Dossier K.
Eine Ermittlung von Imre Kertész (2006, Rowohlt - Übertragung Kristin Schwamm).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 2.10.2006:

Die Heiterkeit der Niederlage
«Dossier K.» - Imre Kertész nimmt sich selbst ins autobiografische Kreuzverhör

Hier ist es, das Gegenstück zu Günter Grass' «Beim Häuten der Zwiebel» - ein ebenso präzises wie unerbittliches Buch autobiografischer Selbstbefragung, das jede Art von Rechthaberei unterläuft. Die Diskrepanz zwischen chronischer Empörung über die Verlogenheit anderer und dem kalkulierten Verschweigen der eigenen SS-Mitgliedschaft; der Versuch, die eigene Person mittels eines Alter Ego erzählerisch aus ihrer Verstricktheit in ein Verbrechen herauszumogeln, das man nie zu vergessen vorgibt; der Anspruch, in der Bilanz des eigenen Lebens «das letzte Wort» haben zu können - solche moralische Schlampigkeit und intellektuelle Vermessenheit hätte sich dieser Autor nicht durchgehen lassen. Fremd sind ihm Präpotenz und Larmoyanz, Empathieverweigerung und Ahnungslosigkeit vor sich selbst. Es gibt wenige Schriftsteller, die so radikal in Frage gestellt haben wie Imre Kertész. Angesiedelt am Nullpunkt der Existenz, transportiert sein Werk den tiefsten Ernst mit den Mitteln des Zweifels, der Ambivalenz und der Ironie. Es atmet die Grösse menschlicher Niederlage.

Als Überlebender der Vernichtungslager war Imre Kertész ein Opfer jenes Systems, dem jener Unbedingtheitsgestus entstammt, den Günter Grass auch dann nicht ablegen mochte, als dieser Zusammenhang evident geworden war. Wer Kertész' autobiografische Ermittlung «Dossier K.» liest, merkt, wie unendlich viel beide fast gleichaltrigen Literaturnobelpreisträger trennt. Der totalen Entmenschlichung des ungarischen Juden in Auschwitz und Buchenwald steht die Unbekümmertheit des deutschen Pimpfes gegenüber, welcher der bürgerlichen Enge in den Heroismus der militärischen Tat entkommt und dabei die dumme Erfahrung der Niederlage macht. Stand es Grass im Zug der Wiederaufbaujahre frei, im «Mief» des freien Westens als erzählerische Saftwurzel und auftrumpfender «Antifaschist» Karriere zu machen, war dem Überlebenden Kertész im Osten nicht nur der Weg der Scham vorgezeichnet. Ihm stand auch der Stalinismus bevor - als Fortsetzung des Lagers mit anderen Mitteln.

Platonischer Dialog

Das «Dossier K.» ist ein Selbstverhör mit Alter Ego. Imre Kertész hat seinem Lebensbericht nicht zufällig eine Form gegeben, die das epische Bekenntnis-Schema durch einen platonisch anmutenden Dialog unterläuft. Das Ineinander von Vorstellung und Wirklichkeit ist zu essenziell, als dass Kertész realistisch hätte verfahren wollen. Die Darstellung des Undarstellbaren, dessen Name «Auschwitz» lautet, bedarf der fiktionalen Verfremdung des real Geschehenen. Erst die paradoxale Erfindung des Ich als eines anderen machte den «Roman eines Schicksallosen» als Tanz über dem Abgrund überhaupt möglich. Kertész' Kunst schöpfte ihre Kraft aus dem aufgeschobenen Selbstmord.

Fast beiläufig und oft nur auf Nachfrage gibt das Buch preis, was sonst den grundlegenden Gehalt von Biografien ausmacht: Kindheit, Jugend- und Bildungsjahre, die Zeit von Liebe und Beruf, Reife und Erfüllung. Nicht nur, dass Auschwitz den Roman seines Lebens nachhaltig beschädigt hat, Kertész sträubt sich auch dagegen, die Not des Überlebenden in der Lust des Anekdotischen aufgehoben zu sehen. Im Wissen um den Schrecken des Kommenden nimmt man die Zeit vor dem Holocaust umso bewegter zur Kenntnis. Gegeben wird das Stück einer weitverzweigten Familie assimilierter ungarischer Juden, die es vom Land in die Stadt verschlägt. Zwischen Onkeln, Mägden und Büchern scheint für den 1929 geborenen Imre zunächst ewiger Sommer zu herrschen. Auch das Hin und Her zwischen den sozial scharf getrennten Welten der geschiedenen Eltern vermag sein Lebensvertrauen nicht zu erschüttern.

Selbstentdeckung als Jude

Ins «Elend» kippt die Kindheit, als die Not der Pubertät und die Selbstentdeckung als Jude zusammenkommen. Seit 1938 verschärft sich in Ungarn die Ausgrenzung: Was 1940 mit «Judenklassen» beginnt und 1943 mit Zwangshilfsarbeit, gelbem Stern und «Judenwohnungen» weitergeht, endet 1944 in der Deportation. Bald steht der Vater da als der, der dem Knaben die jüdische Existenz eingebrockt hat (was dieser ihm mit Distanz und Destruktivität heimzahlt). Bereits vor Auschwitz also findet sich Kertész mit seinem Anderssein konfrontiert. Und wie es der Vater versäumt, dem Sohn das Judentum als Auftrag zu vermitteln, verschweigt ihm dieser seine Weigerung, dieses Schicksal annehmen. Erst die Erfahrung des Lagers hat Kertész den jüdischen Selbsthass aufgeben lassen zugunsten radikaler Selbsterforschung. Sein Ringen um Wahrheit erweist sich als Kampf gegen den Vater - über dessen Lagertod hinaus.

Das «Dossier K.» öffnet psychologische Perspektiven, um sie gleichzeitig zu verwerfen. Enthüllung ist Verbergung, wie auch die Passagen zeigen, die sich auf die Lagerzeit beziehen. Der Absurdität seines Überlebens in Buchenwald mag Kertész keine Logik unterstellen, auch wenn es Anhaltspunkte gibt, wie genau es zur «Betriebspanne in der Todesmaschinerie» kommen konnte. Kertész' gesamtes Schaffen richtet sich gegen die Versuchung, Auschwitz als Finalität zu legitimieren. Es macht die «teuflische Ironie der Weltordnung» und den «schrecklichen Irrtum» der Kultur selbst aus, uns als Sinn-Bedürftige zu Kollaborateuren des Faktischen zu machen.

Es bedurfte eines Proustschen Wiederentdeckungserlebnisses zu Zeiten der kommunistischen Diktatur (die Epiphanie der Lager in den Korridoren der Staatsmacht), um Kertész seine Pflicht begreifen zu lassen, die Wunde offenzuhalten. Die ersten Nachkriegsjahre bringen ein rauschhaftes Sich-treiben-Lassen, aber auch den Versuch, Engagement zu zeigen und Teilhabe zu erlangen durch Hinwendung zum Kommunismus (dem die hübschen Mädchen anhängen). Der junge Mann bewegt sich zwischen Lebensgier und Existenzsorge, Faszination und Ekel, Fortschrittsglaube und Desillusion und stellt am Ende fest, dass sich an seiner Fremdheit nichts geändert hat. Das Gefühl der Absurdität wird er nicht mehr los. Der «Glaube» geht Kertész nur schon «als Stil» ab, entsprechend scheitert er nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 als Journalist. Als Fabrikarbeiter übt er wieder die abwesende Anwesenheit, die Überlebensstrategie im Lager.

Dem «totalen Irrtum» der Kollaboration entkommt Kertész 1953 nach Jahren der Lebenskrise in die Existenz als freier Schriftsteller, die er mit Boulevardtheater-Stücken und Übersetzungen finanziert. Die Ehe mit Albina wird zur moralischen Grundlage seines Willens, im inneren Exil das «Recht auf absolute Offenheit» wahrzunehmen. Die Zeit der Diktatur erweist sich als «dunkelster und produktivster Abschnitt» seines Lebens. Existenzangst verkrallt sich mit dem Zwang zu schreiben. Es gilt, den Verstand nicht zu verlieren. Kertész muss erst lernen, die Hemmungen abzuwerfen, um das eigene Leben als Rohmaterial für die Kunst zu nutzen. Die von bitterer Selbstprüfung und quälender Einsamkeit begleitete Niederschrift des «Romans eines Schicksallosen» (1960-1973), aber auch die Zensur und das Schweigen, die dem Werk entgegengebracht werden, stellen ein Fiasko dar, dem Kertész ein gleichnamiges Buch (1978-1986) widmet. 1989 bringt die Wende. Die Anerkennung im Westen schliesslich ebnet den Weg nach Stockholm.

Verspielt und mit dem Witz des Selbsteinspruchs kommt das «Dossier K.» daher, und doch vereinigt es eine stupende Fülle von Themen, die an die Wurzel gehen. Nicht nur umkreist das Buch kunstvoll das «Stoffwechselverhältnis» von Fiktion und Realität als Bedingung der Möglichkeit des Schreibens, es wirft auch Fragen nach der Wahrheit und dem Humanum, nach der Ästhetik und dem Erzählen nach Auschwitz auf. Weitere Punkte sind die Überlagerung der Erinnerung, das Historischwerden des Erzähler-Ich, die (Un-) Möglichkeit der Erlösung im Werk. Persönliches und Intimes steht neben Werkspezifischem wie Komposition, (literarische und musikalische) Prägung oder Kritik. Scharf ins Gericht geht Kertész schliesslich mit der ungarischen Zeitgeschichte, wofür er in seiner Heimat in Fortsetzung alter Erfahrungen auch den Preis der (antisemitischen) Ausgrenzung bezahlt. Das Gift von Unterdrückung und Kollaboration in der Kádár-Diktatur sieht er weiterwirken im verbreiteten Unwillen, Scham über die eigene pervertierte Geschichte zu empfinden.

Die Wahrheit des eigenen Falls

Es ist die Erkenntnis, «überall und jederzeit erschiessbar zu sein», die Kertész den Mut fassen liess, «kühn zu denken». Ingeniös ist die Form, die er seiner Autobiografie als Kreuzverhör gegeben hat. Nicht zuletzt geht es ihm darum, sich noch einmal vor den Toten von Auschwitz zu rechtfertigen - denn sie sind als Einzige «unbeschmutzt» geblieben «von der Schande des Holocaust». Mag Kertész mit seinem Schreiben auch «nichts gelöst» haben, so hat es ihn - wie im «Dossier» der Humor, die Ironie sowie das Bekenntnis zur Liebe belegen - am Ende doch auf die «heitere Seite» des Daseins gebracht. Imre Kertész hat den «schwersten» Weg als den «vollkommeneren» gewählt - für sich selbst einzustehen, die universale Wahrheit des eigenen, einzigen, unwiederholbaren Falles zu ergründen. Ein Moralist wollte er niemals sein und war es gerade deswegen. - Womit wir wieder bei Günter Grass wären. Doch lassen wir das lieber.

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