Drei Mütter von Alfred Neven DuMont, 2013, HoCa

Drei Mütter.
Roman von Alfred Neven DuMont,
(2013, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Walter Hinck in der Frankfurter Rundschau, 13.3.2013:

Hymne an die Frauen
Heute erscheint Alfred Neven DuMonts neuer Roman über „Drei Mütter“. Zum Glück ist im Autor eine Leidenschaft wieder aufgetaut, die er als Verleger hatte unterkühlen müssen: die produktive Leidenschaft fürs Theater.
 
Wenn der Herrscher eines Zeitungsimperiums mit 75 Jahren Literatur zu schreiben beginnt, so schaut man ihm doppelt scharf auf die Finger. So war es bei Alfred Neven DuMonts Debüt, dem Erzählungsband „Die verschlossene Tür“ (2003), in dem sich der Autor am dezenten Stil kultivierter Novellenliteratur orientierte. Im Roman „Reise zu Lena“ (2009) rückt ein in den Erzählungen schon anklingendes Motiv, das der Schwermut, in den Mittelpunkt. Eine Depression wendet sich ins Tragische: Bei einem Tauchabenteuer zieht der Sog der Tiefe die Kranke hinab. Eine fantastische Geschichte wird im Roman „Vaters Rückkehr“ (2011) zum Gleichnis der Versöhnung zwischen Generationen.

Nun legt Neven DuMont „Drei Mütter“ vor. Jede der drei „Mütter“ im Roman bestimmt für eine gewisse Phase die Lebensentwicklung des jungen Alwyn. Seine Ma, die ihn zur Welt bringt, verlässt bald ihren Mann und brennt mit einem Tennisstar durch. Alwyns ältere Schwester, die später einen großen Mathematiker heiraten wird, trainiert den Geist des Jungen. Die dritte „Mutter“ Alwyns ist die zweite junge Frau des Vaters, die der Firmenchef in Argentinien kennen lernte: Milena. Da kehrt das Motiv des Tangos wieder, das durch die Erzählprosa Neven DuMonts wandert: „Wir segelten Abend für Abend bei dröhnender Musik als Tangotänzer beseelt durch den Raum.“ Milena führt Alwyn in die Wonnen der irdischen Liebe ein.

Seltsam naives Gebaren

Was aber Alwyn lange nicht ablegt, ist ein seltsam naives Gebaren. Springinsfeld nennt ihn eine Mitschülerin. Die „Springinsfeld“-Geschichte ist eine Erzählung Grimmelshausens in der Nachfolge seines „Abenteuerlichen Simplicissimus“. Und eine neue Dimension öffnet sich, als Alwyn eine Zeitlang seinem Großvater auf dessen Teefarm in Afrika hilft. Er lernt den Sohn des Vaters aus der Beziehung mit einer Schwarzen kennen, der ihm wie ein Bruder erscheint, und nennt ihn „Feirefiz“. Feirefiz aber ist kein anderer als der schwarz-weiße Halbbruder des Parzival. So projiziert sich Alwyn in die Rolle des Parzival, des „törschen knaben“ – eines Tors, der manchen Irrweg geht, bis er am Ende seiner Heilssuche zum Gralskönig berufen wird. Die Geschichte der Entwicklung Alwyns allerdings wird auf eine sehr diesseitige Erfüllung zusteuern.

Dazwischen werden die Symptome eines Umwandlungsprozesses, der Pubertät mit ihren Verstörungen und Beglückungen, mit nächtlichen Samenergüssen und dem Drang zur Selbstbefriedigung ausgebreitet. Der Autor nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Die Vorgänge werden beschrieben mit einer Drastik, die nicht zum bisherigen Werk passen will.

Zum Glück ist im Autor eine Leidenschaft wieder aufgetaut, die er als Verleger hatte unterkühlen müssen: die produktive Leidenschaft fürs Theater (der junge Alfred Neven DuMont hatte sie an den Münchner Kammerspielen kennen gelernt). Sie findet im Roman ihren erzählerischen Spiegel in der Abituraufführung, einer Inszenierung des „Hamlet“. Alwyn spielt Hamlet und Eva die Ophelia. Die Schulaufführung hat Folgen. Als Alwyn schon erste schriftstellerische Versuche hinter sich hat, begegnet er Eva wieder. Zunächst brüstet sich Eva noch mit „zeitgemäßer“ sexueller Freizügigkeit, dann lässt sie diese Maske fallen und begleitet ihn nach Afrika

Rückkehr in die moderne Welt

Wie tritt der Mann, der seinen afrikanischen „Bruder“ Feirefiz nannte und sich so zu Parzival in Beziehung setzte, in die moderne Welt? Bei der Rückkehr steht Alwyn „in Flammen“, und Eva bekennt, dass sie ein Kind bekommt. Zu Hause sind alle Mitglieder der beiden begüterten Familien „aus dem Häuschen“.

Bald aber zeichnen sich die Umrisse einer festen Familiengemeinschaft ab, in der die Eigenständigkeit des Einzelnen gewahrt bleibt: „Ich mache meinen Doktor, und du fängst morgen früh an zu schreiben.“ Das Ende liest sich wie ein Epilog. Aus der Rolle des Ich-Erzählers schlüpft der Autor Neven DuMont und meldet das Erscheinen des fertigen Romans „Drei Mütter“. Aus seiner Fantasiewelt tritt der Roman ins raue Klima des verlegerischen und buchhändlerischen Wettbewerbs.

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