählung «Regen» spricht von einem Versuch, sich das Bein zu zertrümmern, doch er misslingt gründlich und führt zur Einsicht, «dass ich weder zum Selbstverstümmler noch zum Selbstmörder tauge. Mir blieb nur zu warten, bis das kleine Unglück abgelöst wird durch ein kleines Glück, bis das grosse Unglück sich erschöpft. Das nächste Glück war das Ende des Arbeitstags, drei Schluck heisse Suppe.»
Schalamows Erzählungen sollte man jedem wohlstandssatten, gedächtnislosen Zeitgenossen per Rezept verschreiben, damit er wieder weiss, in welcher Welt er lebt. Schalamows Lager-Pandämonium erlaubt tiefe Einblicke in die Abgründe des Menschenmöglichen.
Unter dem Titel «Was ich im Lager gesehen und erkannt habe» steht als Erstes: «Die ausserordentliche Fragilität der menschlichen Kultur und Zivilisation.
Der Mensch wurde innerhalb von drei Wochen zur Bestie – unter Schwerarbeit, Kälte, Hunger und Schlägen.»
Ein Pullover kann unter Häftlingen, die nur «Staatswäsche» tragen, zum Verhängnis werden, weil das Kriminellenoberhaupt beim Kartenspiel noch einen Einsatz braucht. Auf das Kommando «Los, ausziehen» erwidert der Pulloverbesitzer: «Nur mitsamt der Haut.» Einen
Augenblick später wird er erstochen.
Es ist typisch für Schalamows Erzählschlüsse, dass keine Auflehnung folgt, nur die umso schmerzhaftere Lakonie.
«Das Spiel war aus, und ich konnte nach Hause gehen. Zum Holzsägen musste ich mir jetzt einen anderen Partner suchen.» Das Geschehen wird nicht eingebettet in einen «höheren Sinn», es bleibt enigmatisch, verstörend. Die Welt ist die Lagerwelt – ohne Sinn.

Im Schatten Solschenizyns

Es ist ein Glücksfall, dass die Zeitschrift «Osteuropa» zeitgleich ein ausgezeichnetes Themenheft mit dem Titel «Das Lager schreiben» herausbringt. Es bietet einen Leitfaden zur Orientierung in einem dunklen Universum, verfasst von Experten wie Nicolas Werth, Michail Ryklin und anderen. Wer mehr über Schalamows «Poetik der Unerbittlichkeit » erfahren will und Gründe dafür sucht, warum dieser Autor immer im Schatten Solschenizyns verharren musste, wer sich die Frage stellt, ob es nicht auch «Widerstand im Gulag», Meuterei und Flucht gegeben habe, der greift mit Gewinn zu diesem Materialienband, in dem auch Schalamows Notate über seine eigene Prosa und über die Nichtdarstellbarkeit der Lagerwelt nachzulesen sind.
Nicht nur hier dämmert einem, wer oder was dieser Schattenautor eigentlich war:
ein Prosaist ersten Ranges.

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