Doppelleben von Tim Parks, 2003, Kunstmann1.) - 3.)

Doppelleben.
Roman von Tim Parks (2003, Kunstmann - Übertragung Michael Schulte).
Besprechung von Steffen Richter in der Frankfurter Rundschau, 5.4.2003:

Hat Tim Parks einen Doppelgänger?
In seinem neuesten Roman entblößt sich ein lügender Wahrheitssucher

"Glatte Oberflächen", beteuert Daniel Savages Frau, "sind leichter sauber zu halten." Wie also soll der Kamin im neuen Haus beschaffen sein? Naturstein mit Verzierungen? Oder doch besser poliert? An einer glatten Oberfläche jedenfalls ist auch Savage gelegen. Schließlich scheint sich für ihn alles aufs Schönste zu fügen. Gerade ist er vom Anwalt zum Richter einer englischen Kleinstadt befördert worden. Den alten Opel Rekord hat er gegen einen Aston Martin eingetauscht, das neue, standesgemäße Haus an der Peripherie braucht nur noch bezahlt zu werden. Nach einer schweren Ehekrise hat Savage sogar beschlossen, noch vor seinem zwanzigsten Hochzeitstag monogam zu werden. In trauter Behaglichkeit will er mit seiner Gattin Hilary, der Tochter Sarah und dem Sohn Tom vorm Kamin alt werden. Doch so viel demonstrative Zukunftsgewissheit, Erwartung von Glück und Harmonie schreit nach dem Einbruch einer Katastrophe. Und die lässt nicht lange auf sich warten.

Savage erinnert sich nicht einmal, wie viele Jahre es her ist, dass er mit einer hübschen jungen Koreanerin, Geschworene in einem früheren Prozess, eine seiner zahlreichen Affären begonnen hatte. Nun drangsaliert ihn diese Minnie Kwan mit ihren verzweifelten Telefonaten. Um die frisch erworbene eheliche Eintracht nicht zu gefährden, tut Savage, was er immer getan hat: Er vertuscht, leugnet und führt ein Doppelleben. Das geht nur so lange gut, bis er von Minnies männlichen Familienmitgliedern fast zu Tode geprügelt wird - für die Koreaner eine Frage der Ehre. Denn Savage, der englische Adoptivsohn brasilianischer Eltern, ist der einzige nicht-weiße Richter im gesamten Gerichtsbezirk. Und ein Schwarzer kann in der Logik der Koreaner nur Zuhälter ihrer Tochter und Schwester gewesen sein. Da der Überfall jedoch nach einem umstrittenen Urteil in einem Immigrantenprozess stattfindet, ermittelt die Polizei in verschiedene Richtungen. Hilary jedenfalls sieht ihren Mann am liebsten als "Helden, der von Rassisten überfallen worden war."
Die Konstellation, die Tim Parks entwirft, klingt viel versprechend. Ein Richter, professionell auf die Suche nach Wahrheit verpflichtet, ist privat ein Lügner vor dem Herrn. Wahrheit, so erweist sich in seinem Arbeitsalltag, ist ein relationales Konzept. Ein neues Indiz oder ein Perspektivenwechsel - und schon gehen die schönsten Gewissheiten zum Teufel. Oder gibt es vielleicht doch ein moralisches Erfordernis nach universaler, standortunabhängiger Wahrheit? Bei Parks lässt sich einiges lernen. Etwa über die Psychologie von Gerichtsverhandlungen. Oder darüber, wie sich die Midlifecrisis im Privatleben der englischen Mittelklasse manifestiert. Nicht zuletzt entwirft Parks ein Tableau der von zahlreichen Migrationsbewegungen durchmischten englischen Gesellschaft - nicht ohne gegen den Stachel des politisch Korrekten zu löcken. Dennoch ist der Roman ein Ärgernis.

Mit seiner filigranen literarischen Anatomie der Zweierbeziehung ist Tim Parks bekannt geworden. 1954 in Manchester geboren, hat er in Cambridge und Harvard studiert. Seit 1981 lebt Parks in Italien und unterrichtet an der Mailänder Universität das Fach literarische Übersetzung. Mittlerweile kann er sich stattliche elf Romane in den Schrank stellen. Als Schicksal vor zwei Jahren in Deutschland erschien, zeigte man sich unisono verzückt. Wie kein anderer schildere Parks die Abgründe des Alltäglichen, meisterhaft setze er die Technik des Bewusstseinsstroms in Szene, große Gefühle könne er erwecken. Ja, hat der Mann vielleicht einen Doppelgänger? Dem Roman, der jetzt unter dem Namen Tim Parks erscheint, mangelt es an all dem.

Parks hat mit Tabucchi, Moravia und Calvino große italienische Autoren des 20. Jahrhunderts übersetzt. Gerade Calvino ist nicht nur Sinnbild des intellektuell anregenden und stilistisch wandelbaren, sondern auch des ökonomischen Erzählens. Das nun ist bei Parks gründlich unter die Räder gekommen. Der Grundton seines Romans klingt so: "Ich könnte ihm niemals direkt wehtun. Das habe ich nie gekonnt. Wie auch er mir nie wehgetan hat. Hast du gewusst, Dan, dass er mir nie wehgetan hat? Ich glaube nicht, dass ich ihm jemals wehgetan habe." Die ästhetische Funktion solcher Digressionen leuchtet beim besten Willen nicht ein. Das alles liest sich, als würde man einem in Zeitlupe abgespielten Film über ein Schneckenrennen zusehen. Und Parks, ein Virtuose seines Handwerks? Immer wieder werden Szenen aus dem Privatleben von Savage und seinem Prozessalltag übereinander geblendet. Aber sie erhellen nichts. Dass hier dem Leben Savages der Prozess gemacht wird - eine so simple wie nahe liegende Metapher - ahnt man schon längst. Auch die Motive für die beständig changierende Erzählperspektive liegen tief im Dunkel: "Sein Atem versagte. Meine Knie geben nach. Er musste sich gegen die Mauer lehnen." Und die treffliche Beherrschung des Joyce'schen stream of consciousness? "Warum kann ich bloß nicht schlafen!, rief Daniel laut aus. Warum?" So spricht ein ungelenker auktorialer Erzähler des 18. Jahrhunderts. Man muss Parks zugute halten, dass ein Teil des Desasters aufs Konto der Übersetzung geht. Mal ist von "Stundenkilometer pro Stunde die Rede", dann vom "Unterschied zwischen seiner Hautfarbe und seinem sozialen Status". Und "vor lauter Wut taten ihm Zahnfleisch und Zähne weh." Der Kopf dröhnt beim Lesen gewaltig. Man kann diese Sprache schmucklos nennen, aber auch von der vollständigen Abwesenheit eines Gespürs für Poesie sprechen. Vielleicht war es keine so gute Idee, die englische Originalausgabe in Windeseile übersetzen zu lassen, um Parks neuen Roman in Deutschland und England fast zeitgleich zu publizieren.

Am Ende wird Minnie von ihrem Familienclan, aus dem sie sich befreien wollte, totgeschlagen. Savages Ehe geht zwar in die Brüche, aber die gesellschaftliche Reputation des Richters nimmt - dank der umfassenden Bereitschaft aller Beteiligten zur Lüge - keinen Schaden. Dabei hatte er so sehr gehofft, "dass die Geschichte nicht ohne Konsequenzen blieb". Bleibt sie aber. Was außerdem bleibt, ist der Verdacht, dass hier ein interessanter und drängender Stoff einem unbedarften Erzählen und merkantilem Erfolgsdruck zum Opfer gefallen ist.

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Doppelleben von Tim Parks, 2003, Kunstmann2.)

Doppelleben.
Roman von Tim Parks (2003, Kunstmann - Übertragung Michael Schulte).
Besprechung von Ursula März in Die Zeit vom 5.6.2003:

Ästhetik des Seitensprungs
Tim Parks schlingert zwischen Tragödie und Soap

Alle lieben den englischen Schriftsteller Tim Parks, und sie haben Recht. Seine Romane sind ästhetisch ambitioniert und dabei leicht lesbar; sie gelten als Musterbeispiel für die Quadratur des Kreises aus E und ULiteratur. Man findet in ihnen auffallend viele Lieblingsthemen der Regenbogenpresse, Sex-Abenteuer und Sex-Debakel, Eheglück und Ehekrieg, Seitensprünge und Schicksalsschläge. Und man findet jene aus dem inneren Monolog entwickelte Erzählweise, bei der das Denken und Empfinden von Erzähler oder Akteur die Geschichte ebenso stark bestimmen wie Handlung und Aktion.

Doppelleben, der neue Roman von Tim Parks, spielt sich in erster Linie im Kopf der Hauptfigur ab: Sie heißt Daniel Savage und ist englischer Richter, dieser ist trotz oder wegen seiner schwarzen Hautfarbe höchst erfolgreich, privat weniger, denn Ehe und Familienleben leiden unter Savages ewiger Schürzenjägerei. In seinem Kopf geht es ziemlich wild zu. Das liegt zum einen daran, dass Savage den Absturz seiner perfekt organisierten Existenz erlebt, zum anderen aber daran, dass die Gedanken des gebeutelten Mannes permanent die Richtung wechseln. Seine Aufmerksamkeit springt hin und her zwischen den Gerichtsverhandlungen, die er leitet, und dem Hochbetrieb seiner Telefone, zwischen Lebensphilosophie und dem Kredit für die Anschaffung eines neuen Klaviers.

Natürlich ist Tim Parks nicht der Erfinder des inneren Monologs, seine Spezialität aber ist eine bestimmte Mischung: die Mischung aus Tragischem und Banalem. In der schwersten Stunde seines Lebens, als Christopher Burton, Hauptfigur des Romans Schicksal, vor der Tür wartet, hinter der sich sein toter Sohn befindet, quälen ihn Schmerz, Verzweiflung, und es quält ihn zugleich die Verdauung. In dem Roman Europa reist eine Gruppe von Universitätslektoren nach Brüssel, um an höchster europäischer Stelle eine Petition vorzutragen. Verdünnt wird das Pathos der politischen Unternehmung von der Aussicht auf kleinere erotische Händel und mittelprächtige Hotelzimmerorgien mit der Begleitschar attraktiver Studentinnen. Die Akademiker-Tour senkt sich auf das Niveau einer besoffenen Mallorca-Fete, um sich zuletzt wieder aufzuschwingen zum Schicksalsfall mit Todesernst.

Das Ineinander von Besonderem und Nichtssagendem, von Ausnahmefall und stumpf Alltäglichem, in dem sich jeder wiedererkennt – dies ist das Kennzeichen der Bücher von Parks und ein Grund für ihre Anziehungskraft. Sie treffen einen Nerv der Gegenwart, die Tragödie um Tragödie hervorbringt (gestern Gutenberg-Gymnasium, heute Erdbeben-Katastrophe, morgen Kindesentführung) und dabei der Banalität als der letzten durchschlagenden Weltanschauung huldigt.

Sowohl für das Tragische wie für das Banale gibt es bei Parks ein Exempel, auf das er immer wieder zurückkommt: das Sorgen und Not bereitende tragische Kind und die beiläufige, nervende Affäre. (In Gute Menschen kommt ein behindertes Kind zur Welt, in Alle lieben Raymond zermürbt ein monströser Sohn seine Eltern.) Auch bei Savage gibt es beides: Er blickt auf ein Leben als Fließbandarbeiter des Amourösen zurück – und er hat Sarah als Tochter. Fast volljährig, ist sie ein Unberechenbarkeitsfaktor, der allein schon Stoff für einen Roman böte. Von religiösem Fanatismus, Magersucht, Masochismus bis zu seelischer Grausamkeit ist bei Sarah alles drin. Am Ende des Romans schlendert sie – Horror für jeden Vater – mit einem schmierigen 40-Jährigen davon, als sei nichts gewesen. Nur wenige Stunden später stirbt die junge Koreanerin Minnie Kwan, mit der Daniel Savage vor Jahren eine seiner tausend Affären hatte.

Der Roman beginnt mit einem Anruf Minnie Kwans bei ihrem ehemaligen Geliebten. Er macht über lange Passagen immer wieder Station im Gerichtssaal. Er umfasst Neben- und Parallelgeschichten um den koreanischen Familienclan.

Die Schlingen der Erzählung, und es sind einige, ziehen sich zu und strangulieren Daniel Savage. Er verliert Haus und Familie und ist, das stellt sich nach und nach heraus, nichts anderes als ein Spielball der Polizei, die gegen die Kwans wegen Menschenhandel ermittelt und die ganze Sippe festnimmt. Diese hält Minnie für die Verräterin und prügelt sie zu Tode. Minnie verblutet im Bett des Hotels, in dem Savage untergekrochen ist. Dass der innere Monolog bei dieser Dramaturgie auf der Hysteriekurve unerbittlich nach oben steigt, versteht sich von selbst, dass Daniel Savage den Überblick über die Ereignisse verliert, ebenso. Nicht anders ergeht es dem Leser.

Doppelleben ist ein Roman, dessen gedanklicher Feinsinn hart kontrastiert mit plumper Pointenmechanik und kolportagehafter Ereignisballung, ein Roman, in dem Tragödie und Soap-Opera zur idealen Einheit finden. Parks ist in jeder Hinsicht ein Autor der Aktualität. Er erzählt Geschichten der Gegenwart, und sein Buch besitzt, was noch wichtiger ist, ihre Signatur, ja, ihr Gesicht. In dieser Übereinstimmung zwischen einem Werk und seiner Zeit liegt die Stärke von Doppelleben , aus der sich notgedrungen seine Schwächen ergeben.

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Doppelleben von Tim Parks, 2003, Kunstmann3.)

Doppelleben.
Roman von Tim Parks (2003, Kunstmann - Übertragung Michael Schulte).
Besprechung von Christine Diller in der Münchner Merkur, 15.9.2003:

Mann mit Appetit
Tim Parks Richter führt ein "Doppelleben"

Um das Leben des englischen Richters Savage zu beschreiben, kommt man mit dem Begriff "doppelt" nicht weit. Er zeigt allenfalls an, dass diese Geschichte aus zwei Perspektiven gleichzeitig gesehen und erzählt werden kann: als Seifenoper mit einem zynischen Grinsen. Oder, getragen von mitfühlender Bestürzung, als unvollendete Tragödie. Unvollendet deshalb, weil es niemals zur Katastrophe kommt, obwohl alles auf sie zuläuft und Richter Savage ihr auch noch zuarbeitet. Ein Vielfach-Leben also führt der Held von Tim Parks' aktuellem Roman "Doppelleben": Gerade wurde er zum Strafkammerrichter Ihrer Majestät ernannt, der erste Farbige an seinem Gericht in dieser Funktion. Mit einer Klavierlehrerin führt er eine vorbildlich zerstrittene Ehe. Seine Tochter Sarah wird über pubertäre Probleme hinaus immer verhaltensauffälliger.

Gewitzter Erzähler

Dies ist die Ausgangssituation in der der umtriebige Richter beschließt, keine Affären mehr zu haben. Aber auch Nebenleben, einmal begonnen, verlangen mitunter nach Fortsetzung. Deshalb fängt Savages Lügerei hier erst richtig an. Wie bereits im Roman "Schicksal" bildet Tim Parks, der so gewitzt pointierende Erzähler, den Gedankenfluss seines Protagonisten ab, mit allen Seitenarmen und Verästelungen. Genau das macht den Reiz seiner Prosa aus: Während Savage die eigene Chose vor Augen hat, sich innerlich verhört und für sich plädiert, führt er am Gericht seine Prozesse. Immer ist klar, auf welchen Erzählstrang sich Parks' kurze Sätze gerade beziehen.

Indem sie aber bunt durcheinander wirbeln, dem Richter das Hirn zermartern und wie zufällig hintereinander geraten, kommentieren sie einander. Diese Kunst beherrscht Parks in Vollendung: "Eine Nacht zusammen in aller Freundschaft, warum nicht? Du bist frei und kannst helfen, wem du willst, und du darfst jeder, der du willst, auch ein bisschen näher treten", so Savage, an Minnie denkend, deren Sippe Menschen und Drogen schmuggelt und die hilflose Koreanerin unter Druck setzt.

"Das waren sie wohl", überlegt der Richter während einer komplizierten Verhandlung über jugendliche Steinewerfer, "die beiden Fixpunkte seines Charakters: Hilfsbereitschaft und Wollust. Ein Mann der Moral, aber mit Appetit! Die Zusammenfassung im Prozess gegen die Steinewerfer musste wieder zu einer beispielhaften Vorstellung geraten." Richter Savage, obgleich selbstgerecht und überheblich, rührt einen, wenn er immer wieder zwischen die Räder von Intrigen und Missgeschicken gerät, die wiederum seiner doch vorhandenen Aufrichtigkeit und Gutgläubigkeit entspringen. Am meisten wundert ihn, dass es ihn dabei nicht zerreibt.

Furchtlos blickt er seiner Suspendierung entgegen - aber sie erfolgt nicht. Auch dies ein Zeichen der von ihm kaum registrierten Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung: das verwirrte, manchmal gar ein wenig naive richterliche Inlett, das wie eine Teddyfüllung herausquillt, sobald sein schmuckes Äußeres zerrissen ist. Und der ehrenwerte Richter, den die Männer hochachten und die Frauen dazu noch verführerisch finden. Ein Versuch des Richters, einen Prozess über sich selbst zu führen, ist dieser vergnügliche Roman: Motive und Tathergänge trägt er zusammen, um schließlich lapidar zu urteilen, "dass er des Nicht-Begreifens schuldig war".

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