Dorfprinzessinnen.
Roman von Kathrin Schrocke (2009, Verlag Sauerländer).
Besprechung von Rolf-Bernhard Essig in den Nürnberger Nachrichten vom 14.8.2009:

Heldin in Lebensgefahr
Spannend: «Dorfprinzessinnen» von Kathrin Schrocke

In Kathrin Schrockes Roman «Dorfprinzessinnen» verbinden sich Provinzstudie und Literaturliebe zu einer spannenden Geschichte. Beim Erlanger Poetenfest stellt die 1975 geborene Autorin, die für ihre Kinder- und Jugendromane bekannt ist, ihr Buch am 30. August im Rahmen des «Jungen Podiums» vor.

Dass man gegen Ende die Seiten durchfliegt, ist typisch! Es handelt sich ja um eine Art Buch, die nicht umsonst in angelsächsischen Ländern «pageturner» genannt wird. Die Hauptfigur gerät immer tiefer in einen Sumpf aus Zweifel, Verdacht und Unsicherheit - von der Lebensgefahr ganz zu schweigen.

Alte Häsin im Schreibgeschäft

Kathrin Schrocke ist, wiewohl recht jung an Jahren, eine alte Häsin im Schreibgeschäft. Sie weiß, wie man eine Geschichte aufbauen muss, um den Leser neugierig zu machen, ihn langsam, aber sicher einzuspinnen in ein Handlungsgeflecht und schließlich ganz in das Buch zu ziehen. Dazu trägt in ihrem Roman «Dorfprinzessinnen» eine widersprüchliche, nicht immer sympathische 15-jährige Heldin bei, die sich plötzlich aus der Stadt in ein Dorf verpflanzt sieht. Fast noch schlimmer: Dort ist ihre alleinerziehende, lebensuntüchtige, oft peinliche Mutter aufgewachsen. Ehe Kirsten sich versieht, gerät sie so in alte Geschichten hinein, in lebensgefährliche sogar.

Das Cover des Buches, die Perspektive einer Pubertierenden und die direkte, vorwärtsdrängende Sprache machen deutlich, dass es sich um einen Jugendroman handelt. Der Kampf um Freiräume und gegen Bevormundung, die Furcht vor Ablehnung und die Sehnsucht nach Individualität, vor allem natürlich die Liebe, spielen eine bedeutende Rolle in «Dorfprinzessinnen».

Auch für Erwachsene

Gleichwohl handelt es sich um einen Thriller, der ähnlich wie im Falle Joyce Carol Oates, auch erwachsene Leser ansprechen kann. Die genaue Milieustudie der Dorfgemeinschaft sorgt dafür. Sie legt offen, was soziale Kontrolle auch heute noch bedeutet und was ihr zum Trotz im Verborgenen möglich ist. Das Schweigen der Männer hat fatale Folgen, aber auch die Jugendlichen sprechen das Entscheidende oft nicht an.

Kirstens paradiesvogelartige Freundin Patrizia, eine geborene Erzählerin, erweist sich als Katalysator, der die mühsam geordneten Verhältnisse im Dorf wild durcheinandergeraten lässt. Ihr Verschwinden löst denn auch erst einigen Unmut aus, der nur langsam der Panik weicht.

Praktische Lebenshilfe

Dass Kirsten – wie die Autorin – Literatur liebt, vertieft «Dorfprinzessinnen» entscheidend. Das wirkt deshalb nie aufgesetzt, weil die Heldin in den Büchern außer Lesegenuss auch praktische Lebenshilfe findet.

Sie erkennt sich wieder in der «Einsamkeit des Langstreckenläufers», begreift, wie man mit Menschen spielen kann aus der Lektüre von «Gefährliche Liebschaften», und was das Begehren mit dem Sehen zu tun hat aus «Das Schweigen der Lämmer». Das alles erfährt man im Vorübergehen. Schrocke ist sich sehr bewusst, dass im Andeuten und vor allem im gekonnten Setzen der Lücken die Fantasie der Leser den nötigen Spielraum und die Spannung zusätzliche Intensität bekommt.

Die komplette Besprechung von Rolf-Bernhard Essig mit Abb. unter Nürnberger Nachrichten

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