Dreizehn Sommer von Anne Hahn, 2005, SchirmerGrafDreizehn Sommer.
Roman von Anne Hahn (2005, SchirmerGrafVerlag).
Besprechung von Petra Schönhöfer im Münchner Merkur, 7.14.2005:

Die Flucht endet im Kaukasus
"Dreizehn Sommer": Das Roman-Debüt der Schriftstellerin Anne Hahn

Freundschaften zu dritt stehen selten unter einem günstigen Stern. Denn fast nie gelingt es, das Ungleichgewicht des berühmten fünften Rads am Wagen auszubalancieren. Man kann sich also denken, dass es den drei jungen Frauen Nina, Mo und Katrin aus Magdeburg in Anne Hahns erstem Roman "Dreizehn Sommer" nicht anders ergeht.

Dreizehn, noch so eine ungerade Zahl. Doch weniger handelt das Buch von einer unausgewogenen Freundschaft, als vielmehr von drei verschiedenen Lebensläufen zwischen 1986 und 1999, die sich sporadisch kreuzen, dann aber wieder verlieren.

1986, Magdeburg - da war doch was? Stimmt, die Deutsche Demokratische Republik existierte noch. Zum Glück macht die Autorin nicht den Fehler, dem schlimmen Ostalgie-Trend nachzulaufen. Sie erzählt zunächst vom Erwachsenwerden, wie es in Ost und West gleichermaßen erlebt wurde: verliebt sein, Feste feiern, Fernweh haben. Aber wirkliche Brisanz - und damit Relevanz - gewinnt das Buch, als Ich-Erzählerin Nina in direkte Konfrontation mit dem Stasi-System gerät. Als Punk rebelliert sie gegen die Zustände und verliert ihren Job. Mit Freund Tim entwirft sie einen wahnwitzigen Fluchtplan quer durch die damalige Sowjetunion. Er endet im Kaukasus mit ihrer Verhaftung.

In den Wendejahren um 1989 verblassen die Freundinnenfiguren um Nina. Später, in den Neunzigern, sieht man sich auf einem Klassentreffen wieder und kann die alte Nähe nicht mehr herstellen: Nina studiert im Westen, Mo steckt in der Nervenklinik, und die einst systemkonforme Katrin hat sich als Architektin auch im Kapitalismus komfortabel eingerichtet. Wir schreiben mittlerweile das Jahr 1999, und der Roman beschließt das Jahrtausend eher konventionell mit einer sich anbahnenden Liebesgeschichte.

Das ist keine ideologische Wendeliteratur, sondern persönliches Zeugnis eines Kampfes für die eigenen Überzeugungen. Oft klingt es nach Tagebuch. Was kein Zufall sein muss, denn Hahn wurde 1966 selbst in Magdeburg geboren, hatte in der Schule zwei enge Freundinnen und musste nach dem Versuch eines Grenzübertritts Ende der Achtzigerjahre für kurze Zeit ins Gefängnis. Ihr Roman gratwandert stilistisch zwischen Phrasen und pointierten Beobachtungen; vor allem die Schilderung der vielen Sommertage gelingt aber in atmosphärischer Dichte, die brütende Hitze und laue Nachtluft voller Intensität und Melancholie gleichermaßen einfängt.

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