Dorfdefektmutanten.
Roman von Markus Köhle (2010, Milena-Verlag).
Besprechung von Helmut Schönauer -
schoenauer-literatur.com, 2010:

Der sogenannte Heimatroman funktioniert nur, wenn er als Karikatur erzählt wird, aber dann umso heftiger.

Markus Köhle nimmt die Folie des Heimatromans als Grundlage, um darauf eine Wahnsinnspartie Dorfleben der Gegenwart zu installieren. Der erzählende Held ist in einem Märklin-Welt-Modelldorf aufgewachsen und hat im Sinne der perfekten Idylle alles richtig gemacht. Aber als er dann eines Tages zu reflektieren beginnt, stellt sich heraus, dass von der Idylle nichts geblieben ist und er am Rande des Dorfes als Hausmeister in einer Raststation zur Ablage gekommen ist.

Schon der Titel des Romans spielt auf diese Deformation der Illusion elegant an. In der Schweizer Tierschutzverordnung werden nämlich Tiere, deren Zucht nicht ganz gelungen ist, als Defektmutanten bezeichnet.

Offensichtlich ist im Alpendorf die Zucht des Heimat-Nachwuchseses ebenfalls missglückt. Denn während bei den Fasnacht-Bräuchen die Welt noch in Ordnung ist und gute wie schlechte Figuren gemeinsam den Frühling ins Land wischen, hat es bei der Dorfbevölkerung nicht ganz geklappt.

Erzählt wird lakonisch und knapp: "Claudia sitzt in der Mitte und hat zwei Oberschenkel." (12) Die einheimischen zwei Gunstbuhler müssen sich mit jeweils einem Oberschenkel begnügen, das ganze Gefühlsleben ist auf halbe Sachen ausgelegt.

Ähnlich knapp und schroff geht es auch später zu, als ein Mädchen schwanger wird und der jugendliche Zufallsvater die Sache mit der Abwrack-Prämie ins Spiel bringt. Denn zwischen dem Verschrotten eines Autos und einer Abtreibung sei eigentlich kein Unterschied, zumal sich ja eine Geliebte wie ein Auto anfühlt mit allerhand haptischen Genussmitteln.

Der Roman ist wie ein Tonbandgerät mit den Tasten Play und Rewind ausgestattet, in der Jetztzeit geht es darum, als Hausmeister den Zustand im Dorf auszuhalten und zu dokumentieren, unter Rewind finden sich Sequenzen herzergreifender Aufbruchsstimmung, in der die Protagonisten scheinbar Bäume in aller Welt ausreißen möchten.

Die Wirklichkeit ist eine ganz andere. Die große weite Welt steigt im Rasthaus ab und verrichtet dort mehr oder weniger zielgerichtet die Notdurft, der Held hat es ständig mit Fäkalien und Störungen aus aller Welt zu tun, das kleine Glück im Alpendorf ist letztlich das, was als Komplementärmenge von den großen Träumen übrig geblieben ist.

Markus Köhle lässt seinen Ich-Erzähler frech durch das potemkinsche Dorf der Heimat stapfen. Die Gedanken sind logisch aber für den schmeichlerischen Überlebenskurs zu Hause oft etwas zu undiplomatisch formuliert, die Sachverhalte werden rigoros enttarnt, aber manchmal passt die Sprache nicht ganz, die Träume werden romantisch präsentiert und dann knallhart an die Wand gefahren. Es sind eben defekte Mutanten am Werk, urban und rural in einem Aufwaschen, aber natürlich herzhaft überdreht, wenn sie in den abgefackten Kulissen eines Alpendorfes herum wandeln müssen. Ein brutal genauer, tierisch sorgfältiger Heimatroman!

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