Dunkle Gesellschaft von Gert Loschütz, 2005, FVADunkle Gesellschaft.
Roman in zehn Regennächten von Gert Loschütz (2005, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 19.10.2005:

Schiffer, pass auf!
Gert Loschütz' furioser, regentriefender Roman "Dunkle Gesellschaft"

Der Himmel hängt tief über der niedersächsischen Provinz; es regnet unaufhörlich, die Pegel steigen, das Land ist unwirtlich, düster und flach. In den Nächten geht eine Gestalt um, die es hierhin, in dieses kleine Dorf am Rande von allem, verschlagen hat. Oder wurde sie einfach hierher getrieben, angespült, vom Schicksal, vom Zufall? Thomas, ein Mann Mitte Fünfzig, ein ehemaliger Binnenschiffer, der stets "die Überzeugung pflegte, dass Städte ohne Fluss gar keine richtigen Städte sind, weil ihnen die Achse fehlt, an der sie sich ausrichten können"; Thomas also unternimmt seine nächtlichen Touren.

Stets ist es ein im Grunde unbedeutendes Ereignis, das seine Erinnerung in Gang setzt: Das Klimpern der Stanniolstreifen in den Kirschbäumen, ein Hundebellen, die Ahnung eines Brandgeruchs in der Luft, das lang gezogene Hupen eines in der Ferne vorbeifahrenden Lastwagens - beinahe synästhetisch arbeitet Thomas' fein austarierter und hochnervöser Wahrnehmungsapparat, der in zehn Regennächten, so der Untertitel des Romans, den Erinnerungsschub auslöst, bis der Erzähler am Ende gezwungen ist, das Dorf zu verlassen.

Der nächtliche Marsch ist das Grundgerüst dieses hoch spannenden, ungemein sorgfältig und raffiniert konstruierten Romans. Auf den lehmigen Wegen umherstreunend, memoriert Thomas, chronologisch ungeordnet, einer rein assoziativen Logik folgend, neun Episoden seines Lebens, neun Erlebnisse mit mehr oder minder katastrophalem Ausgang. In der zehnten Geschichte schließlich macht das Wasser den Spaziergang unmöglich. Drei Faktoren sind es, die Thomas' Leben entscheidend geprägt haben: Die Flüsse, auf denen er gefahren ist, sein Hang zur Passivität und dazu, sich auch außerhalb der Fahrrinnen treiben zu lassen, und die titelgebende Dunkle Gesellschaft, eine Gruppe schwarz gekleideter Menschen, vor der bereits der Großvater gewarnt hat ("‚Gefährliches Volk', hörte ich ihn, als er weiterging, murmeln. ‚Thomas, pass auf!'").

Die Dunklen, die Starren, sie sind auch der Grund dafür, dass der Erzähler sich von den Schiffen abgewandt hat. Eines Nachts steht er am Fenster seiner Berliner Wohnung und blickt nach unten auf den Kanal, weil er ein Geräusch gehört hat, "ein Pfeifen in der Luft, ein Pfeifen oder Sirren". Am Geländer eine Frau, das Kleid hochgeschoben, dahinter ein Mann mit einer Reitpeitsche, die er auf die Frau niedersausen lässt. Die Unglücke, die am nächsten Tag geschehen, sind wirklich und scheinen doch übersinnlich motiviert: ein Zugunfall in Süddeutschland, ein Brief, der Thomas' Patent für ungültig erklärt, ein Börsencrash, der ihn um all seine Ersparnisse bringt, der Vermieter, der ihm die Wohnung kündigt, woraufhin er beschließt sich "von allen Flüssen und flussähnlichen Gewässern fernzuhalten" und ins Wendland zieht, in ein Rundlingsdorf (leicht zu identifizieren als der Ort Schreyahn, in dessen Künstlerhof sich Gert Loschütz im Jahr 2001 für ein Stipendium aufhielt). Von dort aus nimmt Thomas uns Leser mit in seine Vergangenheit, in die Geschichte seiner Unterlassungen und unheimlichen Erlebnisse.

An das Naval College in Greenwich, wo er zu Beginn der Siebzigerjahre seine Prüfung ablegte. Nach Rom, wohin es ihn gut 15 Jahre später, nach dem Verlust seines Kahns, in seiner Eigenschaft als Schlafwagenschaffner verschlagen hat. Nach Manhattan, wo er seinen ersten Job angenommen hat. Die dunkle Gesellschaft reist mit - oder ist sie überall? -, und wo immer Thomas sich aufhält, geschieht Merkwürdiges: Kollegen verschwinden spurlos und tauchen nie mehr auf; ein Mann setzt seinen eigenen Garten in Brand; Thomas' College-Lehrer kommt unter mysteriösen Umständen ums Leben; eine Frau wird ermordet. All diese Ereignisse sind erklärbar und vielleicht auch doch wieder nicht.

Denn Gert Loschütz hält jedes einzelne dieser kleinen Meisterstücke kunstvoll in der Schwebe zwischen einer in ihnen mit (schauer)romantischen Motiven, mit Spiegelungen und Doppelgängermotiven, erzeugten Atmosphäre des Unbehagens einerseits, und der nüchternen, vermeintlich präzisen Sprache des Erzählers andererseits, deren Suggestionskraft dennoch immer wieder für eine kleine Gänsehaut gut ist. Dieser kalkulierte formal-ästhetische Widerspruch zeitigt ein rares Ergebnis, eine Prosa, die den Leser aufs äußerste anspannt und fordert, ihm unheimlich wird, ohne dass sie diffuses Geraune nötig hätte:

"Das verwaschene Licht schwankt übers Wasser und wird sogleich wieder ausgeschaltet. Ein Ruf tönt herüber, Vogelruf eher als der von Menschen, ein ungewiss über den Damm schwebendes Pfeifen. Es fliegt über meinen Kopf, und als es verklungen ist, höre ich jemanden neben mir, so nah, dass ich ihn berühren zu können meine. Ist da jemand?"

Loschütz' Dunkle Gesellschaft ist wortwörtlich tief in der Literaturgeschichte verankert: "Mein Schiff ist verloren!", ruft der Kapitän in Wilhelm Hauffs Märchen "Das Geisterschiff", "dort segelt der Tod!" Kurz darauf kommt ein Sturm auf und das Schiff sinkt tatsächlich. Bei Loschütz klingt das so: "Diese aber saßen wie Schaufensterpuppen auf ihren Bänken, die Hände im Schoß, keine Miene regte sich in den blassen, ja weißen Gesichtern, ihr Blick ging nach vorn, und ihr Mund war ein dünner Strich, ein warmer Tag, aber die Luft über dem Sonnendeck schien geforen."

Die Tradition der nautischen Geisterfahrten in das Zwischenreich von Realität und Traum, von Melvilles Moby Dick und Conrads Herz der Finsternis (zwei Romane, die Gert Loschütz als frühe prägende Leseerlebnisse nennt) bis hin zu B. Traven und Hans Henny Jahnn - sie wurde schon seit längerer Zeit in der deutschen Literatur nicht mehr gepflegt. Loschütz greift den Topos auf, überführt ihn ins Heute und entzieht ihm die Mystik, nicht aber das Geheimnis. Dunkle Gesellschaft ist eindeutig ein deutscher Gegenwartsroman, in dem die Geschehnisse nicht bloß als unumgängliches Verhängnis, sondern auch als von Menschen gemachtes Übel daherkommen.

Vage ist hier gar nichts, doch die Präzision des Erzählers ist, wie angedeutet, nur vorgeblich - nicht selten verstrickt Thomas sich in Widersprüche, korrigiert sich rückwirkend, erinnert sich genau dann nicht mehr an bestimmte Details, wo sie gerade besonders wichtig wären, oder spart Zusammenhänge einfach aus. Das ist so geschickt gemacht, dass es gar nicht weiter auffällt, weil die Geschichten auch in der Surrealität, von der sie stellenweise durchzogen sind, so konsistent erscheinen, dass man sich ab und an die Frage stellt, ob es nicht Lebenslinien, sondern manchmal auch Traumpfade sind, auf denen Thomas uns hier entlangführt durch eine unheilvolle, befremdliche Welt.

Ein Sinnesreiz setzt den unheimlichen Strom in Gang, den Strom der Erinnerung

Rätselhaft bleiben auch die Starren, die Dunklen, die apokalyptischen Vorboten des Ungemachs. Sind sie eine Schattenprojektion, der Ausdruck all dessen, was Thomas in seinem Leben eben nicht getan hat? Ein Symbol für das alles mit sich Reißende, bloß Zerstörerische? In der entfesselten, unkontrollierbaren Natur, die die Grundierung von Dunkle Gesellschaft bildet, im Dauerregen, der alles unterspült und aufweicht, lösen sich auch die Identitäten, die Gewissheiten auf. Wir bewegen uns zusehends auf schwankendem Boden, in einer tristen Welt - bis zur furiosen letzten Geschichte, deren Inhalt nachzuerzählen Verrat am Leser wäre.

Dort blitzt es noch einmal auf, das Unglück, dem sich die Menschen ausliefern, weil sie nicht anders können, und das hier ein Paar aus dem Rundlingsdorf, mit dem Thomas in einer seltsamen Dreiecksbeziehung verbunden ist, dazu veranlasst, in den Bus mit den dunklen Scheiben einzusteigen, der umgehend lautlos davon gleitet. Das Unglück heißt Liebe; ein Unglück ist es, wenn sie da ist und es ist auch eines, wenn sie nicht da ist. Ja, ganz zum Schluss wird Dunkle Gesellschaft zu einer dunklen Liebesgeschichte. Oder war es die ganze Zeit schon eine, wenn auch die der abwesenden Liebe?

Gert Loschütz, Jahrgang 1946, ist ein Wenigschreiber. Der letzte Roman, Flucht, liegt fünfzehn Jahre zurück, dazwischen erschien ein Band mit Kurzprosa. Und nun ein Buch, das vom ersten Satz an elektrisiert und irritiert und auch nach der Lektüre noch weiterarbeitet, auch dann, wenn Thomas, den wir auf einigen Stationen seiner scheinbar ziellosen Lebensreise begleitet haben, schon längst wieder unterwegs ist, im Zug sitzt, vielleicht zurück auf dem Weg zu den Flüssen, von denen er nicht lassen kann.

"Es gibt, denke ich", schreibt Loschütz in einem Essay, "für jede Geschichte nur eine, eine einzige Weise, die die richtige ist. Was übrigens nicht heißt, dass die gleiche Geschichte von verschiedenen Autoren nicht unterschiedlich erzählt werden könnte". Dunkle Gesellschaft, das sind gleich zehn Geschichten, die nur so, wie dieser Autor sie erzählt, zu dem werden, was sie sind - ein Glücksfall für jeden Leser und ein literarisches Virtuosenstück, das uns beklommen zurücklässt.

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