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Dorfrand mit
Tankstelle.
Gedichte von Jürgen
Becker (2007, Suhrkamp).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 12.7.2007:
Das Früher im Heute der Dinge
Einer muss es ja sagen: Jürgen Beckers
famoser Gedichtband "Dorfrand mit Tankstelle"
Einer muss es einem ja beibringen, vorausgesetzt,
man will etwas darüber wissen: über das Verhältnis von Zentrum und Peripherie
beziehungsweise dessen, was dazwischen liegt. Sicher ist, dieses vage
Territorium bestimmt einen erheblichen Teil unseres Lebens, mental, seelisch und
geographisch. Unter den Zeitgenossen ist in der Prosa für diesen
Zwischenbereich Peter
Handke zuständig. In der Lyrik hingegen ist es Jürgen Becker, von dem
soeben ein schmaler, famos-konzentrierter Band mit 50 Gedichten aus den Jahren
1999 bis 2006 erschienen ist. Der Band trägt den fast schon programmatischen
Titel "Dorfrand mit Tankstelle". Und "Dorfrand mit
Tankstelle" heißen denn auch gleich drei - durchnummerierte - Gedichte in
diesem Band.
"Alles war gestern", sagt in dem zweiten Gedicht des Titels
"Dorfrand mit Tankstelle" ein Tankwart namens Moritz. "Der
Benzinpreis", heißt es, war gestern, wie auch "Krieg und
Antikrieg" gestern waren. Moritz "schaut auf die Straße und hebt den
Arm, als/der Traktor vorbeikommt und der Fahrer/den Arm hebt":
Momentaufnahmen, aufgehängt am unspektakulären, alltäglichen Detail, auf das
der Dichter Jürgen Becker mit einem unnachahmlich zustimmenden Blick sieht. Und
gegen Ende des Gedichts, auch typisch für Jürgen Beckers Kompositionsweise,
steht variierend "Alles war früher". Früher, nicht gestern!
Die Zeitebenen zittern
Nun sind früher und gestern beides Zeitwörter
der Vergangenheit, und gestern meint im Volksmund oft früher. Überhaupt, was
den Unterschied betrifft, so fragen die Gedichte zwar danach, indem sie mit der
lexikalischen Differenz gezielt operieren. Aber sie widerlegen den Unterschied
zugleich - und das ist gerade das Kunststück. Denn die Gedichte legen es darauf
an, ein Fluidum der Zeitebenen herzustellen. Nur auf den ersten Blick begnügen
sich Beckers Gedichte mit dem Jetzt, mit dem Alltag, mit dem Nebensächlichen;
wofür der Dichter allerdings einen schon fast klassischen, unerschütterlich-schönen
Sinn hat.
Darunter, unter dem Jetzt, liegt immer ein Zittern, dessen Dimensionen mitunter
die Stärke der Bombeneinschläge des letzten Kriegs in Deutschland erreichen.
Ja, Deutschland, und ja, der Krieg. Und die Teilung und der Osten und die
Immigrantenkinder im Westen - alles das kommt vor in diesem schmalen,
gewichtigen Band. In dem kurzen Gedicht "Kölner März" lässt sich
die Becker'sche Geschichtsverdichtung geradezu idealtypisch nachvollziehen:
"Der Blick in den Hof; die Türkenkinder wissen/von der Bombennacht nichts.
Im Mauerdurchbruch/steht der Container; Efeu wuchert/zwischen den Rissen hoch.
Die Jungens trugen/Winteruniform; im Geäst gegenüber blieb/eine Mütze hängen,
der Rest einer Gardine."
Als die Bomben auf Köln fielen, war Jürgen Becker zehn Jahre alt. Aber der gebürtige
Kölner befand sich bereits in Erfurt - erst 1950 ist er, achtzehnjährig, nach
Köln zurückgekehrt. Es gab dann weitere Lebensstationen, Hamburg, Rom,
Frankfurt am Main. Heute lebt Jürgen Becker abwechselnd in Köln und in
Odenthal, zusammen mit seiner zweiten Frau, der Künstlerin Rango Bohne. Vor
wenigen Tagen hat der mit etlichen Preisen Ausgezeichnete seinen fünfundsiebzigsten
Geburtstag gefeiert.
Um auf das Köln-Gedicht zurückzukommen: Es lebt also von der historischen
Imagination, nicht von der authentischen Erinnerung. Wo heute "die Türkenkinder"
spielen, unbelastet vom Wissen um die "Bombennacht", da drängt sich
im Gedicht (wieder kein lyrisches Ich weit und breit) die Vergangenheit auf: als
Vorstellung, dass "im Geäst gegenüber" eine "Mütze hängen"
blieb. Anders gesagt: Alles war früher, alles war gestern.
Benzin, unsichtbar
Neben den Jahreszeiten, den
Landschaftsstillleben, dem Wetter (immer wieder Regen: Becker mag ihn, das ist
klar), dem Geschichtssinn (niemals Hintersinn) leben diese Gedichte - die
meisten sind reimlos und wirken wie geworfen in ihrem leichthändigen, sicheren
Tonfall -, neben all dem leben die Gedichte vom Gedächtnis der Dinge. Da ist
dann schon der Lebensrückblick im Spiel, wie er bei älteren Menschen häufig
vorkommt: "Draußen/im Stall hängt die Jacke, die alles schon / mitgemacht
hat, den Herrenabend, die Nacht auf dem Bahnsteig,/den Straßengraben, den
Regen..." Larmoyanz und Eitelkeit sind Becker offenbar völlig fremd.
Vertraut ist ihm Moritz, der sagt: "früher war der Tankwart der
Tankwart". Man könne das Benzin nicht sehen, sagt Moritz noch, aber es sei
da.
So ist es auch mit Jürgen Beckers Dichtkunst: Man sieht sie nicht. Aber sie ist
da.
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