Drei Tage bei meiner Mutetr von Francois Weyergans, 2006, DuMont1.) - 2.)

Drei Tage bei meiner Mutter.
Roman von Francois Weyergans (2006, DuMont - Übertragung Bernd Schwibs).
Besprechung von
Martin Krumbholz in Neue Züricher Zeitung vom 18.10.2006:

Die Mutter als junge Frau
François Weyergans' Roman «Drei Tage bei meiner Mutter»

«Lass in deinem nächsten Roman keine Clowns auftreten, sonst nimmt man dich nicht ernst»: Diesen guten Rat gibt die Mutter dem Sohn, also dem Helden des Romans, der unter dem Namen Weyergraf einen Roman im Roman erzeugt, dessen Held eine weitere Ableitung des Weyergansschen General-Ichs darstellt. Wie die meisten mütterlichen Ratschläge ist auch der hier zitierte einerseits berechtigt, anderseits kaum zu befolgen, denn wenn die Hauptfigur des Romans nun einmal so etwas wie ein Clown ist (was die Mutter allenfalls ahnt), wie soll man auf dessen Auftritt verzichten? Weyergraf bzw. Graffenberg leidet nicht darunter, ein Clown zu sein, ein Existenzialclown, ein clown d'amour, im Gegenteil, er geniesst es. Er geniesst die Freuden der promisken Liebe, und er geniesst die Verwirrung seiner zahlreichen Leser, die ein Buch über die Mutter des Helden erwarten und ein Buch über die Schreibblockade eines Autors bekommen, der den Gegenstand «Mutter» recht willkürlich zum Anlass nimmt, eben diese Blockade zu therapieren. Denn der Titel des Buchs, «Drei Tage bei meiner Mutter», steht längst fest, ehe der Besuch am Ende der Geschichte dann tatsächlich stattfindet. Die Mutter: ein (Schreib-)Projekt.

«Bei ihrem Alter kann man plötzlich von ihrem Tod erfahren, ohne dass es noch überraschend wäre.» Solche Sätze, hier aus dem Mund der Schwester, sind dazu geeignet, einen gehörigen moralischen Druck zu entfalten. Die alte Mutter lebt in Südfrankreich, der Autor in Paris. Hinzufahren wäre zwar kein Problem, telefonieren ist aber einfacher. Auch der schöne Titel «Drei Tage bei meiner Mutter» übt Druck aus: lebenspraktisch wie ästhetisch. «Ein Titel, der zu früh kommt, ist keine Hilfe», räsoniert Weyergraf. Lauter wunderbare Ausreden. Fürs Nichthinfahren, fürs Nichtschreiben. Stattdessen beschäftigt unser Autor sich mit den Exzessen (und Freuden?) der «Conjugopathie». Das soll wohl so viel heissen wie «Leiden an der Ehe».

Delphine ist der Name der Holden, die Weyergrafs Gemahlin und zugleich Mutter seiner beiden Töchter ist. Im Roman im Roman heisst sie Daphné, und in dieser Rolle lässt sie ihren Gatten wissen: «Dass wir so lange zusammen sind, dafür können wir uns bei deinen Dummheiten bedanken. Hättest du nur mich geliebt, hätte das nicht lange gutgehen können. Ein zu grosser Liebesdruck hätte mich am Ende erstickt.» Kann eine Frau grosszügiger sein? Kann ein Mann, ein Schriftsteller (der schliesslich etwas erleben muss) es besser haben? Also bitte!

Fest steht am Ende eines: Der Mann als Autor schreibt seine Bücher nicht für die Frau, mit der er lebt (und an der er angeblich leidet), sondern für die, die ihm einst das Leben schenkte und entsprechende (immer zu hohe) Erwartungen an ihn heranträgt. Ein grosses literarisches Werk ist dieser Roman «über Sex, Frauen und das Leben an sich» (Klappentext), für den François Weyergans letztes Jahr den Prix Goncourt erhielt, gewiss nicht; doch liest man ihn amüsiert. Im Übrigen sollte man die Reflexion darüber nicht übertreiben: «Analysierst du den Grappa, den ich dir zu trinken gebe? Du kippst ihn runter und schläfst dann ein, das ist alles.» In diesem Sinne!

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Drei Tage bei meiner Mutetr von Francois Weyergans, 2006, DuMont2.)

Drei Tage bei meiner Mutter.
Roman von Francois Weyergans (2006, DuMont - Übertragung Bernd Schwibs)
Besprechung von Jeanne Turczynski aus den Nürnberger Nachrichten vom 18.11.2006:

Inspirationen von der Frau Mama
Über die Nöte der Kreativität

Nur elf Bücher in 30 Jahren - so sieht die scheinbar magere Bilanz des französischen Erfolgsautors Francois Weyergans aus. Der Autor, Kritiker und Filmregisseur ist in Frankreich ein gefeierter Mann. Seine Romane werden mit Spannung erwartet, in Deutschland erschienen unter anderem „Weinen und Lachen“ und „Franz und Francois“. Und nun also „Drei Tage bei meiner Mutter“. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, weckt der Roman natürlich einige Erwartungen.

Es geht um das bedrohlichste Problem eines Schriftstellers: eine Schreibblockade. Weyergans schreibt über den Autor mit dem sicher nicht zufällig gewählten Namen Francois Weyergraf und dessen kreativste Phase nachts: „Einschlafen macht mir immer Spaß. Es ist der Augenblick, wo mir die meisten Ideen kommen. (. . .) Leider ist mir nicht vergönnt, zur gleichen Zeit zu schreiben und zu schlafen. Also schlafe ich mit dem Gedanken ein, dass ich genial bin, und wache mit dem Gedanken auf, dass das Leben fürchterlich ist, zwei sehr übertriebene Urteile.“

Obwohl der reale Weyergans immer wieder betont hat, dass dieser Roman nicht autobiografisch ist, erklärte er doch gleichzeitig, das Problem einer Schreibblockade nur allzu gut zu kennen. Das nun nach Jahren des Schweigens mit Spannung erwartete Buch erzählt zwar sehr vergnüglich von den Nöten der Kreativität. Der fiktive Autor, der in einer Midlife-Crisis steckt, wird schließlich von seiner Mutter zu dieser Geschichte inspiriert.

Allerdings neigt Weyergans bisweilen allzu sehr zu Luftblasen. In Frankreich wurde das Buch trotzdem ein Bestseller.

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