Dufays Requiem von Wolfgang Schlüter, 2001, EichbornDufays Requiem.
Roman von Wolfgang Schlüter (2001, Eichborn).
Besprechung von Guido Graf in der Frankfurter Rundschau, 27.6.2002:

Harmonie des Todes
Lauter Töne: "Dufays Requiem" von Wolfgang Schlüter

Von diesem Roman ein Hörbuch herzustellen, dürfte in der Kalkulation des Verlags von Anfang an enthalten gewesen sein. Es wäre dennoch ein Missverständnis. Jeder Buchstabe, jede Silbe in Dufays Requiem von Wolfgang Schlüter scheint ein Ton zu sein, die Sätze und Kapitel bisweilen komplexe Teile einer epochenübergreifenden Polyphonie, deren unerreichtes Ideal die Gleichzeitigkeit ist. In ihm scheinen Klang- und Sprachkörper miteinander zu verschmelzen.

Am Anfang des Romans steht ein rätselhafter Tod. 1927 wird ein Soldat im strömenden Regen auf einer abgelegenen englischen Straße erschossen aufgefunden. Der Kamerad, der ihn begleitet, sagt später aus, er hätte Gesang gehört, von allen Richtungen her. Nachdem dann Werner Hübschmann, ein 56jähriger gräulicher Oberstudienrat, einen kurzen Abriss seiner Jugendzeit gegeben hat, anekdotisiert er seine allumfassende musikalische Prägung durch den Lehrervater. Von ihm hat er die Wirkung von Musik als Wut und Gewalt gelernt. Immer hieß das Schicksal dabei Mittelmäßigkeit. Doch der zwanghaft heilige Zorn des Vaters ließ ihm den Gesang von Bach-Kantaten auch wie Regen erscheinen, der "aus allen Richtungen vom Himmel hernieder" kommt. Zum höheren Auftrag verklärt, vollzieht sich hier für den nur scheinbar braven Beamten Hübschmann, einen Virtuosen des Ressentiments gegen alles Zeitgenössische, eine grandiose Harmonie des Todes.

1984 erschien Wolfgang Schlüters erster Roman Eines Fensters Schatten oder: Mercurius' Hochzeit mit der Philologie in einem kleinen Berliner Verlag. Jedes Kapitel erfindet sich hier seine Form neu. Experimentell nennt Schlüter das heute. In Dufays Requiem nun kommt eine für Schlüter völlig neue, bei ihm gleichwohl exklusiv wirkende Konventionalität mit ins Spiel. Das Unbehagen, so zu schreiben, war für Schlüter zweifellos Teil des Spiels. Es hätte eben auch nur bequem sein können, die konventionellen Erzählweisen der experimentellen Tradition sich nicht einverleiben zu lassen. Um nichts weniger geht es in Dufays Requiem, um die möglicherweise zerstörerische Auseinandersetzung zwischen Konvention und Form. Kein geringes Problem stellte dabei die enzyklopädische Menge von Material aus der Musikgeschichte dar, die der Roman komprimiert.

Um von Furcht und Mitleid wie von Messen und Motetten erzählen zu können, von dem ornamentalen Wunder der Musik Guillaume Dufays aus dem 15. Jahrhundert ebenso wie von Schuld und Scham, plündert Schlüter souverän die Mottenkiste des realistischen Romans, bedient erprobte Dialogstrukturen und versteht es auch noch, Krimimuster ohne Abnutzung einzusetzen. Das Erstaunlichste aber ist, wie dieses kunstvolle Prosawerk den Vorgaben des musikalischen Materials folgt. Immer erscheint etwas "übereinander verschränkt, ineinander gerankt, teils als winzige Einziselierung, teils als monumentaler Grundriss".

Der Leser bewegt sich entlang an "Perlenschnüren additiver Motivbildung", greift in "Variationsketten fester Formeln oder Ostinati in vertrackten Synkopenfeldern schluckaufgleich krähender Hoquetus Pfingstwunder Glossolalie numerischen Reihen in geheimen Korrespondenzen in goldschimmernder Ekstase stahlglänzend in züngelnden Flammen." Eigentlich versucht Schlüter auch eine neue Grenzziehung. Demnach wäre die ästhetische Negativität der Moderne nicht Konsequenz oder Opposition, sondern ein babylonisches Echo auf das unendliche fein verästelte tonale Äderwerk noch der Frührenaissance eines Guillaume Dufay: "Da ist noch das Ganze anders."

Mit dem Beharren auf der Form tut man Werner Hübschmann und Schlüters übrigen Protagonisten, dem in Wien lebenden Paar Antonietta Riccioli und Malcolm Stevens, einer Musikwissenschaftlerin und einem Schriftsteller, kein Unrecht. Sie sind durchaus nur Bauchredner, Instrumente oder Stimmen in einer Sprachkomposition, deren verschlungene Pfade das geheimnisvolle, früheste Requiem der Musikgeschichte zum Ziel haben. Dufay soll es, mehr ist kaum bekannt, für seine eigene Beerdigung geschrieben haben. Jede von Schlüters Versuchspersonen muss sich mit den Rätseln dieses Werks herumschlagen und das mit immer beunruhigenderen Folgen.

Der renitent gewissenhafte Hübschmann und die ebenso brillante wie dauererregte Antonietta sind, das stellen sie unmerklich nach ihrem zufälligen Kennenlernen fest, geistesverwandt. Beide sind, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Motiven, voller Wut über alles Zeitgenössische, vor allem, wenn es etwas mit Musik zu tun hat. In der Hitze des Redegefechts schließen sie eine fatale Wette ab. Hübschmann, als Figur auch ein ironischer Spiegel zu Serenus Zeitblom, dem Erzähler in Thomas Manns Dr. Faustus - wie überhaupt Dufays Requiem eine ehrerbietige Überspitzung zu diesem Buch darstellt -, Hübschmann also behauptet, er könne das verschollene Requiem finden oder zumindest rekonstruieren. Für ihn, den Stubengelehrten, beginnt eine abenteuerliche Reise durch die Archive. Antonietta dagegen erhält bald darauf Post mit der merkwürdigen, anonymen Botschaft mit dem lateinisch-altfranzösischen Satz: "mal heur me bat" - "mir schlägt eine schlechte Stunde." Diese diffuse Drohung wiederholt sich noch, deutlicher wird sie nicht, sie will sich bewahrheiten.

Sie verweist auf die Perturbation der Ideen, in die Schlüter seinen Roman führt und die Geschichte von einem Wahn sich beschleunigen lässt, der aus dem Innern der Musikgeschichte rührt. "Ein polyphones Spinnennetz", das sich von der frühen Vokalmusik bis zu Bruckner, Mahler und Webern und "aus einem dichtverwobenen imitatorischen Satz" spannt, hält alles und vor allem Antonietta und Malcolm gefangen, quält Dissonanzen in einen imaginären verfinsterten Klangleib. Mit ihm will Hübschmann sich vereinigen und jedes Mittel ist ihm dazu recht. In großartigen sprachlichen Metamorphosen führt er die Geschichte der Polyphonie zusammen mit einer Geschichte des Wahns, als dem Preis, der zu zahlen ist für einen radikalen Umgang mit Musik.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0702 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau