Don Juan von Peter Handke, 2004, Suhrkamp

1.) - 5.)

Don Juan (erzählt von ihm selbst).
Erzählung von Peter Handke (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Daniela Strigl aus Der Standard, Wien vom 30.7.2004:

Zählen und Erzählen
Erzählen vom Erzählen vom Abenteuer: Peter Handkes Roman "Don Juan (erzählt von ihm selbst)"

Ein Don Juan, der unter Zählzwang leidet, aber nichts davon wissen will, Frauen zu zählen, kann nur von Handke sein: "Frauen und zählen, eine solche Frage stellte sich für Don Juan nicht (. . .). Er erlebte die Frauenzeit vielmehr als ein großes Innehalten. Nicht zählen, sondern buchstabieren." Handke weiß natürlich, dass wir, wenn wir Don Juan lesen, an Don Giovanni und Leporello und die Registerarie denken. Er beschwört den Mythos herauf, um ihn zu überschreiben: Sein Don Juan "hatte noch nie eine Frau verführt". Handke betreibt poetischen Dekonstruktivismus, ohne aus den Scherben eine Gestalt mit festen Umrissen gewinnen zu wollen. Zumindest das Motto seiner Geschichte verdankt er Mozart und Da Ponte: "Wer ich bin, du wirst es nicht erfahren."

Das Zusammentreffen des Ich-Erzählers mit dem spanischen Herrn von Weltruf findet in einer mythisch-modernen Gegenwart statt, die an Felicitas Hoppes Paradiese. Übersee erinnert - einer Märchenwelt, die zugleich die Ile de France von heute ist: Der Erzähler haust dort als Wirt und Leser und hat von beidem genug. Dabei war er "mein Lebtag lang ein Leser gewesen. Koch und Leser. Was für ein Koch. Was für ein Leser."

Er sitzt im ehemaligen Pförtnerhaus des durch Racine und Pascal berühmten Klosters Port-Royal-des-Champs gleichsam am Eingang zur französischen Literatur, als ihn die Präsenz des Erzählers aus erster Hand von allem Literarisieren befreit. Don Juan wird ihm förmlich vor die Füße geweht, als ein atemlos Flüchtender, der bei ihm den Hausgast spielen und von den Begebenheiten der vergangenen sieben Tage berichten will. Im Erzähler des Buches, das ja eben nicht von Don Juan "selbst" erzählt wird, hat er seinen Zuhörer gefunden.

Dieser wiederum profitiert von seinem Gast, obgleich der alles andere als eine Erlösergestalt ist: Don Juan setzt sich aus lauter Ungereimtheiten zusammen, er kann manches mühelos, aber das keineswegs immer. So gebärdet er sich hauptberuflich als "Herr seiner Zeit" - und gerät doch stets aufs Neue in eine "Zeitnot", in der ihm die Dinge zerfallen und das Zählen diktieren. Seine Kraft bezieht er (der Zwang ist ja ein Symptom der Depression) aus einer tiefen Trauer, wohl um sein totes Kind.

Beide Figuren sind dem Autor nahe, der Gärtner-Koch-Leser ist es ganz unverhohlen: Er erinnert sich an seine Kindheit auf dem Land, wo man "wunzig" sagte statt "winzig". Er offenbart sich als Experte in Pilzangelegenheiten, der von Don Juans üppigem Fund des lange vergeblich gejagten Sankt-Georgs-Pilzes (Calocybe georgii, auch Mairitterling und gar nicht so gut wie sein Ruf) beschämt wird.

Des Autors Abscheu vor der kulturellen Inszenierung ist in die Episode von den "legendären Quellen der Bièvre" verpackt, die nicht zu finden sind, weil ein zu ihrer "Feier" angelegtes Labyrinth den Zugang verlegt. Aktuelle Händel Handkes mit dem veröffentlichten Mainstream kommen nur anspielungsweise vor: Wenn das Ich gemeinsam mit Don Juan zum Schloss Rambouillet spaziert, wo die Nato ihre Lösung der Kosovofrage beschloss, werden plötzlich "werweißwieso" Hunde auf sie gehetzt. Biografisches scheint durch, wenn der Gast dem Gastgeber eine Lektion in Gelassenheit und Welteinklang erteilt: "Ich bemerkte, wie oft Don Juan in seiner Geschichte statt 'ich' das 'Man' gebrauchte, so als sei ihm dabei die Allgemeingültigkeit seines Erlebens etwas Selbstredendes - wollte Gott, mir wäre es mit den Wechselfällen, zuletzt mehr Fällen als Wechsel, meines Lebens ebenso ergangen."

Und die Frauen? Wenn Don Juan als Don Juan auftritt, hat er immer Recht. Seine Macht ist eine Augenmacht, sein Blick befreit das "Begehren der Frau", macht ihr ihre Einsamkeit bewusst. Ob nun die Braut einer kaukasischen Hochzeit von dieser Gewalt erfasst wird oder eine Zuschauerin beim Tanz der Derwische in Damaskus: Die Frau, stets "unbeschreiblich schön", muss nicht beschrieben werden, es geht um den Reiz der Wiederholung und die Würze der Variation; allein die männerverschlingende Exschönheitskönigin im marokkanisch-spanischen Ceuta ist "unförmig", sie läuft vor ihrem Bezwinger davon.

Zu Handkes Phänomenologie der erotischen Macht gehört Don Juans Flucht als Folge seiner Einsicht in das Abgelaufensein der gemeinsamen Zeit, einer Einsicht, die die Frau niemals teilt. So kommt es, dass zuletzt ein Haufen enttäuschter Weiber das Haus des Erzählers belagert: "Sogar ich, der, was Frauen anging, mich längst als ausgezählt ansah, dachte trotz all der Düstermienen auf der Stelle: 'Zählt mich neu dazu.'" Das erinnert an einen anderen Austrofranzosen, es klingt wie eine Umkehrung von Paul Celans Versen: "Zähle die Mandeln,/zähle, was bitter war und dich wachhielt,/zähl mich dazu".

Handkes Don Juan ist freilich kein Lebenshilferatgeber, sondern eine - gleichwohl gebrochene, stolpernde - Abenteuergeschichte: "Abenteuer" im Sinne Sartres, als die unmittelbare Teilhabe am Leben. So begegnet uns hier weniger Handke als Don Juan denn Don Juan als Handke: indem er "wenn in seiner Geschichte überhaupt Aktionen vorkamen, von ihnen bloß schnell Bericht erstattete, während er zu den inneren Begebenheiten und Verwicklungen immer wieder ziemlich ausführlich Luft holte."

Ungeduldige werden mit diesem Text ebenso wenig Freude haben wie jene auf der Suche nach einschlägigen Stellen. Don Juan ist eine Parabel, die Rätsel bleibt; naturgemäß antirealistisch, aber verschroben genau, ganz und gar stimmig, konkret, bildhaft und jedenfalls überzeugender als die 760 Seiten, zu denen Der Bildverlust Peter Handke in seinem letzten Roman getrieben hat.

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Don Juan von Peter Handke, 2004, Suhrkamp2.)

Don Juan (erzählt von ihm selbst).
Erzählung von Peter Handke (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Ina Hartwig aus der Frankfurter Rundschau, 30.7.2004:

(Kein) Verführer von Gnaden
Wer er ist, man wird es nicht erfahren: Peter Handkes "Don Juan (erzählt von ihm selbst)" balanciert geschickt zwischen Lust und Diskretion

Um eines gleich vorwegzunehmen: Peter Handkes neues Buch Don Juan (erzählt von ihm selbst) ist frei von den Verschrobenheiten, mit denen der Autor uns im Zuge seines Engagements für den serbischen Nationalismus einige Jahre lang gequält hat. Schon auf den ersten Seiten ist man umfangen von jenem sicheren, knappen, traumverlorenen Ton, der uns vertraut ist aus Handkes besten Büchern. Literarischer Rang existiert also doch unabhängig von politischen Aberrationen. Die zum Teil massive Ablehnung, die Handke erfahren musste, hat ihn möglicherweise in seinem Rückzug ins Private noch bestärkt, doch sein literarisches Genie scheint unbeschädigt geblieben zu sein. Und ein exzentrischer Einzelgänger war Handke stets.

Ein Einzelgänger ist auch der namenlose Ich-Erzähler dieses schmalen, anspielungsreichen Buchs ohne Gattungsbezeichnung. Was sich hinter dem verstiegenen Titel Don Juan (erzählt von ihm selbst) verbirgt, könnte als Versuch gelesen werden, einen heutigen, modernen Don Juan zu schaffen. Wem das zu zaghaft ausgedrückt ist, der sei gewarnt. Der Text lässt sich nicht so ohne weiteres auf eine Formel bringen. Warum zum Beispiel muss der Ich-Erzähler ausgerechnet in einem Pförtnerhaus der Klosterruinen von Port-Royal-des-Champs (in der Nähe von Versailles) leben, als Koch eines längst geschlossenen Gasthofs? Warum besucht Don Juan diesen einsamen Mann zwischen Himmelfahrt und Pfingsten? Und warum braucht Don Juans Erzählung sieben Tage, als handele es sich um die biblische Schöpfungsgeschichte?

Sofort herrscht Vertrautheit

Don Juan, auf der Flucht (wie es ihm gemäß ist), stürzt eines Tages in den Garten des Ich-Erzählers, ihm voran eine Haselstrauchlanze. Sofort herrscht Vertrautheit zwischen ihnen, sie gehen spazieren, sitzen zusammen - Don Juans Erzählungen ersetzen dem Zuhörenden das Lesen. Schöne, geruhsame Tage, könnte man meinen. Doch als Don Juan mit seinen Frauengeschichten zu Ende ist, wird er plötzlich nervös und ungeschickt und vom Zähltick befallen, nachdem ihm sieben Tage lang - eben während des Erzählens- alles, wirklich alles gelungen war. Die Schmetterlinge hatten auf seiner Schulter Platz genommen, als er im Garten saß, die Katze war ihm um die Beine gestrichen, dem Ich-Erzähler war der Gast mit größtem Geschick in der Küche zur Hand gegangen, und aus dem Wald brachte der Ortsfremde besondere Pilze mit, die zu finden dem Gastgeber in diesem Frühjahr noch nicht vergönnt gewesen ist.

Man sieht schon: Handkes Don Juan erzählt nicht nur von den Frauen des notorischen Eroberers, sondern auch von der Begegnung zweier Männer, eines Gastgebers und eines Gastes. Eines Sprechenden und eines Aufzeichnenden. Eines zurückgezogen Lebenden und eines durch die Welt Ziehenden. Eines Sesshaften und eines Flüchtigen. Oder auch: eines Ich und eines Alter ego.

Dies wäre nicht der einzige Unterschied zu den Vorlagen Mozarts (1787) oder Molières (1665), deren Don Juans einmal als "falsche" bezeichnet werden. Dabei hat Handke sogar ein Motto aus Da Pontes Libretto für seinen Don Juan gewählt: "Wer ich bin, du wirst es nicht erfahren." Dies singt Mozarts Don Giovanni, kurz bevor er den Komptur tötet, den Vater Donna Annas, als dieser seiner Tochter zu Hilfe eilt. Als steinerner Gast kommt der Komptur im letzten Akt zurück, in einer zwischen Groteske und Moralistik schwankenden Szene, um Don Giovanni in die Hölle zu schicken, zur Zufriedenheit aller von ihm Geschädigten. Handkes Don Juan bekommt keinen Besuch, er ist selber zu Gast. Und er muss nicht sterben. Warum auch sollte er?

Nun, ein Unschuldsengel ist dieser heutige Don Juan eben nicht. Mag er auf Gewaltsamkeit verzichten, so übt er doch "eine Macht" aus - durch seinen Blick. Oder auch: durch sein sinnliches Genie, das sich zwar nicht in "pikanten Einzelheiten" offenbart (im Gegenteil, diskreter könnte es nicht zugehen), aber in der Unmittelbarkeit seiner Wirkung (die sich bei dem Erzähler wiederholt, und den Tieren des Gartens: alle strömen ihm zu). Eine psychologisch gewagte, doch keineswegs abwegige Annahme ist es, die Steigerung der Don Juanschen Wirkung in seiner Trauer zu vermuten. Denn Handke kam auf die wahrlich originelle Idee, seinen Don Juan Vater sein zu lassen, Vater eines toten Kindes. Wo doch die Fortpflanzung in den Don-Juan-Vorlagen akribisch ausgeklammert wurde! Vielleicht, heißt es einmal, sei ihm sogar "seine Frau, die einziggeliebte, gestorben?" Eine Antwort erhalten wir nicht.

Die stets schönen Frauen jedenfalls, die Don Juan während seiner siebentägigen Reise/Flucht durch Länder und Landschaften trifft - in einem georgischen Kaukasusdorf auf einer Bauernhochzeit, in Damaskus, in der nordafrikanischen Enklave Ceüta, im norwegischen Bergen, in Holland, in der Namenlosigkeit (ja, in der "Namenlosigkeit") -, sie alle wollen ihn, kriegen ihn und verlieren ihn. Dass er sie verlässt, ist im Namen seiner Bestimmung unausweichlich. Don Juan und die Frauen im Plural: An diesem gnadenlosen Gesetz rüttelt Handke nicht, bei aller sonst registrierbaren Bereitschaft zur anti-machistischen Variation.

"Don Juan war kein Verführer", heißt es apodiktisch, aber unkorrekt. Richtiger wäre die Behauptung, Don Juan habe es nicht nötig zu verführen, da gar kein Widerstand bei den Damen seiner Wahl zu überwinden ist. Die erotische Utopie lautet, dass jede Begegnung mit einer Frau 1. von vornherein evident ist, 2. sich in totaler Freiwilligkeit und Übereinstimmung vollzieht und 3. niemanden schädigt.

Die Schilderung der Begegnungen ("ein großes Innehalten") - die abstrakt bleiben im Unterschied zu den derben Vergnügungen seines Dieners mit den hässlichsten Frauen - unterwirft Handke einer zunehmenden epischen Verknappung, mündend in die erwähnte, durchaus pathetisch gemeinte "Namenlosigkeit". Während die Frauen allmählich zu einer einzigen "Tatsache Frau" verschwimmen, flattert überall der "Pappelsamenflaum" durchs Bild: als denkbar poetisierendes Vehikel der Tatsache Mann.

"Ich kann es bezeugen: Don Juan ist ein anderer", stellt der Gastgeber fest, in unverkennbarer Anspielung auf Rimbauds berühmte Formel "Ich ist ein anderer". Um die Frage kommt man also nicht herum, welches Ich hier überhaupt erzählt. Denn trotz der Suggestion des Titels spricht Don Juan in diesem Buch niemals selbst. Der einzige, dessen Rede wörtlich zitiert wird, und auch das nur einmal, ist Don Juans Diener, in einem rätselhaften, wütenden Monolog an die Frauen: "Warum bloß bin ich täglich zu euch aufgebrochen? Um von meiner Mannsabgeschmacktheit loszukommen, in euer Geheimnis." Die Erzählungen Don Juans wiederum, die auf besseren Erfahrungen beruhen, werden eher beschworen als wiedergegeben. Es ist, als würde die Differenz zwischen Sprechen und Erzählen streng gehütet von einem - wohl nicht zufällig mönchischen - Ich, dem das Privileg zukommt, die Stimme Don Juans zu vernehmen, als handele es sich um die Stimme des Heiligen Geistes, dessen Ankunft zu Pfingsten erwartet wird.

Als der Erzähler sich gewissermaßen in Erwartung Don Juans befindet, dessen plötzliches Auftauchen Züge einer Offenbarung trägt, liest er "zwei der auf Dauer vorausweisenden Zeugnisse nicht bloß der französischen Literatur und nicht bloß des siebzehnten Jahrhunderts (. . .), Jean Racines Verteidigungsschrift für die Nonnen von Port Royal, und Blaise Pascals Angriff auf deren jesuitische Widersacher". Das 1709 nach vielen Jahrzehnten der Konfrontation von Ludwig XIV. geschliffene Kloster Port Royal (deren es zwei gab, eines in Paris, eines "auf den Feldern" - in letzterem ist Handkes virtuoses Traktat angesiedelt) beherbergte jansenistische Nonnen. Ein gemeinsamer Ausflug führt Don Juan und den Erzähler zu dem Friedhof mit ihrem Massengrab.

Schluss mit dem Klischee

Dass die Gnade nicht jedem zukomme, davon waren die Jansenisten überzeugt, und sie stellten strengste Ansprüche an den Einzelnen. Racine ging bei den Nonnen von Port Royal zur Schule, Pascal polemisierte zu ihren Gunsten, Sainte-Beuve (den Handke nicht erwähnt) widmete dem Kloster sein Hauptwerk. Bedenkt man, dass die Figur des Don Juan den Libertin schlechthin darstellte, den skrupellosen, keiner Moral verpflichteten mordbereiten Verführer, so kommt man nicht umhin festzustellen, dass Handke mit dem Libertinismus und dem Jansenismus zwei geistesgeschichtliche Sphären miteinander konfrontiert - und damit die Lust mit der Treue, die Fruchtbarkeit mit der Enthaltsamkeit, den Exzess mit der Askese. Ist es abwegig zu vermuten, dass Handke die beiden einander ursprünglich widersprechenden Denk- und Fühlrichtungen miteinander versöhnen will? Wie sonst sollte man sich erklären, dass dieser "andere" Don Juan "die Treue in Person" sei?

Liebesgefasel ist ihm zuwider. Denn das tiefe Bedürfnis dieses Don Juan scheint zu sein, die Klischees der Verführung zu meiden. Ein postheroischer, postemanzipativer Don Juan, könnte man sagen, der die Frauen im Plural begehrt, doch im Bewusstsein, der Einzelnen kein Leid anzutun. Wenn Don Juans Frauen, Amazonen und Bräute zugleich, das Haus des Erzählers endlich belagern, so handelt es sich kaum um Rachelust, sondern um das Schlussbild der Liebesutopie Peter Handkes, erzählt von ihm selbst. Einzuwenden wäre, dass auch dieser Don Juan wieder nur eine maßlose Herrenphantasie sei. Aber wie phantasievoll geschrieben!

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Don Juan von Peter Handke, 2004, Suhrkamp3.)

Don Juan (erzählt von ihm selbst).
Erzählung von Peter Handke (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Sabine Dultz aus der Münchner Merkur, 9.8.2004:

Gestopfte Socken
Peter Handkes "Don Juan"-Roman erzählt von ihm selbst

Seit alters her gilt die Sieben als heilige Zahl von kosmischen Dimensionen. Sieben Himmelssphären. Sieben Weltwunder. Sieben Schöpfungstage. Sieben Siegel und so weiter. Und nun: die sieben Frauen des Don Juan. Für jeden Wochentag eine, an sieben verschiedenen Orten der Welt. Am ersten Tag im Kaukasus, am siebten in Port Royal, nicht weit von Paris, im verwildernden Garten eines Kochs und Herbergsvaters, der keine Gäste mehr hat und in dem unschwer Peter Handke, der Dichter, auszumachen ist. "Don Juan (erzählt von ihm selbst)" heißt das schmale Buch, das der Kärntner Schriftsteller mit französischem Wohnsitz jetzt vorgelegt hat.

Eine wunderfeine, sprachlich in altmodischer Exzellenz verfasste, poetische Geschichte mit philosophischem Unterboden, großartigen Naturbeschreibungen und existenzieller Selbstreflexion.

Auf der Flucht vor seinen Verfolgern landet Don Juan - er hatte dem Treiben eines Liebespaares im Laubgestrüpp des wilden Waldes zugesehen - im nachbarlosen Anwesen. In dem Bewohner der verwunschenen Einsamkeit, jenem Wirt, hat Don Juan seinen willigen Zuhörer gefunden. Ihm erzählt er - in dritter Person - von sich, von der zurückliegenden Woche, in der er zusammen mit seinem Diener quer durch die Welt gereist war.

Er spricht von den Frauen, die er traf, von den Umständen, in denen er ihnen begegnete, von den Landschaften, die er sah. Und sehr schnell stellt sich heraus, dass es immer die gleichen Ingredienzien sind - ob er gerade von Tiflis oder Damaskus, von der Enklave Ceüta in Nordafrika oder den Fjorden Norwegens, von Hollands Dünen oder einem nicht einmal mehr genannten Land redet.

Dieser Don Juan widersetzt sich allen Don Juans bisheriger Überlieferung und Literatur. Und ist dennoch ihnen anverwandt. Aber er wird bei Handke zu einem neuen Mythos, einem Unsterblichen, der überall und immer existiert, außerhalb der Zeit oder, wie Handke es sagt, "zu keiner Zeit". Kein Täter, kein Verführer. Kein Jäger, kein Sammler. Doch ein Mann mit einer unerklärlichen Macht. Jene Frauen, um die es ihm geht, "erkennten im Augenblick des Erkennens" in ihm "ihren Herrn". Und woher bezieht Handkes Don Juan diese Macht? Aus der steten Trauer um sein totes Kind, aus dem Übereinstimmen von Augenblick und Ewigkeit, aus der Notwendigkeit andauernder Flucht.

Der Verdacht liegt nahe: Erzähler und Zuhörer sind die berühmten zwei Seelen, ach, in einer Brust. Und in beiden dürfte unschwer der Autor selbst zu erkennen sein. Ohne je in eine realistische Erzählweise zu geraten, ohne je den hohen Ton einer fast mittelalterlich anmutenden Poesie und Keuschheit zu verlassen, ist dieser kleine Roman von bezwingender Einfachheit, von leisem Humor und feiner Selbstironie, voller Fantasmen und Traumsequenzen. Und darüber hinaus von einem Konservatismus, zu dem es schon wieder progressiven Mutes bedarf.

Handke macht seinem Ruf als Unzeitgemäßer selbst in kleinsten Aperçus alle Ehre: "Socken, so fein gestopft wie sonst nur von einer Frau" - das ist die lobende Erwähnung des Dieners Don Juans und gleichsam die Offenbarung des unerfüllt bleibenden Frauensehnsuchtsbildes des Autors. Ebenso auch das seines Helden Don Juan, dessen Welt noch ordentlich getrennt erscheint in eine Zeit für Männer und eine - idealisierte - Frauenzeit, die er "als ein großes Innehalten" erlebt. Ruhe finden in der Unruhe. "Sein Unterwegssein", heißt es bei Handke, "war zugleich ein ständiges Ankommen, so wie er im Angekommensein sich weiterhin unterwegs dachte".

Immer auf der Schwelle, nie Stillstand, gegen den Strom - das zeichnet Handke auch bei diesem Buch aus. Lesenswert, nachdenkenswert und manchmal Anlass bietend für ein bisschen Spott.

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Don Juan von Peter Handke, 2004, Suhrkamp4.)

Don Juan (erzählt von ihm selbst).
Erzählung von Peter Handke (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Anton Thuswaldner aus diePresse, Wien vom 14.8.2004:

Überhaupt diese Aura!
Don Juan meets Peter Handke. Aus dem ehemaligen Verführer und Haudegen wird solcherart ein somnambuler Flüchtling aus Raum und Zeit: "Don Juan (erzählt von ihm selbst)".

Don Juan ist auch nicht mehr der, der er einmal war. Früher, als es noch richtige Männer gab, war er der Verführer, ein Meister der Liebeskunst, ein Draufgänger und Haudegen der Zärtlichkeit. Jetzt ist er Peter Handke begegnet, und schon hat er schlapp gemacht. Aus dem lebenszugewandten Eroberer und erotischen Grenzüberschreiter der Wirklichkeit ist ein somnambuler Flüchtling aus Raum und Zeit geworden. Er ist nicht ganz von dieser Welt. Von Handke wird er in höherer Mission auf den Weg in unsere Gegenwart geschickt, auf dass wir alle auch nicht mehr ganz von dieser Welt sein mögen.

Raum und Zeit sind keine Kategorien, die für Handkes Literatur Gültigkeit besitzen. Don Juan, graue Eminenz der Vorzeit, kraft seines Lebenswandels imstande, eine ganze Gesellschaft in Frage zu stellen, ist in seiner jüngsten Ausprägung altmodisch und gegenwärtig in einem. Der Apotheker von Taxham ("In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus") und die Bankiersfrau ("Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos") sind seine ihm verwandten Seelenmenschen. Alle sind sie im Aufbruch begriffen, es dürstet sie nach einer Erlebensform, die nur im Unterwegssein zu haben ist. Das Niemandsland bleibt der angestammte Ort für jene, die gegen eine banale Existenz aufbegehren. Handkes Don Juan hastet von Ort zu Ort, die Flucht, nicht die Reise, ist die ihm gemäße Fortbewegungsart.

Ein Ich-Erzähler von handkescher Zurückgezogenheit betreibt auf ehemals herrschaftlichem Gelände ein Lokal, das niemand will: "Mein Angebot, als Wirt und Koch, war nicht mehr gefragt." Der Mai, der große Verwandlungskünstler der belebten Natur, die Zeit, in der Gefühle und Natur ins Kraut schießen, muss als Symbol herhalten für die Bereitschaft des Erzählers, seiner eingesperrten Seele ein paar Freiflüge zu gestatten. Der als Geschäftsmann gescheiterte Koch ist ein verkappter Intellektueller, der sich die Tage mit edler Lektüre aufmöbelt. So schafft er sich ein inneres Reich der Weite. Er liest Jean Racine und Blaise Pascal, bis er eines Tages der Bücher überdrüssig sich der Kontemplation hingibt. So ist er bereit für das große Projekt der Gegenaufklärung, welches das Fühlen und Ahnen an die Stelle der Vernunft setzt. Der Erzähler darf als Alter Ego des Schriftstellers Peter Handke gesehen werden. Der Autor entwickelt eine Kunstfigur, die biografisch mit ihm nichts zu schaffen hat, aber seine Sicht auf die Dinge so radikal vertritt, wie es sich keine Person aus Fleisch und Blut je erlauben dürfte.

In die Idylle des Erzählers bricht unvermittelt Don Juan, der sich auf der Flucht vor einem Pärchen auf einem Motorrad, lärmenden Radaugesellen unserer Zeit, befindet. - Handkes Don Juan ist ein pingeliger Charakter. Seine auf eine Woche geschrumpfte Lebensbeichte bringt er ordentlich häppchenweise so, dass er an jedem Tag ausschließlich das berichtet, was am gleichen Tag vor einer Woche geschehen ist. So hinterlässt der Mann, der angetreten ist, konventionelle Ordnungen zu unterlaufen, einen aufgeräumt ordentlichen Eindruck.

Der Erzähler, der ideale Zuhörer, geht vom ersten Augenblick an seinem Gast auf den Leim, weil er ihm "innere Erweiterung und Entgrenzung" bedeutet. Don Juan passt gut in sein Weltbild, in dem Vergangenheit als Gegenwart aufgeht. "Don Juans Kommen an jenem Maiennachmittag ersetzte mir mein Lesen." Diesem Zeitenraum entspricht ein topografisch nicht ausdifferenzierter geografischer Lebensraum. Bevor Don Juan in Frankreich strandet, hält er sich tageweise in Tiflis, Damaskus, der Enklave von Ceuta, Norwegen, Holland auf. Jeder Ort steht als Chiffre für eine existenzielle Grenzsituation. Don Juan, das ist gewiss, steht über der Zeit und ist ortsungebunden.

Handkes Erzählung über Don Juan gehört in das Genre der spirituell unterfütterten säkularen Heilsbücher. Der Autor tritt als Sprecher der Glaubenskongregation aller religiös Ungebundenen in Erscheinung, denen die Empörung "über den Zustand der Welt" selbstverständlich ist. Weil sich Handke auf das Ideal einer Gegenwelt eingeschworen hat, bleibt er Ausführungen über die Verfassung der Welt, von der sich Don Juans Wirklichkeit abhebt, schuldig. Aber welche Bedeutung ist einer Gegenwelt beizumessen, wenn die Welt, von der sie sich unterscheidet, nie Thema ist?

Handke schreibt das aller Erotik entkleidete Evangelium Don Juans. Der Erzähler, der seinem Gegenüber bedingungslos alles abkauft, deutet die Begegnungen Don Juans mit Frauen als Erweckungserlebnis für diese. Ein Erlöser ist unterwegs, ein Wanderprediger der Sinne, und der Erzähler ist sein Apostel, dem es auferlegt ist, die Taten und Wunder für die Nachwelt festzuhalten. Don Juan als Mann kommt keine rechte Bedeutung zu, ihm ist es auferlegt, die Frauen aus "einer skandalösen Einsamkeit" herauszuholen und sie einer höheren Seinsweise zuzuführen. Hat er sich ihrer endlich angenommen, bewegen "sie sich durch die Szene, auch die alltäglichste, in einem Schimmer, mehr noch einem Duft von Festlichkeit". Überhaupt diese Aura! Kaum rettet sich Don Juan, der Gejagte, in den Garten des Erzählers, strahlt die Flucht "eine Art Feiertäglichkeit" aus.

Handkes Don Juan pflegt den Kult der Auserwählten. Der Sprache der Mystifizierung der Welt ist ein hohes Maß an Unschärfe eigen. In die Erzählung sind immer schon Rückzieher eingebaut, Relativierungen des eben Gesagten. Wie soll man sich einen solcherart charakterisierten Don Juan vorstellen? "Die nicht wenigen Läufer und Reiter übersahen ihn. Wenn einer dabei auf ein Pferd gepasst hätte, so er - vielleicht aber auch gar nicht." Vielleicht gefällt sich der Erzähler aber auch in schmucker Rhetorik, wenn er, den Himmel besehend, von der "Gliedkette eines europaweiten Manövers oder werweißwas" spricht und ein anderes Mal einen Diener für Don Juan "die Tür oder den Schlag" aufreißen lässt.

An allen Ecken und Enden geschieht etwas Wunderbares, für das es dann keine Sprache gibt. Was sollen wir vom Blick Don Juans auf eine Frau halten, "der mehr und noch anderes erfasste als sie da allein, der über sie hinausging und sie so sein ließ, und deshalb wusste sie sich von ihm gemeint und gewürdigt". Eine Rhetorik des haltlosen Schwärmens, die taumelt, sobald sie sich der Wörter versichern soll. Handke stößt mit seiner Sprache an Grenzen, die er nicht zu überwinden vermag. Er erzählt eine Geschichte des Außer-sich-Seins und gerät selber nie in Gefahr, außer sich zu geraten.

Das neue Buch von Peter Handke realisiert ein großes Vorstellungstheater. Nichts Genaues weiß man nicht, und dass der Menschen Seele ein weites Land ist, weiß der Leser schon von anderer Stelle. Darüber könnte man etwas erzählen. Peter Handke macht es nicht. [*]

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Don Juan von Peter Handke, 2004, Suhrkamp5.)

Don Juan (erzählt von ihm selbst).
Erzählung von Peter Handke (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 19.8.2004:

Die Sieben-Frauen-Woche
Peter Handke sucht das Gute und findet den fleißigen Ritter Don Juan, einen komischen Heiligen mit einem Sancho Pansa an der Seite.

Peter Handkes neues Buch beginnt mit einer faustdicken Lüge: Dieser "Don Juan" wird eben nicht "erzählt von ihm selbst", wie es im Untertitel heißt. Sondern von einem Koch, der eher eine Suppe rühren als Geschäfte führen kann. Er hockt allein und aus der Zeit gefallen in seiner Herberge am Kloster Port-Royal-des-Champs, "einen Halbtagsritt weg von Paris". Und eines Tages purzelt ihm Don Juan Kopf über Hals von der Gartenmauer herunter, umflattert von Schmetterlingen, als käme er geradewegs aus Assisi und hieße nicht Juan, sondern Franz. Der unablässig staunende Held der Küchenarbeit erzählt, wie Don Juan von seiner Sieben-Tage-Woche erzählt. Die war, wie könnt es anders sein, eine Sieben-Frauen-Woche. Mit Siebenmeilenstiefeln gings von Tiflis in Georgien nach Damaskus und weiter in die nordafrikanische Enklave Ceuta, dann hoch an einen norwegischen Fjord bei Bergen und wieder runter zu den holländischen Dünen. Liebesabenteuer? Nun ja, Don Juan macht seinem Namen Ehre und spannt einem kaukasischen Bräutigam die Braut aus, er lockt eine Halbverschleierte von tanzenden Derwischen weg - und so weiter. Don Juan, also der Koch, also Handke spart sich die "pikanten Einzelheiten". Ohnehin scheint sich alles zu wiederholen: Am Kaukasus knarren die Tanzdielen, in Damaskus knirscht der Sand. Faust wollte das Glück noch am liebsten in Kunstharz gießen, dieser Don Juan will es im ewigen Wechselbad aus Wiederholung und Variation genießen.

Er könnte auch Gawein heißen oder Feirefiz

Wo andere ein Gesicht haben, hat Handkes Don Juan ein Anforderungsprofil. Er ist mehr Prinzip als Figur: Seine Augen machen die Frauen ihrer selbst bewusst, und Selbstbewusste sind schön, weil sie wissen. "Sie alle waren unauffällig und wurden erst schön, dann aber unbeschreiblich schön, sowie ihnen die Augen aufgingen, und sowie sie sich endlich sehen ließen." Ein romantischer Held, dieser Don Juan, ein selbstloser Retter um des Rettens willen, er hätte auch ein Ritter sein können, "Gawein, Lanzelot oder Feirefiz", meint der Koch.

Es steckt wie immer freiwillige Komik in Handkes Zeilen, selbst der Gegensatz zwischen reißerischem Titel und dem staksigen Stil aus Traktat plus Rilke-Ton ist nicht ohne Ironie. Ob er aber absichtlich "Mijnheer Pepperkorn" schreibt, ob er den hohen Ton extra bricht, indem er "als" und "wie" verwechselt? Immerhin verschafft er dem Don Juan einen Diener, der ausgerechnet Sancho Pansa ähnelt. Der Diener, das Gegenbild seines Herrn, macht alle hässlichen und debilen Frauen kirre, was sogar zu einer Besenkammerepisode führt.

Jenseits aller Macken und Anspielungen aber gilt: Peter Handke schreibt um ein Leben. Eines, das seins noch nicht ist und unser auch nicht. Seine Worte sind diktiert von der Verzweiflung darüber, dass da doch mehr sein muss als Geschäft und Getöse. Dabei flüchtet er sich an die Brust einer Legendengestalt, die der Kunst wie dem Leben viel zu grübeln gegeben hat, von Molières "Don Juan" über Mozart und Da Pontes "Don Giovanni", von Lord Byron und Nikolaus Lenau bis hin zu Richard Strauss und Max Frisch. Das soll Handkes versteckten Klage, gute Menschen seien heute nur im Märchen vorstellbar, die Würde des Alters und der Herkunft geben. Vielleicht klappert es deshalb so oft in diesem Buch.

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