Drei Männer auf Bummelfahrt.
Roman von Jerome K. Jerome (2005, Manesse - Übertragung
Renate Orth-Guttmann).
Besprechung von Susanne Ostwald in Neue Züricher Zeitung vom 24.9.2005:

Ganz zu schweigen vom Drahtesel
Jerome K. Jerome schickt «Drei Männer auf Bummelfahrt»

Der Hund darf diesmal nicht mit auf die Reise. Doch etwas anderes Altbekanntes begleitet die berühmten drei Männer, die sich einstmals auf eine der chaotischsten und lustigsten Flussfahrten machten, auch auf ihrem nächsten Trip: das Talent dafür, so ziemlich jede Unbill anzuziehen, die man als Tourist erleben kann. «Drei Mann in einem Boot . . . ganz zu schweigen vom Hund» heisst der Klassiker von Jerome K. Jerome aus dem Jahre 1889, darin sich die Freunde George, Harris und J. (des Autors Alter Ego) auf eine vierzehntägige Themsefahrt begeben, während deren so manches über Bord und den Bach runter geht – ausser natürlich der Freundschaft und dem Humor der Bootspassagiere. Jeromes hochkomischer Roman, später zigfach verfilmt, wurde ein solcher Erfolg, dass sich der Autor elf Jahre später entschloss, dieselben drei Männer erneut auf grosse Fahrt zu schicken. Also lässt er sie gemeinsam darüber nachdenken, wohin die Reise diesmal gehen könnte (eine nicht einfach zu beantwortende Frage), wie man den Männerausflug vor dem Ehegespons rechtfertigt (noch schwieriger) und, last, but not least, welchen Verkehrsmittels man sich bedienen will. Die Wahl fällt auf Deutschland per Drahtesel, die Damen sind heilfroh, ihre Göttergatten einmal los zu sein, und so begeben sich also «Drei Männer auf Bummelfahrt», jetzt im Manesse-Verlag in neuer Übersetzung von Renate Orth-Guttmann erschienen.

Jerome hebt zu dem gleichen anekdotischen Plauderton an, in dem schon die spritzige Flussfahrt der drei Männer dahinsprudelte. So gilt es etwa, grundsätzliche Betrachtungen über «Fahrraddurchseher» anzustellen – jene berüchtigte Spezies, die noch jeden funktionstüchtigen Drahtesel mittels Schraubenschlüssel zum Lahmen gebracht hat, im Bestreben freilich, ihn zünftig aufzuzäumen. Doch Jeromes Vehikel will diesmal nicht richtig in Fahrt kommen, und auf Dauer bleibt dabei auch der Humor auf der Strecke. Das hängt insbesondere damit zusammen, dass Jeromes Beobachtungen über Deutschland der Genauigkeit und humoristischen Schärfe entbehren. Es ist nicht zu übersehen, dass der Autor sich ein Beispiel an Mark Twains brillantem satirischem Reisebericht «A Tramp Abroad» (1880) genommen hat. Auch Twain hatte Deutschland bereist, und dieser Teil seines Berichtes ist im vergangenen Herbst in der Edition Büchergilde unter dem Titel «Bummel durch Deutschland» (NZZ vom 9. 10. 04) erschienen.

Twain war wohl mehr als nur ein Vorbild für Jerome, wie ihn Felicitas von Lovenberg in ihrem Nachwort nennt. Die beiden Autoren kannten sich, da Twain Mitarbeiter der Zeitschrift «The Idler» war, die Jerome 1892 gemeinsam mit seinen Freunden Robert Barr und George Brown gegründet hatte. Im Grunde muss man Jerome einen Nachahmer nennen, und zwar nicht den besten. Er nimmt sich in «Three Men on the Bummel» zum Teil dieselben Themen vor wie Twain (etwa die schlagenden Verbindungen der Studenten), schafft es aber nicht, auch nur annähernd an Twains pointierten Witz und dessen trennscharfe Beobachtungsgabe heranzukommen – dazu fehlt ihm, das ist offensichtlich, das Hintergrundwissen über Deutschland. Hinzu kommt, dass sich manche Passage aus dem ins Pathetische kippenden letzten Kapitel unheimlich liest, bedenkt man, welche Wendung die Geschichte nicht lang nach Erscheinen des Romans nehmen sollte. Dort heisst es etwa: «Man darf auf die künftige Entwicklung gespannt sein. Denn die deutsche Nation ist noch jung, und dass sie zur Reife gelangt, ist wichtig für uns alle. Die Deutschen sind ein gutes Volk, ein liebenswertes Volk, das dazu beitragen sollte, eine bessere Welt zu schaffen.»

Was Jerome in diesem Buch an sprachlichem Witz fehlt, kann auch die Übersetzerin mit ihrer uninspirierten Übertragung nicht gutmachen, und zu allem Übel sind ihr auch noch Verständnisfehler unterlaufen, die einem aufmerksamen Lektorat hätten auffallen sollen. Also holen wir lieber den Hund zurück ins Boot, fahren noch einmal mit den drei Männern die Themse hinunter – und erfreuen uns an einem Buch, das besser ohne Fortsetzung geblieben wäre.

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