Drood von Dan Simmons, 2009, HeyneDrood.
Roman von Dan Simmons (2009, Heyne).
Besprechung von Arnold Hohmann in der WAZ vom 22.11.2009:

Dan Simmons und der unheimliche Fremde
Charles Dickens' düstere Seite - Dan Simmons schreibt mit „Drood” einen viktorianischen Roman mit Wilkie Collins als Erzähler. Neid und Hass zwischen Schriftstellern münden in aberwitzigen Mord-Fantasien.

So wie man im Kino in der Regel einer Rückblende unbedingt Glauben schenkt, so wähnt man sich sicher in einem Buch, das in der Ich-Form erzählt ist. Aber Vorsicht: So wie Alfred Hitchcock in „Stage Fright” (Die rote Lola) erstmals mit einer gefälschten Rückblende auch eine falsche Fährte legte, so sollte man nun auch den Ausführungen eines Wilkie Collins in Dan Simmons' Roman „Drood” mit Misstrauen begegnen.

Ein authentisches Zugunglück

Simmons (61) ist ein faszinierender Autor, dessen schier unerschöpfliche Fantasie sich nach Horror und Science Fiction nun dem historischen Roman zugewandt hat, dem er mit irritierend schaurigen Einsprengseln zu neuen Dimensionen verhilft. In „Drood” führt er den Leser in das viktorianische London, in das hochherrschaftliche ebenso wie in die stinkenden Gassen der Elendsviertel. Schließlich brechen wir mit ihm auf, um die Geheimnisse der „Unterstadt” zu erkunden, einer eigenen Welt aus Bettlern unter Anwesenheit einer dunklen Macht.

Eigentlich aber geht es hier um das Verhältnis des Bestsellerautors Charles Dickens zu seinem Freund, dem Erfolgsschriftsteller Wilkie Collins („Die Frau in Weiß”). Collins fungiert als Erzähler, und lange Zeit scheint ein kontinuierlicher Plot seinen Fortgang zu nehmen. Es geht um ein authentisches Zugunglück vom Juni 1865, bei dem Dickens nur durch Zufall dem Tode entgeht. Am Schauplatz des Unglücks aber trifft er auf den hageren, schwarz gekleideten Herrn namens Drood, der offenbar in einem Sarg gereist ist.

Willig folgt der Leser Collins' Beschreibung von der Faszination, die dieser unheimliche Fremde auf Dickens gehabt haben muss. Denn von nun an sucht der Autor des „Oliver Twist” zielstrebig Droods Aufenthaltsort, versucht mehr herauszubekommen über das Schicksal dieser düsteren, unendlich alten Figur. Je weiter das Buch fortschreitet, umso misstrauischer aber werden wir unserem Erzähler gegenüber.

Er plant den Mord an Dickens

Dass er gelegentlich abschweift, sich in Beschreibungen verliert, das ist das Merkmal des umfangreichen viktorianischen Romans. Manchmal aber scheint sich der Bericht in halluzinatorische Bereiche zu begeben, zeugen wirre Auskünfte über Geister und gespaltenes Ich von dem Laudanum-Verbrauch eines Wilkie Collins und seiner Abhängigkeit vom Opium. Zwar bleibt Drood mit seinen spitzzahnigen Helfern stets gegenwärtig, doch viel interessanter werden plötzlich zunehmender Neid und Hass auf den spöttisch „unvergleichlich” betitelten Dickens. So weit geht die Verzweiflung des mit Minderwertigkeitskomplexen beladenen Collins, dass er schließlich den Mord an Dickens plant, dem dieser aber mit seinem natürlichen Tod 1879 zuvorkommt. Oder sollte Drood nachgeholfen haben?

Für Leser, die sich mit Abenteuerlust in ein umfangreiches Werk stürzen, bietet Dan Simmons reiche Beute. Er decouvriert Collins als menschliches Ekel und Mörder im Geiste, er spinnt Dickens in ein Geheimnis ein, das durch die Verfassung des Erzählers undurchdringlich scheint. Ein starkes Stück spekulativer Literatur.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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