Donny hat ein neues Auto und fährt etwas zu schnell von Arne Nielsen, 2003, LiebeskindDonny hat ein neues Auto und fährt etwas zu schnell.
Erzählungen von Arne Nielsen (2003, Verlagsbuchhandlung Liebeskind).
Besprechung von Martin Lüdke aus Die Zeit, 2003:

Wenn Herrenschneider schreiben
Arne Nielsen hat in Raymond Carvers Story-Schule gelernt

Donny, wahrlich ein kleiner Mann, kommt hier, auch bei kritischem Blick, groß raus. Der junge Mann misst gerade mal „einen Meter dreiundfünfzig“. Das ist, zugegeben, nicht viel, aber doch genug, um Ed, den Erzähler, daran zu messen. Donny hat ein neues Auto und fährt etwas zu schnell. So heißt die Titelgeschichte und mit ihr das erste Buch eines jungen Hamburger Schriftstellers.

Eine Entdeckung? Diese Geschichte ist grandios. Auch zwei, drei andere Erzählungen dieses schmalen Bändchens sind, im Jargon des Personals gesagt, echt gut. Der Rest, immerhin, durchwachsen.

Arne Nielsen, 1971 in Dänemark geboren, lebt in Hamburg. Er studierte, wie uns sein Verlag verrät, Wirtschaftswissenschaften und ist ausgebildeter Herrenschneider. Bevor er sich „dem Schreiben zuwandte“, soll er als Tankwart, Friedhofswärter und, nur das ist überraschend, Konsulatsbeamter gearbeitet haben.

Solche Lebensläufe, alles andere als selten, gelten den aufstrebenden Schreiberlehrlingen heute offenbar als Eingangsvoraussetzung für eine Schriftstellerlaufbahn. Schon geringe Kenntnis der Literaturgeschichte könnte allerdings darüber belehren, dass selbst diese fantasievoll ausgedachten Tätigkeiten längst zum Klischee geworden sind. Jeder anständige DDR-Autor musste sich einst als Leichenwäscher oder zumindest Friedhofsgärtner bewähren. Noch früher bezogen Becketts Figuren, zum Beispiel in Warten auf Godot, das Arsenal ihrer Schimpfworte aus dem Verzeichnis handwerklicher Lehrberufe, Gipfel der Beleidigung: der „Ober- … -forstinspektor“. Umgekehrt führt natürlich jede Art von (vor allem körperlicher) Arbeit jenseits der Seminarräume aus dem Klischee heraus, zu einem Zuwachs an Lebenserfahrung. Das kann der Literatur zugute kommen, wie es Nielsens Titelgeschichte deutlich zeigt. Das kann ebenso, wie in der Hunde-Neurotiker-Story Labrador, schon an dem nur vermeintlich originellen Zugriff scheitern.

Der körperlich kleine Donny findet in Ed, dem Erzähler, einen großen Beschützer. Aus Eds Perspektive wird erzählt. Ed ist stets zur Stelle, wenn Donny Hilfe braucht. So auch bei einem geplanten Umzug. Dazu werden Kartons gebraucht. Ed springt natürlich hilfreich ein. „Ich kann so viele gebrauchte Kartons aus dem Lager nehmen, wie ich will. Brauche ich Kartons, dann nehme ich mir Kartons, so einfach ist das. ‚Ich will nichts dafür haben‘, sage ich, ‚stell mir einfach einen Kasten Bier hin und wir sind quitt.‘ Das ist doch großzügig, oder?“ Immer wieder wendet sich der Erzähler – beifallheischend – an sein (imaginäres) Publikum. „Wie gesagt, Donny und ich sind Freunde.“ So geht das. Die ganze Zeit. Immer verhält sich der Erzähler gönnerhaft zu seinem kleinen Schützling. Donny scheint geradezu glücklich über diesen Beistand. Konsequent wird Eds Perspektive durchgehalten. Ganz allmählich steigt, geschickt inszeniert, das Unbehagen beim Lesen, das sich zwischen der Großmäuligkeit des selbstlosen Helfers und der ersichtlichen Hilfsbedürftigkeit des kleinen Mannes prächtig entwickeln kann. Keine Erklärung, keine Behauptung, kein einziges kommentierendes Wort. Die Geschichte erklärt sich, Tschechows bekannter Forderung entsprechend, allein aus Handlung und Dialog. Zum Abschluss der im Titel angekündigten Autofahrt sagt Donny lapidar: „Du nervst, Ed.“ Das Einzige, was der noch herausbringt: „Ich weiß, Donny.“ Das Opfer, das dieser kurze Dialog forderte, nämlich ein lebendes Huhn, von Donny als eine Art Gastgeschenk mitgebracht, als er Ed zum Ausflug mit seinem neuen Auto abholte, dieses Opfer erklärt mehr als umständliche psychologische Erörterungen. Ohne dass etwas gesagt wird, ist alles gesagt.

Nielsen hat sich, in Stil und Anlage der Storys, erkennbar an dem amerikanischen Erzähler Raymond Carver orientiert. Er hat viel von seinem Vorbild gelernt. Zum Beispiel, dass die großen Unglücksfälle und Katastrophen unseres Lebens an kleinen, kaum sichtbaren Randerscheinungen erkennbar werden. Der Anruf eines Nachbarn, ein Truthahn im Backofen und die umständliche Vorbereitung eines allein verzehrten Festessens – schon schimmert die unvermeidliche Katastrophe durch. Dort, wo es ihm gelingt, das Gelernte auch umzusetzen, kann sich Arne Nielsen ersichtlich auf eigene Erfahrung stützen. Er hat einiges dem Leben abgelesen. Aus seinen Geschichten spricht nicht nur der studierte Wirtschaftswissenschaftler, sondern, zu seinem Glück, auch der gelernte Herrenschneider.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.die zeit.de]

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