Dort und da - oder: Wie klein die Welt ist.
Prosa von El Awadalla (
2011, Sisyphus, mit Fotos von Luca Faccio)
Besprechung von Helmut Schönauer, 22.08.2011:

Gründe für eine Reise gibt es viele.
In El Awadallas Aufzeichnungen von dort und da fährt die ich Erzählerin als Afrikanistik-Studentin in den Senegal, um das Gelernte zu überprüfen und die eingespeisten Vorurteils-Bilder neu aufzupixeln.

In der Hauptsache bewegt sich die Erzählerin in Dakka, wird dort von einem Bekannten durch die Stadt und Gesellschaft geführt, eine Reise nach Tibuktu findet letztlich nicht statt.

Im Prinzip geht es in Dakka genauso zu wie im Burgenland. Die alten Riten verschwinden, die Menschen rennen der Kohle nach, es gibt Gute und Schlechte, und der Tourismus versaut alles, was ein reibungsloses Leben ermöglichen würde.

Tatsächlich will eine deutsche Gruppe nur Getränke und Frauen, und ist ein wenig verblüfft, dass ihre ordinäre Sprache verstanden wird. Eine Vermieterin verlangt für die Wohnung einen Horrorpreis, weil die Weißen ohnehin alle reich sind. Und generell besteht der Alltag wie überall aus den gleichen Überlebensstrategien, bloß dass die Armut der Menschen oft als herzliche Hinwendung zum Leben missdeutet wird.

Manchmal sind restaurative Meinungen im Umlauf, wenn es etwa heißt, dass die Bildung und Fähigkeit zum Schreiben die ach so schöne mündliche Tradition ausrotten würde. „Überhaupt verlief die Reise nicht halb so aufregend wie ich immer in Reiseberichten gelesen habe.“ (136), fasst die Heldin alles zusammen, als sie sich noch schnell auf dem Rückflug verliebt und wieder in Europa versinkt.

In diese Reiseerzählung sind jeweils Statements aus der Sicht von zwanzig Jahren später eingeflochten, dabei gibt es kulturelle Beobachtungen sowie scharfe Thesen.

„Hat schon jemand gehört, dass in Monaco, dem dichtest besiedelten Staat Europas, nach Zwangssterilisierungen geschrien wurde? Wohnen ja auch nur Tennisspieler und Rennfahrer dort. Aber in Namibia, bei einer Bevölkerungsdichte von nicht einmal zwei Personen pro Quadratkilometer, bekommen Frauen nur dann Arbeit, wenn sie nachweisen können, dass sie sterilisiert sind.“ (120)

Der Umgang mit anderen Kulturen wird oft durch Vorurteile verbockt. Einmal bei einem Ausverkauf wühlen eine völlig verschleierte Frau und die Erzählerin im ärmellosen Outfit in einer Wühlkiste voller Unterwäsche. Witzigerweise kaufen die Verschleierte und die Ärmellose das gleiche Spitzenhöschen als Unterwäsche.

Senegalesen, wenn sie in Europa sind, werden zu einer amorphen Masse von Afrikanern, in Bozen werden sie überhaupt vereinfachend Marocchini genannt. (123)

El Awadalla fährt den großen Kultur-Clash herunter auf völlig normale Dinge. Die wahren Schweinereien liegen in der Globalisierung der großen Geschäfte. So wird auf dem Globus letztlich alles zu einem austauschbaren Dort und da, die Betroffenen sind überall die gewöhnlichen Menschen, denen Geschichte und Identität geraubt wird.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

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