Du bellst vor dem falschen Baum von Judith Holofernes, 2015, Tropen-VerlagDu bellst vor dem falschen Baum.
Lyrik von Judith Holofernes (2015, Tropen-Verlag, illustriert von Vanessa Karré).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ, vom 03.11.2015:

Judith Holofernes schreibt Gedichte – tierisch gut
Die Sängerin Judith Holofernes textet nicht nur für die Bühne, sondern nun auch im Buch: Ihr erster Gedichtband heißt „Du bellst vor dem falschen Baum“

Andere Rockstars schreiben Romane. „Blumfeld“-Kopf Jochen Distelmeyer und „Tomte“-Sänger Thees Uhlmann debütierten in diesem Jahr und natürlich hätte auch Judith Holofernes das gekonnt: Hätte sich eine Story ausdenken könne rund um eine buddhistische, engagierte Musikerin in Berlin-Kreuzberg, gerne im typischen „Wir sind Helden“-Sound – und schon hätte der Markt den nächsten Bestseller gehabt.

Doch das Buch, das Judith Holofernes zu schreiben beliebte, ist kein Roman, kein Bestseller, nicht marktkonform. Sondern: ein Gedichtband. Über Tiere.

Unter dem Titel „Du bellst vor dem falschen Baum“ versammelt sie in einem von Illustratorin Vanessa Karré hübsch gestalteten Band kleine Poeme, die von Elefanten und Lemuren, Gnus und Kakadus erzählen. So leicht und heiter und freundlich, wie auch Judith Holofernes selbst wirkt. Dabei legt schon das titelgebende Gedicht nahe, dass die 38-Jährige Zähne zeigen kann. „Du bellst vor dem falschen Baum, das kommt aus dem Amerikanischen: you’re barking up the wrong tree. Eine Redewendung, die wir dringend brauchen!“ Dann könnte Judith Holofernes sie anwenden, wenn da einer meint, sie sollte doch nach der ersten Soloplatte („Ein leichtes Schwert“, 2014) schnell die zweite produzieren, „um im Pop-Business den Status zu behaupten“. Ein freundlicher Blick aus blauen Augen: „Ich verstehe das, man kann das so sehen. Aber solche Überlegungen finden in meinem Universum gar nicht statt.“ Holofernes’ Haltung dazu ist die einer „Generalabsage“: „Ich liebe die Arroganz, die in diesem Satz liegt. Einfach zu sagen: Sorry, falscher Baum.“Oder auch: Sorry, ich schreibe gerade Gedichte.

Für Holofernes – „schon als Kind ein Bücherfreak!“ – liegt das Dichten fürs Papier ebenso nahe wie das Dichten für die Bühne. Die Mutter arbeitete als literarische Übersetzerin, als Kind liebte die kleine Judith die witzigen Zeilen eines Robert Gernhardt ebenso wie die tierischen Comics von Gary Larson. Und auch in ihren Songs, die nun teils in den Band eingeflossen sind, hat sie das Verhältnis von Mensch und Tier bereits ausgelotet, Wespen und Haie besungen. Und nebenbei ihre Enttäuschung darüber verarbeitet, dass sie als Allergikerin keine Haustiere halten darf – indem sie von Labradoodle bis Godzillapoo die angeblich Allergiker-geeigneten Hunderassen veralbert.

„Ich sprech mit Tieren/die nix kapieren“ heißt es gleich zu Beginn, dabei sagen die Tiere uns eine Menge. Über uns. Wenn da der zerfledderte Marabu in Holofernes lyrische Spott-Reibe gerät, „dann ist der Hauptwitz nicht der, dass der Marabu hässlich ist“. Sondern dass der Mensch erwartet, ein Tier hätte hübsch zu sein. In Menschenaugen. Ebenso dient das Tierdasein an sich als Projektionsfläche. Die Sehnsucht nach der natürlichen Unschuld etwa spiegeln unsere felligen Freunde. „Tiere sind immer im Jetzt“, sagt Holofernes. „Wenn Futter ist, ist Futter. Wenn nichts ist, ist nichts.“ Das mögen wir, die ewig Leidenden – „an vergangenem ebenso wie an vorausgeahntem Schmerz“ – manchmal neiden.

Aber vielleicht gelingt es uns ja, mit Holofernes’ Gedichten ei­nen Augenblick der selbstvergessenen Freude zu erreichen. Nehmen wir uns ein Beispiel an den Lemuren: „Der Affe schließt die Augen / Sein Tanz muss zu nichts taugen / sein Tanz ist nicht zu stören / sich selbst will er betören.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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