Du Gegenden.
Gedichte von Yüksel Pazarkaya (2005, Sardes Verlag).
Besprechung von Martin Droschke aus den Nürnberger Nachrichten vom 10.01.2006:

Zwischen den Kulturen
Neue Erzählungen des Erlanger Autors Habib Bektas

Deutschland schimpft liebend gern auf die mangelnden Sprachkenntnisse der seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts ins Land geholten Migranten. Gleichzeitig gehört es fast schon zur Tradition des Kulturbetriebs, sich auf keinen Fall allzu intensiv für das Schaffen gebürtiger Türken, Italiener, Russlanddeutscher etc. zu interessieren, schon weil der Markt so eng ist, dass Aufmerksamkeit für die anderen mehr Konkurrenz und damit weniger Spielraum für die Muttersprachler bedeuten würde.

Habib Bektas, 1973 aus der Türkei nach Deutschland emigriert, wird in der Region hoch geschätzt als Betreiber des Erlanger Theatercafés und ist längst eine Institution in der Stadt. Sein literarisches Werk hingegen findet aller Verwurzelung in der hiesigen Szene zum Trotz nur in seinem Geburtsland die Resonanz, die ihm gebührt. Nur dort wurden Bektas renommierte Preise verliehen und wurde ihm die Verfilmung eines Romans angetragen.

„Ein gewöhnlicher Tag“ lautet der Titel von Bektas’ jüngstem Versuch, sich mit unaufgeregten, geradeheraus erzählten Impressionen aus einem von zwei Kulturen gespeisten Alltag auch hier zu Lande ein Publikum zu erschreiben. Gemeinsam mit „Du Gegenden“, einem fest in der türkischen Literaturtradition verwachsenen Gedichtband des 1958 nach Deutschland übersiedelten Yüksel Pazarkaya, stellt er das erste Programm des Sardes-Verlags, den Bektas mangels Interesse bestehender Editionen an Einwanderer-Literatur gegründet hat.

Während Pazarkayas auf Deutsch und Türkisch abgedrucktes, mit großen Bildern durchsetztes Epos das abstrakte Thema Sehnsucht besingt, erzählt Bektas seine Anekdoten mit einer fast schon naturalistischen Bodenhaftung. Mit nur wenigen Strichen zeichnet er mal eine Kindheit irgendwo im türkischen Hinterland, dann wieder reflektiert er das Zusammenspiel von Migranten und Nicht-Migranten in Deutschland. Immer wieder drängen sich Elemente des Märchens, des Gleichnisses und der Parabel in die Geschichten hinein und stemmen die dokumentarisch nüchternen Szenen auf eine symbolische Ebene.

Das erinnert an Rafik Schami und Eric-Emmanuel Schmitt, auch wenn „Ein gewöhnlicher Tag“ schon deshalb nicht ganz so gefällig daherkommen kann wie die Bücher der beiden Starautoren, weil sich Bektas auch unappetitlicher Themen wie der Folter annimmt.

Zweite Heimat

Was das Deutschland-Bild betrifft, das „Ein gewöhnlicher Tag“ aus der Perspektive eines Erzählers aufstellt, der immer auch eine zweite Kultur mit im Blick hat, nimmt die Apotheke als Ort, an dem auch ein kleines Wehwehchen zu einem großem Leid aufgebauscht werden kann, verstörend viel Raum ein.

Symptomatisch für die Türkei scheint hingegen ein Standesdünkel zu sein, der die Dörfer in gesellschaftliche Kasten aufspaltet. Wer im Wohlstand lebt, verbietet seinen Kindern den Umgang mit Minderbemittelten — doch zum Glück knüpfen die Kleinen bei Bektas ihre Freundschaften, ohne sich um die Schranken zu kümmern.

Die Schärfe der Beobachtung definiert den enormen Wert dieses Bands, der mit Worten vermitteln, nicht verurteilen will. Besser weg kommt keine der beiden Kulturen, zwischen denen die kurzen Geschichten hin und her wechseln. Jede hat ihre ganz eigenen Tücken, aber natürlich auch ihre speziellen Vorzüge. Bektas will sein eines Zuhause nicht gegen das andere ausspielen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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