Drei Flüsse von Klaus Böldl, 2006, S. FischerDrei Flüsse.
Erzählung von Klaus Böldl (2006, S. Fischer).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 26.4.2006:

1 Ich und 3 Flüsse
Klaus Böldl durchwandert seine Geburtsstadt Passau

Vielleicht fängt es damit an, mit dem Bild einer Frau, "die in einem schicken Kinderwagen mit den rundlichen Formen der sechziger Jahre einen winzigen Körper, der meinen Namen trägt, durch diese beinahe undurchdringliche Vorstadthügellandschaft schiebt". Und mit der Frage, in welcher Weise die Eindrücke in diesem winzigen Wesen gespeichert, abgelagert werden. Kann man sich die eigene frühe Wahrnehmung und Prägung, die Herkunft und den Bilderwerb vorstellen, fassbar machen? Oder bleibt all das letztendlich ebenso fern wie eine überlieferte Erzählung aus der eigenen Herkunftsstadt, wie die Legenden und Bilder aus dem Mittelalter, die in ihr kursieren? Klaus Böldl hat mit Drei Flüsse einen Erkundungsgang durch seine Geburtsstadt Passau unternommen, der gleichzeitig auch eine Identitätserforschung des Erzählers darstellt; eines Mannes, der, ähnlich dem Wasser, das durch Passau fließt, durch die Straßen, die Historie, sein eigenes Bewusstsein mäandert.

Ein Außenseiter, der staunt

Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde Klaus Böldl für einen Auszug aus Drei Flüsse, man kann es gar nicht anders sagen, verbal verprügelt. Möglicherweise hätten der Autor oder mindestens der ihn einladende Juror wissen müssen, dass dies keine Klagenfurt-kompatible Literatur ist (was angesichts der Qualität der Autoren im vergangenen Jahr beinahe ein Kompliment ist); das Urteil der Jury hingegen war relativ dreist - man mag, wie gegen jeden Text, Einwände finden können, nicht aber den der fehlenden Literarizität. Dafür ist Böldls Sprache zu elaboriert, zu rhythmisch, zu assoziations- und bildreich: Drei Flüsse ist ein höchst poetisches Buch und der geglückte Versuch einer Versprachlichung von Landschaft.

Der Erzähler also, ein Außenseiter, ein Außenstehender, der nichts zu tun hat mit dem Alltag der Menschen, die er beobachtet in ihren Mittagspausen; der sich durch die Stadt förmlich durcharbeitet; horizontal, durch die Straßen und Gassen, zu den Kirchen, Klöstern und Plätzen, auf denen die Zeit stillzustehen scheint, sich nichts verändert hat seit Jahrhunderten, so der Eindruck jedenfalls, bis plötzlich hinter einer Fensterscheibe ein Bildschirm flackert oder ein Jogger in grellbunter Trainingskleidung vorbeiläuft und den Betrachter zurückreißt ins Heute, ins Jetzt. Und vertikal, durch die Epochen und die Geschichten, die sie hervorgebracht haben und die letztendlich zusammengehalten werden durch eine tiefe katholische Prägung. Die Glocken der einzelnen Kirchen kann dieses umherstreifende Ich ebenso anhand ihres Klangs voneinander unterscheiden wie die drei Flüsse, die Passau durchfließen, die Donau, den Inn, die Ilz, anhand ihrer Farben.

Das einmal Erlebte

Alles wird gesammelt, Legenden und Mythen, Erinnerungsfetzen, mündliche Überlieferungen, ein Ausschnitt aus dem Archiv der Passauer Neuen Presse - von einem Artikel über den Tod durch Ertrinken dreier Jungen in der Donau bis hin zu der Nachricht, dass ein Hilfsarbeiter sich beim Rasieren geschnitten und zum Stillen der Blutung einen Satz Rabattmarken im Wert von drei DM verwendet haben soll. So berichtet es die Rubrik "Da lacht der Leser" am 27. Juni 1960. "Die Stadt hat vielleicht mehr als jede andere in diesem Teil des Landes eine überall in den Gassenschatten, auf den Anhöhen, unter den bröckelnden Torbögen, in den kalten Kirchenräumen und voll gestellten Antiquitätengeschäften noch aufgestaute Vergangenheit." Wo diese aufgestaute Vergangenheit manifest wird, kommt es zu jenen "Passauer Momenten", gereinigt von "allem augenblicklichen und Austauschbaren".

Ist er sich näher gekommen, der Erzähler? Nach rund 100 Seiten, die keinen Plot haben und doch eine innere Spannung, die sich nur aus der Sprache selbst speist, die funkelt wie der gletschergrüne Gebirgsfluss Inn und manchmal so düster und undurchdringlich erscheint wie die beinahe schwarze Ilz, sitzt man auf einer Bank neben einer kleinen Kapelle, "Maria im Walde", und den Erzähler überkommt die Vorstellung, "das Leben bestünde nur aus wenigen, in der frühesten Zeit gesetzten Momenten, und alles danach erschöpft sich in Wahrheit im bloßen Nachstellen und im unbewusst fragenden Umkreisen dieses einmal Erlebten". Diesen Prozess des Umkreisens findet man in Drei Flüsse eindringlich in Literatur übersetzt.

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