Drop City von T.C. Boyle, 2003, Hanser1.) - 2.)

Drop City.
Roman von T. C. Boyle (2003, Hanser - Übertragung Werner Richter).
Besprechung von Ulrich Sonnenschein in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:

Trapper, Hippies...
T. C. Boyle erinnert sich noch sehr gut an die Sechziger - zu unserem Vergnügen

Die Zeiten, da T.C. Boyle ein literarischer Popstar werden wollte, sind vorbei. Schon lange kümmert er sich nicht mehr darum, ob er dem Publikum eine gute Show liefert oder ob es ihm, wie er es einst prophezeite, inzwischen tatsächlich Bierdosen an den Kopf wirft. Es geht nicht mehr um Unterhaltung im Sinne des Rock'n'Roll, sondern um die zynisch in Gold gerahmte Utopie, die zwar noch an der Wand hängt, aber nur noch als selbstironisches Zitat aus einer anderen Zeit. T.C. Boyle ist hart geworden, unerbittlich hart. Glücklicherweise aber sind es eher seine Figuren, die das zu spüren bekommen. Der Leser kann sich retten auf die Insel der wohltuenden Distanz.

Spätestens seit Schluß mit cool, der letzten Sammlung desillusionierender Geschichten, hat T.C. Boyle sich gewandelt. Nicht dass die früheren Romane - World's End, Grün ist die Hoffnung oder Wassermusik - von einer naiv-idealistischen Sichtweise geprägt gewesen wären, nein, die Romantik eines Popsongs lag ihm schon immer fern. Sein Lieblingsthema ist damals wie heute das beispielhaft grandiose Scheitern im Kleinen, der Zerfall einer wie auch immer vorgegebenen Ordnung und das Verschwinden der letzten heilsbringenden Hoffnungen. Aber er gestaltete dies mit einem warmen Humor, einer Art einfühlsamen Identifikation, die immer wieder zu nahezu pathetischen Umarmungen führte.

Die Einfühlsamkeit ist nun einer klaren Analyse und der Humor einem zynischen Grinsen gewichen, und das ist um so erstaunlicher, als er jetzt zu einem Thema kommt, das viel mehr mit ihm und seiner Generation zu tun hat, als die Afrika-Expedition in Wassermusik, die Gesundheitsklinik im Reiche Kellogg in Willkommen in Wellville oder das Einwandererdrama in America.

Drop City ist der Roman einer gescheiterten Bewegung. Wir schreiben die frühen siebziger Jahre, das Desaster von Altamond ist bereits geschehen und Woodstock noch zu jung, um ein Mythos zu sein. Die Hippies sind, mehr oder weniger geduldet, auf eine Farm in den Bergen um San Francisco ausgewichen und halten krampfhaft an dem ultimativen Gleichheitsprinzip fest. Als "Sommerlager ohne Aufsicht" beschreibt T.C. Boyle diese Komune mit dem bezeichnenden Namen "Drop City". Tatsächlich aber ist nichts mehr mehr zu spüren von den großen Idealen. Schon nach wenigen Seiten wird ein vierzehnjähriges Mädchen vergewaltigt, ein Fünfjähriger trinkt einen mit LSD versetzten Orangensaft und der Sheriff droht mit Räumung. Denn das selbstbestimmte freie Leben ist zu einer dreckigen Alternative verkommen, die nur die Sozialhilfe noch am Leben erhält. Die Kanalisation quillt über, auf den Wiesen stapelt sich der Müll und die Tiefkühlpizza verschimmelt unter den Vorräten. Das schlimmste aber ist: Die Frauen haben inzwischen begriffen, dass die Idee von freier Liebe "nichts als die Erfindung von irgendeinem Freak mit Pickeln und widerlich fettigem Haar" war, der sonst "einfach niemanden zum Vögeln" gefunden hätte.

Aggression, Hass und Eifersucht macht sich breit in "Drop City". Doch bevor sich die Gruppe in alle Winde zerstreut, unternimmt Norm, eine Art Jerry Garcia für Melancholiker und Besitzer der Farm, einen letzten Rettungsversuch. Er schafft die ganze Meute rauf nach Alaska, wo er von seinem Onkel eine kleine Hütte geerbt hat.

Damit sind die zwei gegenläufigen Stränge, die jeden Roman T.C. Boyles bestimmen, etabliert. Doch so drastisch wie hier hat er den Unterschied der Lebensrealitäten selten gestaltet. Die Trapper in Alaska, die allein darin den Hippies ähnlich sind, dass auch ihr Leben fern ab aller Offizialkultur nur den Grundbedürfnissen verpflichtet ist, haben wenig Verständnis für den bunten Bus mit lauter Musik und den müden, bekifften Gestalten, der eines Tages in die letzte Bastion der Zivilisation einrollt. Für die Kinder der Überschussgesellschaft, die aus der heilen Welt ihrer Eltern weggelaufen sind, riecht all das nach Freiheit und Abenteuer, nach einem mystischen Einklang mit der Natur. Doch die Natur in Alaska ist ein Monster und das fordert seine Opfer.

Indem T.C. Boyle die beiden Handlungsstränge der Trapper und Hippies nebeneinander führt, gelingt ihm ein wirklich treffender Roman über die so genannte Gegenkultur der sechziger Jahre. Man merkt, dass er immer mehr zwischen seinen Figuren steht als über ihnen und kann die manchmal zynische Sichtweise auch deshalb verstehen und schätzen, weil sie nie denunziatorisch wird. Das Scheitern der Utopie ist kein Ergebnis moralischer gesellschaftlicher Verantwortung, sondern ein nahezu natürlicher Prozess. Die Drop Outs hatten sich aus der Gesellschaft zurückgezogen, blieben aber in vielem von ihr abhängig. Und mit dem halbherzigen Inseldasein kam notwendigerweise der Untergang. Erst an den wahren Rändern der Gesellschaft, dort, wo die Bedingungen über kurz oder lang ohnehin jeden Unterschied verschwinden lassen, ist diese Form von Freiheit lebbar. Allerdings zu einem sehr hohen Preis.

Drop City ist natürlich auch ein Roman eines enttäuschten Hippies. Doch nicht nur. Es fehlt ihm dazu vor allem an Naivität, an festen Glauben an die utopische Glückseligkeit und schließlich an Humor. Die Ernsthaftigkeit aber, mit der Boyle diese Gegenkultur schildert, die er in- und auswendig kennt, rettet das Niveau. Nicht Pop, sondern Kunst, schneidend scharf, aber voll feinem Hintersinn, der sich auftut, wenn man die oberflächliche Spannung erstmal überwunden hat. T.C. Boyle kann beides - analysieren und unterhalten. Er kann kraftvoll fabulieren, in Metaphern und Vergleichen schwelgen, den Leser zum Lachen und zum Weinen bringen und dabei mühelos zu den verborgenen Schichten vordringen. Nicht immer war der Erkenntnismehrwert so deutlich wie bei diesem Roman. "Wer sich an die Sechziger erinnert," sagte Paul Kantner von Jefferson Airplane einmal, "der war nicht wirklich dabei." Drop City ist der Gegenbeweis.

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Drop City von T.C. Boyle, 2003, Hanser2.)

Drop City.
Roman von T. C. Boyle (2003, Hanser - Übertragung Werner Richter).
Besprechung von Daniel Dubbe in Rheinischer Merkur, 8.01.2004:

T. C. Boyles neunter Roman ist eine spannende Abrechnung mit der amerikanischen Hippiekultur
Blumenkinder im ewigen Eis

Eine kalifornische Kommune versucht in Alaska ihr Glück. Dort stößt sie auf Trapper. Das kann nicht gut gehen.

Es gibt Themen, die aufs Beste zu einem Autor passen, seinen Kenntnissen und Erfahrungen, seinen Stärken und seinem Stil. Das ist bei T. C. Boyles neuem Roman aus den Tagen der Hippies „Drop City“ der Fall. Bevor er Schriftsteller wurde, war Boyle Hippie: „Zwei oder drei Jahre lang ging ich spätnachts in dunkle Bars und drückte Leute gegen die Wand, um ihnen zu erzählen, dass ich schreiben würde. Eines Tages sagte ich mir: Himmel, vielleicht sollte ich es wirklich tun!“

„Drop City“ ist Boyles inzwischen neunter Roman. Das Buch spielt 1970 und handelt von einer Gruppe Drop-outs in Kalifornien. Einer von ihnen hat ein paar Hektar Land und einiges Geld geerbt. Er gründet die Kommune Drop City. Jeder, der bleiben möchte, darf es tun und seinen Traum vom befreiten, glücklichen Dasein ausprobieren. Unaufhörlich kreisen die Joints und werden die LSD-Cocktails gemixt. Das Mittsommerfest steigert sich zu einem gewaltigen bunten Rausch, mit nachfolgendem Kater leider allerdings. Die lokalen Behörden treten auf den Plan. Wenn dreißig Leute zu faul sind, um Klärgruben auszuheben, so stinkt die Gegend leider schnell zum Himmel. Fahren unter Drogen, unerlaubtes Bauen und völlig unzureichende sanitäre Einrichtungen. Bald erscheinen die Schaufelbagger, um die verdreckte Kommune von der Landkarte zu tilgen.

Der Ausweg heißt Alaska. Hippie-Guru Norm Sender hat von seinem Onkel Roy dort eine Hütte geerbt. „Bis 1970 war Alaska die letzte Gegend in Amerika, wo man wie Lederstrumpf Daniel Boone frei wie unsere Vorfahren leben konnte“, weiß T. C. Boyle im Interview zu berichten. „Das heißt: Du findest einen Platz, er gefällt dir. Es gibt einen See. Du sagst dir: Das ist jetzt mein Zuhause. Du fällst ein paar Bäume und baust dir ein Blockhaus. Du fängst Tiere und schießt einen Elch. Du isst den Elch. Du fängst Fische und lebst als Selbstversorger. Wie wäre das? War das damals möglich?“

Die Hippies erstehen einen ausrangierten Schulbus, bauen ihn um und malen ihn an. Einiges an Privatfahrzeugen in Form von Studebakers, VW-Beetles und Motobikes lässt sich ebenfalls auftreiben, und los zieht die Karawane in Richtung Norden. Misstrauische kanadische Grenzer überlistet man, indem man sich, auf allen Gitarren schrummelnd, als die Rockgruppe „Grateful Dead“ auf Nordlandtour ausgibt.

Wie viele seiner Romane erzählt Boyle auch „Drop City“ auf zwei Ebenen. Der ausgeflippten Hippie-Kommune, die sich ins Alaska-Abenteuer stürzt, setzt er die Trapper- und Buschpilotenszenerie entgegen, die ebenso schräg und kauzig ist. Die Hinterwäldler in Alaska sind nicht übermäßig begeistert, einen „Haufen ungewaschener Spinner und Kiffer“ bei sich begrüßen zu müssen. In einigen Punkten allerdings sind Hippies und Trapper gar nicht so verschieden: Beide fliehen die großen Städte. Beide sind Aussteiger und wollen zurück zur Natur. Der durchschnittliche Trapper, weiß Boyle zu berichten, ist ein alkoholabhängiger Kauz mit schweren sexuellen Problemen. Welche Frau will schon in einem scheußlichen Klima leben, neun Monate im Jahr stockdunkel, allenfalls ein paar irritierende Polarlichter als Hoffnungsschimmer am finsteren Firmament? Unter solchen Bedingungen sind willige Hippiebräute im hohen Norden mehr als willkommen. Und auch einige Männerfreundschaften beziehungsweise filmreife Männerfeindschaften bahnen sich an.

Eines der Vorbilder Boyles ist David Henry Thoreau, der größte amerikanische Naturschriftsteller. Aber Thoreau beschrieb eine zahme Natur. Seine Einsiedelei lag nur zwei Meilen vom Hause seiner Mutter entfernt. Er konnte immer mal nach Hause gehen und entspannt eine Tasse Tee mit ihr trinken. Boyle versteht es, über Trapper in Alaska zu schreiben, als habe er sich jahrelang unter ihnen aufgehalten. Nur die Härtesten überleben in dieser unwirtlichen Umgebung. Da ist zum Beispiel Cecil „Sess“ Harder, eine „Mischung aus Jack London und Steve McQueen“ und der „tüchtigste Mann im ganzen Land“. Gerade hat Harder per Kontaktanzeige seine Pamela gefunden, ein Mädchen, das schon in Alaska geboren wurde, das aber, bevor es sich endgültig für den passenden Ehemann entscheidet, erst einmal verschiedene Fallensteller ausprobieren möchte, ein Stoff, den Boyle bereits in einer seiner Kurzgeschichten in dem Band „Schluss mit cool“ ausprobiert hat.

Die Hippie-Kommune zerfällt. Sie geht zugrunde an Egoismus, Langeweile, an der Enge in verqualmten, überbelegten Blockhütten und an moralischer Schwäche. Einer der Hippies beklaut seine Kollegen. Und eine der Hippiebräute, die für gute Dollars eine Zeit lang in einem Stripladen in Fairbanks jobbt, schleppt die Filzläuse ein. Hippie-Trapper, die sich ständig im Schritt kratzen, geben keine gute Figur ab.

„Ich schreibe gern Bücher mit einer ungewöhnlichen und spannenden Action, die den Leser in ihren Bann zieht“, erklärt T. C. Boyle im Interview. „Alles andere, was große Literatur noch zu leisten vermag: zu provozieren, zum Nachdenken über das eigene Leben anzuregen und Genuss an der Schönheit der Sprache zu bieten, all das ist entscheidend für eine gute Arbeit. Das Wichtigste aber ist meiner Meinung nach die Geschichte selbst. Ich glaube, einige Schriftsteller haben das aus den Augen verloren.“

Nicht so T. C. Boyle. Sein Epos über Blumenkinder, deren Freiheitstraum im Eis erfriert, ist ihm überzeugend gelungen. Nur die Stärksten überleben: Diese Botschaft T. C. Boyles wirkt äußerst amerikanisch. Gut und böse sind für unser skeptisches europäisches Verständnis bei ihm vielleicht etwas zu sauber unterschieden. Aber vielleicht kann es im hohen Norden nicht anders sein, denn die unerbittliche Natur ist kein Spielplatz. Von diesem kleinen Vorbehalt einmal abgesehen, weiß Boyle auf ganzer Linie zu überzeugen.

Unzählige skurrile Nebenfiguren, Schauplätze, die einem lebhaft vor Augen geführt werden: Boyle wird seinem Ruf als literarischer Entertainer von hohem Rang gerecht. „Drop City“ ist ein witziger und subtiler Roman über den Niedergang der Hippie-Bewegung, ein grellbunter Bilderbogen, filmreif inszeniert und mit sarkastischem Humor erzählt.

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