Drei Dollar von Elliot Perlman, 2010, DVADrei Dollar.
Roman von Elliot Perlman (2010, DVA - Übertragung Henning Ahrens).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 30.1.2010:

Elliot Perlman rechnet vor, was die Liebe wert ist
Der australische Autor Elliot Perlman rechnet in seinem Roman "Drei Dollar" Geld und große Gefühle gegeneinander auf – präzise und poetisch. Er durchmisst den Raum zwischen den drei großen Koordinaten Geld, Liebe und Arbeit gekonnt, genau und nie gefühlig.

Dieses Buch ist zwölf Jahre alt; es kommt genau zur rechten Zeit. 1998 schrieb der australische Autor Elliot Perlman sein Romandebüt „Drei Dollar”, es brachte ihm Ruhm und Geld: Seither kann der studierte Jurist vom Schreiben leben. Elliot Perlmans zweites Werk, „Sieben Seiten der Wahrheit”, wurde im vergangenen Jahr auch in Deutschland begeistert gefeiert und gut verkauft. Und so mag Perlmans deutscher Verlag kühl kalkuliert haben, es lohne sich, den Erstling am heutigen Tag nachzureichen.

Denn Perlman rechnet. Stellt die Gleichung auf: was der Kapitalismus mit den Menschen, ihren Lebensentwürfen, ihren Beziehungen macht. Addiert Spitzeneinkommen und Geltungssucht, substrahiert Arbeitslosigkeit und Alkoholismus. Die Kürzungen von Sozialleistungen waren offenbar ein brisantes Thema vor zwölf Jahren in Melbourne, heute aber liest sich die persönliche Krisengeschichte des studierten Chemie-Ingenieurs Eddie wie eine global gültige Zustandsbeschreibung.

Ein Schrein des beruflichen Scheiterns

Die Krise beginnt ja nahezu unbemerkt, bereits in Eddies Kindertagen. Eines Tages wird ihm seine Schulfreundin entrissen – Amanda besucht nun eine Privatschule. Amanda, die einen „eigenen Duft” hat, hellblonde Haare und ein natürliches Anrecht auf das Adjektiv „engelsgleich”. Amanda, deren Vater Chemie-Ingenieur ist – und reich. Fortan begegnet Eddie seiner gestohlenen Liebe zufällig alle neuneinhalb Jahre. Beim letzten Treffen ist er ebenfalls Chemie-Ingenieur, hat ein Gutachten geschrieben über die Umweltgefahren einer Fabrik, die Amandas Vater gehört – und darüber seinen Job verloren. Er hat eine Tochter, Abby. Seine Frau Tanya ist depressiv, ihre Doktorarbeit bleibt unvollendet. Das gemeinsame Arbeitszimmer ist „ein Schrein unseres jeweiligen beruflichen Scheiterns”. Im Haus fallen die Badezimmerkacheln von den Wänden.

Die Angst vor dem Abrutschen, Abgleiten ist dem gebildeten Mittelstand dieser Tage selbstverständlich, in diesem Sinne ist Perlman hochaktuell. Zur großen Kunst aber wird sein Werk, weil er sich nicht auf einen Aspekt beschränkt: In Nebenschauplätzen und -figuren durchmisst er den Raum zwischen den drei großen Koordinaten Geld & Liebe & Arbeit – gekonnt, genau und nie gefühlig. Seine ganze Poetik und Präzision entfaltet Perlman in kleinen Szenen, Romane für sich.

Einmal tritt Eddies Tante Peggy auf, die immer Schauspielerin werden wollte und es in gewisser Weise auch wurde („sogar ihre verpassten Chancen schrien doppelt so laut wie die anderer Leute”) und angeblich Onkel George durch ihre Habgier ins Grab brachte. Eddie gibt ihr sein gesamtes Erspartes aus einem Glauben heraus, den er nie verlieren wird: dem Glauben an die wahre Liebe, die nicht rechnet.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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