Du bist zu schnell von Zoran Drvenar, Klett-CottaDu bist zu schnell.
Roman von Zoran Drvenkar (2003, Klett-Cotta).
Besprechung von Astrid Hackel im Goon-Magazin:

Psychotisch

Wer liebt, sieht sich nach der seligen Zeit des »Uns-kann-keiner« mitunter verzweifelt nach Motiven für unerklärliche Handlungen suchen. Eines Nachts kann es passieren, dass seine Liebe ihn aus dem Schlaf aufschrickt und ihn mit fremdem Gesicht furienartig anzischt. Nach der ersten Befremdlichkeit fängt er an, ihr fieberhaft nachzuspionieren und aus Fragmenten, Erinnerungen und mit Hypothesen aufgefüllten Leerstellen ein in sich geschlossenes, logisches System aufzubauen. Sie soll wieder fassbar für ihn werden. Parallel zur einsetzenden Negation der Abwegigkeit wächst die Ansteckungsgefahr. Ein Wahn ist dann kein Wahn mehr, sondern Realität, ein Mord nicht länger ein Mord, sondern ein Motor.

Die Medien feiern Zoran Drvenkar gern als Kinderbuchautoren. Dabei hat der schamanengleiche Mann mit den langen Haaren bis heute weitaus mehr Erwachsenenromane vorzuweisen. Seine Bücher sind irgendwann in der Kinderbuchsparte hängen geblieben, weil der 1970 mit seinen Eltern aus Jugoslawien nach Berlin gezogene zunächst über seine Kindheit und Jugend in Berlin-Charlottenburg geschrieben habe. »Ich habe mich darauf eingelassen. So kamen Bücher heraus, die eigentlich nichts mit jungen Leuten aus der Gegenwart zu tun haben. Ich mag meine Charaktere – zwischen 8 und 16 machen die richtig durchgeknallte Sachen. Es macht Spaß mit denen. Die Erwachsenen würden mich gar nicht interessieren.«
Hinzu kommt, dass die Verlage sich nicht trauen, einen Roman zu drukken, den Zoran Drvenkar schmunzelnd als das »verbotene Buch« bezeichnet, weil es so abgrundtief fies sei. Seit gut zehn Jahren liegt das Manuskript in der Schublade. Seitdem spitzt es sich mit jeder Überarbeitung zu. Klett Cotta hat der Tabugeschichte erst einmal einen nervenaufreibenden Psycho-Thriller vorgezogen. Leichte Kost ist das nicht. »Du bist zu schnell« erzählt aus drei Perspektiven die Geschichte einer jungen Frau, deren Welt sich eines Tages spaltet: in die der Schnellen und die der Langsamen. In Hamburg auf Marihuana unterwegs beginnen sich die Geschehnisse um Val herum zu verselbständigen. Wenn die Minuten sich ausdehnen und in Materie übergehen, die Bewegung der Passanten zum Stillstand kommt, schlägt die Stunde der Schnellen. »Es war wieder soweit, ich hatte den Wechsel überhaupt nicht mitbekommen. Es war richtig, und es war schön. In einem kurzen, panischen Moment wollte ich nach Hause, um mein Medikament zu nehmen. Ich wollte die Langsamkeit bremsen.«

Identifikation
Val verliert das Bewusstsein für ihren eigenen Körper. Blut an den Fußsohlen – rote Farbe.
»Wer einmal die Tür zur Psychose aufgestoßen hat, hungert danach, sie offen zu halten. Dahinter liegt ein Land der Phantasie, und die Schnellen sind Götter in diesem Land.« Ihre Existenz ist bald nicht mehr nur der Nabel von Vals Welt, sondern zieht auch ihre Freunde Marek, Jenni und Theo in einen an Wahnsinn grenzenden Strudel hinein. »Es muss meine romantische Ader gewesen sein, die mich so denken ließ. Das und der Wunsch, dass Val die richtige Frau für mich ist und gerettet werden muss.« Die Theorie, dass »sich bestimmte Probleme auflösen, wenn man sie lange genug ruhen lässt«, wirkt angesichts der rasanten Geschwindigkeit, die sowohl die Charaktere als auch den Leser erfasst, als schwacher Trost. »Du bist zu schnell« gehört zu den Geschichten, die man nach der letzten Seite nicht einfach weglegen kann. Zoran Drvenkar schildert Vals abgründigen Vermutungen – sind sie nur Kopfgeburten oder gibt es die Schnellen wirklich? – so lebendig, dass man fürchtet, sie jeden Moment zur Tür reinkommen zu sehen. Kinderleicht bis unmöglich, ihr oder Marek, Theo oder sonst wem Glauben zu schenken. Glauben resultiert aus Verzweiflung darüber, dass es keine Alternative gibt. »Es ist unangenehm, einen Körper zu bewegen, der nicht reagiert. Als könnte man alles mit ihm machen. Keine Schmerzen mehr.«
Der Leser heftet sich an die Fersen Mareks oder Vals, fiebert mit ihnen mit, lässt sich auf ihre Gedanken ein und wird überraschend abgeschüttelt, wieder aufgehoben und ratlos weiter getragen. Nichtverstehen als Identifikationssubstrat.

Wirksamkeit
Zoran Drvenkar weiß beim Schreiben selbst nicht so genau, wohin die Reise geht. Handlungsverlauf und Schicksal seiner fiktiven Geschöpfe scheinen ihm einfach zu passieren. »Schreiben ist schon leicht psychotisch. Ich weiß nicht, was die Charaktere als nächstes machen. Ich kann es geplant haben, aber ob der eine dann durchs Fenster oder durch die Tür geht... Das Schreiben geht so schnell, da kommt das Denken nicht hinterher. Deshalb gibt es auch viele Szenen in dem Buch, die mir richtig wehtun«.
Schmerz wird mitgeteilt und weitergegeben. Schreibtechniken nach dem Prinzip der größtmöglichen Wirksamkeit ausprobiert. Zoran Drvenkar erzählt nicht nur in der dritten oder der ersten, sondern auch in der Du-Person wie in »Cengiz und Locke«, einem Gangroman. »Ich mache dich als Leser zum Charakter. Das ist eine Sache, die ist näher dran als die Ich-Person.« Manchmal hören Zoran Drvenkars Figuren die gleiche Musik wie er beim Schreiben, unbekannte, ruhige Gitarren- und Klaviermusik, ohne Gesang, Greg Keeler zum Beispiel. Nachts auf der Autobahn, wenn Marek fährt und Val neben ihm schläft, oder wenn Müdigkeit über Trauer siegt. »Danach verzogen wir uns in Mirkos Wohnung, rauchten und hörten Musik, so leise, als wäre sie nicht an.«
Die Dinge sprechen für sich und sind doch kaum zu benennen. Sie fluktuieren ständig zwischen An- und Abwesenheit. Nackt und angezogen. Möglich, aber nicht zu fassen. Es passiert vor den eigenen Augen – so schnell, dass die Wahrnehmung nicht hinterherkommt. Da ist keine Erinnerung. Nur Chaos und Blutspuren.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.goon-magazine.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Astrid Hacke