Drei Männer.
Novelle von Walter Grond (2004, Haymon).
Besprechung von Samuel Moser in Neue Züricher Zeitung vom 15.06.2005:

Der Wunschalbtraum
Walter Gronds Novelle «Drei Männer» – eine Fortsetzung Musils mit andern Mitteln

Eines der Geheimnisse von Robert Musils 1924 erstmals unter dem Titel «Drei Frauen» erschienenen drei Erzählungen spricht Walter Grond im Titel seiner Novelle offen aus: «Drei Männer» nennt er sein neustes Werk, eine Fortsetzung Musils mit andern Mitteln. Die Frau ist schon bei Musil der seltsame Attraktor des Mannes. Musils Studienobjekt sind seine Seelenabgründe, nicht die der Frau. Ob Gronds Text eine Novelle ist, darüber kann man streiten. Wichtiger ist, dass es eine Novelle ist. Was bei Musil lose nebeneinander steht und seinen verborgenen Zusammenhalt erst finden soll, ist bei Grond von Anfang an als Eines konzipiert. Geht es bei Musil um durch Herkunft, Charakter und Lebenszeit verschiedene Frauen, an denen ebenso verschiedene Männer schicksalshaft scheitern, drehen sich bei Grond alle um eine und dieselbe Frau. Dazu passt die lineare Anordnung seiner drei Texte: Die Männer stehen für drei Lebensabschnitte dieser Frau.

Nicht nur im Titel und mit einem Zitat auf dem Vorsatzblatt ruft Grond Musil in Erinnerung. Im mittleren Teil, dem «Berliner»-Teil, porträtiert er ihn als «Romancier», ohne seinen Namen zu nennen. Auch er verlor bei dieser zur Göttin erhöhten und zur Hure erniedrigten Frau den Verstand. (Ein Theaterstück Musils ist die künstlerische Hinterlassenschaft dieser Geschichte.) Gronds Novelle ist aber nicht nur eine Dekonstruktion dieser Figur, des «Romanciers», sondern auch der Trilogie «Drei Frauen» des «realen» Robert Musil. Musil führt seine Männerfiguren in die unergründliche Tiefe des Weiblichen. Grond hingegen holt es in seiner Frauenfigur an die Oberfläche. Der erste Teil seiner Novelle erzählt das Mysterium ihrer Vergangenheit. Der letzte reduziert in der Form eines Nachrufs ihr Leben auf das Faktische. Verfasst von ihrem zum Sekretär gewordenen letzten Liebhaber. So schreibt Grond seine Protagonistin buchstäblich aus dem Buch hinaus. Die, die in ihrem hin und her gerissenen Leben nie zu einer Identität fand (nicht einmal zu einer geschlechtlichen), wird identifiziert. Die in der Fiktion der Dichtung lebendig Gewordene wird in der Realität historischer Daten zu Grabe getragen. Wir wissen jetzt alles und kennen sie doch nicht mehr. Das heisst: Die Geschichten können wieder beginnen.

Diese Endlosschlaufe von Dichtung und Wahrheit ist der raffinierte Teil von Gronds Novelle. Wenn diese dann doch weniger für Überraschungen sorgt als ihr Vorläufer, dann liegt das womöglich gerade an der Prominenz seiner Frauenfigur. Zum Geheimnis der musilschen Frauenfiguren gehört ihr objektiver Mangel an Biografie. Das Leben der Protagonistin Gronds dagegen könnte interessanter, lebendiger gar nicht sein. Musils Männer sind Ingenieur, Ritter, Forscher. Dass sie zu den Frauen «hinaufstürzen», bedeutet dann einen unerklärlichen Bruch in ihrem Lebensplan.....Fortsetzung

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