Dummer August von Günter Grass, 2007, Steidl1.) - 2.)

Dummer August.
Gedichte von Günter Grass (2007, Steidl).
Besprechung von Wolf Scheller aus den Nürnberger Nachrichten vom 17.03.2007:

Ein Nobelpreisträger spielt den «Dummen August»
Günter Grass reagiert mit seinem neuen Gedichtband auf den selbst inszenierten Skandal um seine Autobiografie

Mit seiner Autobiografie sorgte Nobelpreisträger Günter Grass (79) letzten Sommer wochenlang für Schlagzeilen. Als Reaktion darauf legt er nun den schön gestalteten Gedichtband «Dummer August» vor.

Wie hat das damals in den fünfziger Jahren mit dem Lyriker Grass angefangen! Ein bisschen Expressionismus, ein bisschen federleicht: «Ein Vogel prahlt im Gebälk seines Baumes…» Aber den Lyriker Grass kennt man wohl eher von «Die Vorzüge der Windhühner».

Damals ahnte niemand, dass dieser junge Mensch mit der Aura kraftstrotzender Vitalität zuerst zum Bürgerschreck, dann zum Repräsentanten deutscher Nachkriegsliteratur mit Nobelpreiswürden aufsteigen würde. Aber dann im August vorigen Jahres der Schock, das Bekenntnis sechzig Jahre nach Kriegsende, Angehöriger der Waffen-SS gewesen zu sein. Empörung, Scham und Schande, nahezu weltweite Entrüstung, nicht immer ehrlich, oft genug geheuchelt. Monatelang redeten alle über Grass.

Der sah sich bald umstellt von einer Vielzahl selbstgerecht auftretender Kritiker, nahm übel, versuchte sich so gut es ging, zu verteidigen, oft mit dürren Worten und nicht immer einsichtigen Argumenten. Deswegen musste jetzt dieses Buch «Dummer August» entstehen, als Antwort auf die wilde Debatte eines Sommers, als Reaktion auf eine im Wesentlichen von den Medien gesteuerte Auseinandersetzung nach dem Erscheinen seines Erinnerungsbuches «Beim Häuten der Zwiebel».

Wie kann sich ein Dichter, ein Künstler am besten zur Wehr setzen? Wohl doch nur mit den Mitteln seiner Kunst. Also antwortet Grass mit Gedichten und Zeichnungen, wendet sich an seine Gegner, mitunter in einem Ton, der zwischen Verbitterung und Resignation schwankt.

«Wohin fliehen?» fragt er, ermuntert sich aber sogleich zum Ausharren mit dem trotzigen Vers: «Also bleiben, / wechselnde Wetter aushalten / und wie gelernt / gegen den Wind spucken, / denn noch / ist nicht alles gesagt.»

Günter Grass als «Dummer August» («Schon komme ich mir komisch vor, gestellt vors Schnellgericht der Gerechten…»), mit spitzem Hut, eine Clownsfigur. Dieser «dumme August» steht am unteren Ende der Hierarchieleiter, und meistens empfinden die Zuschauer eher Sympathien für den warmherzigen, aber dummen August als für den besserwisserischen Weißclown.

«Dummer August» ist keine Abrechnung, eher ein nachdenkliches Befragen der eigenen Position in der heraufziehenden Dämmerung des Alters. Grass, dessen Erzählton eine gewisse Derbheit nicht abzusprechen ist, begegnet uns in seinen Gedichten oft mit einer stillen Zartheit, die naturgebunden, in der Einsamkeit des Waldes gewachsen scheint. Und Heiteres ist ihm auch nicht fremd: «Bald – ist zu ahnen – werde ich nur noch mit mir plaudern, redselig wie ich bin.»

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Dummer August von Günter Grass, 2007, Steidl2.)

Dummer August.
Gedichte von Günter Grass (2007, Steidl).
Besprechung von radl aus den Nürnberger Nachrichten vom 24.03.2007:

Die Chronik einer Medienschlacht
Eine seltsame Verteidigungsveranstaltung für Günter Grass im Leipziger Rathaus

Die Debatte um die moralische Glaubwürdigkeit des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass sorgte im letzten Sommer weit über die deutschen Feuilletons hinaus für Schlagzeilen. Entzündet hatte sich der Streit an einer kurzen, leicht zu überlesenden Stelle der Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel»: Grass bekannte erstmals, dass er in den letzten Kriegsmonaten als 17-Jähriger Angehöriger der Waffen-SS gewesen war.

Die daran anschließende, oftmals hysterisch geführte Diskussion hat Grass offenbar tief verletzt. Mit seinem soeben erschienenen Gedichtband «Dummer August» will er einen Schlusspunkt setzen: Er sieht sich vor allem als Opfer einer Hetzkampagne, sicherlich nicht ganz zu Unrecht.

Trotzdem bleibt bei der Lektüre ein schaler Beigeschmack – ebenso wie bei der eigenartigen Wiedergutmachungsveranstaltung im Rahmenprogramm der Leipziger Buchmesse. Denn bevor Grass seine neuen Gedichte persönlich dem Messepublikum präsentierte, wurde im schwach besuchten Rathaussaal Martin Kölbels Dokumentation des Skandals, «Ein Buch, ein Bekenntnis», vorgestellt. Es ist ein aufschlussreicher Pressespiegel tausender von Artikeln, der auch viel über Medien-Mechanismen verrät. Bei der Präsentation saß Grass mit seiner Frau schweigend in der ersten Reihe. Was er wohl an diesem Abend von den gut gemeinten Verteidigungsreden seiner Bewunderer gehalten hat?

Eine europäische Perspektive bei der Bewertung des Skandals sollte aufgezeigt werden. Zu Wort kamen der polnische Philosoph Adam Krzeminski, der britische Germanist Neil Asherson und der dänische Übersetzer Per Øhrgaard. Neue Argumente aber waren kaum zu hören. Natürlich stimmt es, dass die literarische Bedeutung der Lebensbeschreibung von Grass in der Medienschlacht unterging. Und natürlich war die Debatte teilweise scheinheilig und verlogen.

Aber Günter Grass hat es nicht nötig, dass ihn ein paar Getreue öffentlich in Schutz nehmen und seine Wunden lecken. Er ist ein Meister der (literarischen) Selbstverteidigung. Und sei es, dass er clever den «Dummen August» spielt. An diesem Abend sagte er kein Wort und signierte geduldig alle Bücher aus dem Steidl-Verlag – die Autobiografie, den Gedichtband und die Dokumentation.

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