1.) - 2.)
Drop City.
Roman von T.
C.
Boyle (2003, Hanser - Übertragung Werner Richter).
Besprechung von Ulrich Sonnenschein in der
Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:
Trapper, Hippies...
T. C. Boyle erinnert sich noch sehr gut an
die Sechziger - zu unserem Vergnügen
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Leseprobe I Buchbestellung I home 1203 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
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2.)
Drop City.
Roman von T.
C.
Boyle (2003, Hanser - Übertragung Werner Richter).
Besprechung von Daniel Dubbe in Rheinischer
Merkur, 8.01.2004:
T. C. Boyles
neunter Roman ist eine spannende Abrechnung mit der amerikanischen Hippiekultur
Blumenkinder im
ewigen Eis
Eine kalifornische Kommune versucht in Alaska ihr Glück. Dort stößt sie auf Trapper. Das kann nicht gut gehen.
Es gibt Themen, die aufs Beste zu einem Autor passen, seinen Kenntnissen und Erfahrungen, seinen Stärken und seinem Stil. Das ist bei T. C. Boyles neuem Roman aus den Tagen der Hippies „Drop City“ der Fall. Bevor er Schriftsteller wurde, war Boyle Hippie: „Zwei oder drei Jahre lang ging ich spätnachts in dunkle Bars und drückte Leute gegen die Wand, um ihnen zu erzählen, dass ich schreiben würde. Eines Tages sagte ich mir: Himmel, vielleicht sollte ich es wirklich tun!“
„Drop City“ ist Boyles inzwischen neunter Roman. Das Buch spielt 1970 und handelt von einer Gruppe Drop-outs in Kalifornien. Einer von ihnen hat ein paar Hektar Land und einiges Geld geerbt. Er gründet die Kommune Drop City. Jeder, der bleiben möchte, darf es tun und seinen Traum vom befreiten, glücklichen Dasein ausprobieren. Unaufhörlich kreisen die Joints und werden die LSD-Cocktails gemixt. Das Mittsommerfest steigert sich zu einem gewaltigen bunten Rausch, mit nachfolgendem Kater leider allerdings. Die lokalen Behörden treten auf den Plan. Wenn dreißig Leute zu faul sind, um Klärgruben auszuheben, so stinkt die Gegend leider schnell zum Himmel. Fahren unter Drogen, unerlaubtes Bauen und völlig unzureichende sanitäre Einrichtungen. Bald erscheinen die Schaufelbagger, um die verdreckte Kommune von der Landkarte zu tilgen.
Der Ausweg heißt Alaska. Hippie-Guru Norm Sender hat von seinem Onkel Roy dort eine Hütte geerbt. „Bis 1970 war Alaska die letzte Gegend in Amerika, wo man wie Lederstrumpf Daniel Boone frei wie unsere Vorfahren leben konnte“, weiß T. C. Boyle im Interview zu berichten. „Das heißt: Du findest einen Platz, er gefällt dir. Es gibt einen See. Du sagst dir: Das ist jetzt mein Zuhause. Du fällst ein paar Bäume und baust dir ein Blockhaus. Du fängst Tiere und schießt einen Elch. Du isst den Elch. Du fängst Fische und lebst als Selbstversorger. Wie wäre das? War das damals möglich?“
Die Hippies erstehen einen ausrangierten Schulbus, bauen ihn um und malen ihn an. Einiges an Privatfahrzeugen in Form von Studebakers, VW-Beetles und Motobikes lässt sich ebenfalls auftreiben, und los zieht die Karawane in Richtung Norden. Misstrauische kanadische Grenzer überlistet man, indem man sich, auf allen Gitarren schrummelnd, als die Rockgruppe „Grateful Dead“ auf Nordlandtour ausgibt.
Wie viele seiner Romane erzählt Boyle auch „Drop City“ auf zwei Ebenen. Der ausgeflippten Hippie-Kommune, die sich ins Alaska-Abenteuer stürzt, setzt er die Trapper- und Buschpilotenszenerie entgegen, die ebenso schräg und kauzig ist. Die Hinterwäldler in Alaska sind nicht übermäßig begeistert, einen „Haufen ungewaschener Spinner und Kiffer“ bei sich begrüßen zu müssen. In einigen Punkten allerdings sind Hippies und Trapper gar nicht so verschieden: Beide fliehen die großen Städte. Beide sind Aussteiger und wollen zurück zur Natur. Der durchschnittliche Trapper, weiß Boyle zu berichten, ist ein alkoholabhängiger Kauz mit schweren sexuellen Problemen. Welche Frau will schon in einem scheußlichen Klima leben, neun Monate im Jahr stockdunkel, allenfalls ein paar irritierende Polarlichter als Hoffnungsschimmer am finsteren Firmament? Unter solchen Bedingungen sind willige Hippiebräute im hohen Norden mehr als willkommen. Und auch einige Männerfreundschaften beziehungsweise filmreife Männerfeindschaften bahnen sich an.
Eines der Vorbilder Boyles ist David Henry Thoreau, der größte amerikanische Naturschriftsteller. Aber Thoreau beschrieb eine zahme Natur. Seine Einsiedelei lag nur zwei Meilen vom Hause seiner Mutter entfernt. Er konnte immer mal nach Hause gehen und entspannt eine Tasse Tee mit ihr trinken. Boyle versteht es, über Trapper in Alaska zu schreiben, als habe er sich jahrelang unter ihnen aufgehalten. Nur die Härtesten überleben in dieser unwirtlichen Umgebung. Da ist zum Beispiel Cecil „Sess“ Harder, eine „Mischung aus Jack London und Steve McQueen“ und der „tüchtigste Mann im ganzen Land“. Gerade hat Harder per Kontaktanzeige seine Pamela gefunden, ein Mädchen, das schon in Alaska geboren wurde, das aber, bevor es sich endgültig für den passenden Ehemann entscheidet, erst einmal verschiedene Fallensteller ausprobieren möchte, ein Stoff, den Boyle bereits in einer seiner Kurzgeschichten in dem Band „Schluss mit cool“ ausprobiert hat.
Die Hippie-Kommune zerfällt. Sie geht zugrunde an Egoismus, Langeweile, an der Enge in verqualmten, überbelegten Blockhütten und an moralischer Schwäche. Einer der Hippies beklaut seine Kollegen. Und eine der Hippiebräute, die für gute Dollars eine Zeit lang in einem Stripladen in Fairbanks jobbt, schleppt die Filzläuse ein. Hippie-Trapper, die sich ständig im Schritt kratzen, geben keine gute Figur ab.
„Ich schreibe gern Bücher mit einer ungewöhnlichen und spannenden Action, die den Leser in ihren Bann zieht“, erklärt T. C. Boyle im Interview. „Alles andere, was große Literatur noch zu leisten vermag: zu provozieren, zum Nachdenken über das eigene Leben anzuregen und Genuss an der Schönheit der Sprache zu bieten, all das ist entscheidend für eine gute Arbeit. Das Wichtigste aber ist meiner Meinung nach die Geschichte selbst. Ich glaube, einige Schriftsteller haben das aus den Augen verloren.“
Nicht so T. C. Boyle. Sein Epos über Blumenkinder, deren Freiheitstraum im Eis erfriert, ist ihm überzeugend gelungen. Nur die Stärksten überleben: Diese Botschaft T. C. Boyles wirkt äußerst amerikanisch. Gut und böse sind für unser skeptisches europäisches Verständnis bei ihm vielleicht etwas zu sauber unterschieden. Aber vielleicht kann es im hohen Norden nicht anders sein, denn die unerbittliche Natur ist kein Spielplatz. Von diesem kleinen Vorbehalt einmal abgesehen, weiß Boyle auf ganzer Linie zu überzeugen.
Unzählige skurrile Nebenfiguren, Schauplätze, die einem lebhaft vor Augen geführt werden: Boyle wird seinem Ruf als literarischer Entertainer von hohem Rang gerecht. „Drop City“ ist ein witziger und subtiler Roman über den Niedergang der Hippie-Bewegung, ein grellbunter Bilderbogen, filmreif inszeniert und mit sarkastischem Humor erzählt.
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