Don Quijote von der Mancha von Miguel Cervantes, 2008, HanserDon Quijote von der Mancha.
Roman von Miguel Cervantes (2008, Hanser, hrsg. und übertragen Susanne Lange).
Besprechung von Yaak Karsunke aus der Frankfurter Rundschau, 3.12.2008:

Don Quijote" neu übersetzt
Zur Not auch im Alleingang

Der spanische Ritterroman des 16. Jahrhunderts war ein triviales Genre, in dem fahrende Ritter auf der Suche nach Abenteuern durch eine frühe Fantasy-Welt zogen, in der es von arglistigen Zwergen und gewalttätigen Riesen ebenso wimmelte wie von Zauberern, Geistern und Dämonen: Mit denen hatten sich die Ritter heldenhaft und staunenswert herumzuschlagen, um tugendsame Jungfrauen zu retten und am Ende selbst eine holde Prinzessin zu erringen.

Besonders beliebt waren diese Bücher bei den Hidalgos, der untersten Klasse des spanischen Adels, die dem ritterlichen Ruhm im Zeitalter der aufkommenden Berufsheere nur noch nachtrauern konnten; sie verarmten zusehends und stolzierten auf den Straßen mit knurrendem Magen herum - wobei ein Zahnstocher zwischen den Lippen den Genuss jener reichlichen Mahlzeiten vortäuschen sollte, die sie sich längst nicht mehr leisten konnten.

Die Helden der Ritterromane sind lange vergessen, aber einer ihrer Leser hat jenen literarischen Weltruhm erlangt, der seinen Vorbildern versagt blieb. Der Hidalgo Alonso Quijano nämlich beschloss nach der Lektüre von rund dreihundert der abenteuerlichen Schmöker, unter dem selbsterfundenen Kampfnahmen Don Quijote das fahrende Rittertum neu zu beleben: zur Not im Alleingang. So jedenfalls erzählt es Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616) in seinem Roman "Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha".

Die Abenteuer, die dem "Ritter von der traurigen Gestalt" auf seinen Irrfahrten begegnen, resultieren vornehmlich aus seiner ebenso grotesken wie konsequent durchgehaltenen Wirklichkeitsverweigerung. Er hält Wirtshäuser für Burgen, Windmühlen für Riesen oder Schafherden für Heereszüge. Alle ihm begegnenden Personen oder Umstände passt er bruchlos in die Szenerie seiner angelesenen Wunschwelt ein, in der er dann seine Ritterträume ausagieren kann. Die - meist schmerzhaften - Folgen der Zusammenstöße dieser Träume mit der Wirklichkeit können ihn nicht irritieren: Er weiß, dass der Gerechte viel Unbill erleiden muss, und wer von bösen Geistern und Zauberern verfolgt wird, braucht sich über gar nichts zu wundern.

Sprichwörtlich und überzeitlich konnten diese Donquichoterien werden, weil Realitätsverlust und -verkennung bis heute im Schwange sind, ebenso wie die Tendenz, Personen und Umstände weniger wahrzunehmen, denn sie als Projektionsflächen zu benutzen. Don Quijote mag diese Lebenstechniken übertreiben, aber die Sympathie, die ihm auch zeitgenössische Leser entgegen bringen, ist zu Teilen doch der Tatsache geschuldet, dass wir uns in seiner Tendenz zu Selbsttäuschung und -überhebung alle wenigstens ein bisschen wiedererkennen. Außerdem kann man über ihn lachen.

Zum Gelächter, das der Roman auslöst, trägt nicht unwesentlich sein zweiter Held bei, der bäuerlich-gewitzte Sancho Panza, der den Ritter als Schildknappe begleitet, wobei er einerseits als fleischgewordenes Realitätsprinzip fungiert, auf der anderen Seite aber immer wieder demonstriert, wie anfällig auch realistische Zeitgenossen für noch so verstiegene Träume sein können. Das komplexe und ambivalente Verhältnis zwischen den beiden aufeinander angewiesenen Männern schildert Cervantes ebenso spannend wie amüsant.

Quijote trägt seinen Kopf meist in den Wolken, Sancho steht mit beiden Beinen fest auf der Erde - dem entspricht auch ein sprachliches Gefälle zwischen dem "hohen Ton", in dem der Ritter sich verlautbart, und der volkstümlichen Direktheit seines Knappen; würzt der Herr seine Ausführungen mit Zitaten aus seiner Lieblingslektüre, wehrt sich der Knecht mit Kaskaden von Volksweisheiten (seine Frau nennt ihn den "Vater aller Sprichwörter"). Freilich lernt Sancho im Verlauf des Buches hinzu, er übernimmt - und verballhornt - die Redefiguren des Ritters, was einen zwerchfellerschütternden Stilmix zur Folge hat.

Den Zusammenstößen Don Quijotes mit der Wirklichkeit entsprechen Kollisionen der Rede- und Ausdrucksweisen der verschiedenen Personen. Der Roman spielt mit und auf den unterschiedlichsten Sprach- und Stilebenen, die Splitter dieser ironischen Brechungen geben dem Text eine funkelnde Oberfläche. Dass dieses sprachliche Feuerwerk auch in der deutschen Neu-Übertragung zündet, ist das Verdienst der Übersetzerin Susanne Lange, die in fünfjähriger Arbeit eine staunenswerte Nachschöpfung des spanischen Originals geschaffen hat.

Der ausführliche Anmerkungsapparat und das instruktive Nachwort weisen Susanne Lange als umfassend gebildete Kennerin ihres Gegenstandes aus (was angesichts des Umfanges der Materie bewundernswert genug ist). Was die Lektüre aber zum reinen Vergnügen macht, ist die verbale Phantasie der Übersetzerin, ihre Lust an Formulierungen und Wortwitz, an rhythmischem Satz- und Periodenbau. Kunstverstand und Sprachgefühl sind hier eine glückhafte Verbindung eingegangen: Der über 400 Jahre alte Ritter erscheint dem Leser wie neu geboren, die traurige Gestalt liebevoll in ein prächtiges Sprachgewand gehüllt.

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