Draußen vor der Tür.
Theaterstück von Wolfgang Borchert (2004, Düsseldorf).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 20.1.2004:

Ein furchtbarer Totentanz, ein Lied von der Verlassenheit
Düsseldorf zeigt Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür"

Dieses Stück ist eine Legende, sein Titel eine Chiffre. Bei der Uraufführung 1947 traf Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" einen
Nerv seiner Zeit, doch das Thema ist bis heute von elementarer Bedeutung - der Wahnsinn des Krieges.

Martin Oelbermann, der kluge Düsseldorfer Regisseur, ist nicht der Versuchung erlegen, eine zeitgemäße Irak-Variante zu inszenieren.
Er zeigt Wolfgang Borchert und den Heimkehrer Beckmann, der keine Heimat mehr findet, das ist genug.

"Draußen vor der Tür" ist ein starkes, expressives Drama, nicht nur, weil es den Krieg dröhnend anklagt, sondern weil seine drängende Sprache nichts von ihrer suggestiven Wirkung verloren hat.

"Was weinst du, Alter?" fährt eine Frau in grüner Pathologenschürze einen Schlohweißen mit Blindenbinde an. "Weil ich es nicht ändern
kann", antwortet der Greis. Er ist der Gott, an den keiner mehr glaubt, und die Frau in der Gummischürze ist der Tod. Später ist sie die
Elbe; in Oelbermanns karger Inszenierung sind alle 14 Rollen auf nur vier Darsteller verteilt. Deshalb ist Beckmann zugleich auch der Mann, der bei Beckmanns Frau untergekommen ist, solange er selbst in russischer Gefangenschaft war, und der Oberst, zu dem Beckmann geht, um ihm die Verantwortung für die Toten in seinem Trupp zurück zu geben, tritt auch auf als alle die anderen, die Beckmann zurückweisen, verlachen, ausstoßen. So entsteht ungeheure Dichte.

Beckmann kommt also nach Hause und findet seinen Platz besetzt, da geht er in die Elbe, aber die spuckt ihn wieder aus. Er liegt am Ufer und will nicht mehr, vor allem will er nicht auf die andere Stimme in sich hören, die ihm das Positive, das Jasagen einbleuen will.

Dann kommt ein Mädchen und nimmt ihn mit, und so weit geht Beckmanns Todessehnsucht nicht, dass er ein wenig Wärme ausschlagen würde. Es wird aber nichts daraus, dieser Totentanz geht weiter und der Mann des Mädchens, der eigentlich in Stalingrad verscharrt sein sollte, kommt und fragt, was Beckmann an seinem Platz tut. Und Beckmann geht wieder einmal.

Das alles ist unerhört konsequent und klar gespielt; der pathetische Ton ist ironisch gebrochen, so wird die Emotion nur stärker.
Till Firit als Beckmann, Claudia Burckhardt, Heinz Kloss und Tim Egloff bewegen und überzeugen.

Auf der Bühne liegen neben einem Stahlhelm Arme und Füße aus Pappe; Beckmann trägt Hose und Jacke, die an eine Uniform erinnern. Auch
die anderen sind grau. Das Publikum sitzt sich in zwei Blöcken gegenüber, Laufstege führen zwischen den Sitzreihen nach oben zu schrägen Bühnenflächen. Dadurch bekommt das Spiel etwas Symbolisches, Surrealistisches. Es findet seinen Höhepunkt in Beckmanns Traum: Ein
General spielt mit seinen Armprothesen auf einem Xylophon aus Menschenknochen, und aus den Massengräbern brüllen die Toten: "Beckmann, Unteroffizier Beckmann . . ."

Es ist ein furchtbares Lied von der verlassenheit, mit Visionen, so aktuell wie damals. "Morgen kommt einer und sprengt einen ganzen Erdteil in die Luft", sagt Beckmann, und: "Ich glaube, wir müssen uns nach einem neuen Planeten umsehen."

Wolfgang Bochert, selbst gebrochen von Krieg und Inhaftierung, starb 1947, erst 26 jährig - einen Tag, bevor sein Stück uraufgeführt wurde.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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