Don
Juan de la Mancha oder Die Erziehung der Lust.
Roman von Robert
Menasse (2007, Suhrkamp)
Besprechung von Rainer Moritz in der Stuttgarter Zeitung vom
17.8.2007:
Don Juan de la Mancha
Erste Sätze sind erste Eindrücke,
und sie entscheiden darüber, ob man geneigt ist, sich der Fantasie eines
Schriftstellers anzuvertrauen. Erste Sätze geben Aufschluss über Thema und
Stil, machen neugierig oder fallen mit der Tür ins Haus. Der Österreicher
Robert Menasse hat sich für die letztgenannte Möglichkeit entschieden, um
Appetit auf seinen neuen Roman zu wecken. Anders als sein Landsmann Adalbert
Stifter, der seinen "Nachsommer" denkbar gemächlich ("Mein Vater
war ein Kaufmann") beginnen ließ, geht Menasse in die Vollen und eröffnet
mit einer Geschlechtsverkehrsvariante, die hier aus Dezenzgründen nicht zitiert
werden soll.
Chilischoten spielen dabei keine unerhebliche Rolle, und die Akteure des
scharfen Stellungsspiels - die verheiratete Altphilologin Christa und der
verheiratete Journalist Nathan - schicken sich an, auf diese Weise ihren
Lustgewinn effektvoll zu steigern. Mehr als zweihundertfünfzig Seiten später,
als Christa einen Ruf nach Berlin erhält, tauschen sie in einem erotischen
Abschiedsfest die Rollen, ersetzen den Chili durch eine solide Meerrettichstange
und wollen die Frage beantworten, welches Geschlecht in actu größere Lust
empfinde.
So viel ist nach diesem Auftakt klar: Robert Menasse, Jahrgang 1954, hat einen
Roman geschrieben, der auf prüde Leserreaktionen keine Rücksicht nimmt und
sich ums gesellschaftlich Korrekte wenig schert. Im Zentrum des freizügigen
Geschehens steht Nathan, der bis zu seiner Entlassung das Ressort
"Leben" einer Wiener Zeitschrift leitet und mit einem Mal an
Lustlosigkeit leidet, die freilich keine geringere Sexfrequenz nach sich zieht.
Wie der Romantitel verheißt, haben wir es mit einer modernen Don-Juan-Figur zu
tun, die indes - so der Don-Quichotte-Zusatz - von eher mickriger Gestalt ist.
Der krisengebeutelte Eroberer flüchtet schließlich auf die Couch der
Therapeutin Hannah. Sie leitet ihn dazu an, den Ursprüngen und Grenzen seines
Liebeslebens nachzuspüren, und inspiriert ihn zu mitunter ins Leere laufenden
Exkursen.
Die "Lehrjahre der Lust" (so die Anspielung auf Gustave Flauberts
"Lehrjahre des Gefühls") durchlief der gescheiterte
Publizistikstudent einst in einer Wiener Kellerwohnung - oder auch nicht, denn
schon bald zeigt sich, dass dem Erzähler nicht zu trauen ist und dass er sich,
wie sein Vater, ein bekannter High-Society-Reporter, die Wahrheit
zurechtzubiegen weiß, um sie schmackhafter erscheinen zu lassen. Was sich
damals, im Keller oder in der Beletage, abspielte, lässt Nathan komisch und
anekdotenreich Revue passieren. Wir sehen diversen jungen Damen zu, die Helga,
Martina oder Alice heißen, wie sie sich auf seiner ärmlichen Matratze
ausbreiten, wie es zur ersten vorschnellen Ehe kommt, wie sich der Student
Nathan in eine Frau verliebt, die ihn wegen eines Künstlers vom Balkan stehenlässt,
und wie er, Jahre später, bei einem Vortrag des hochbetagten Alfred Sohn-Rethel
seine zweite Frau Beate kennenlernt.
Nathans Geschichte ist nicht zuletzt eine Geschichte vom Älterwerden, eine
Reflexion darüber, dass mit dem Erreichen des fünfzigsten Lebensjahres der
"Todesstreifen" überschritten und das Erwachsenwerden nicht mehr
aufzuschieben sei. "Ist es das Alter, Hannah, dass ich in letzter Zeit
immer wieder an erste Male denke?" fragt sich der zweifelnde Homme à
Femmes und gibt seiner Neigung zu Kalauern und Sentenzen hemmungslos nach:
"Erwachsen zu sein heißt Herrschaft antreten. Den Anspruch und auch
gewisse Möglichkeiten zu haben, das gesellschaftliche Leben so zu gestalten,
dass es einem entspricht."
Dieses Nachdenken zieht auch die Gegenwartsliteratur in Betracht, neue Werke von
Martin Walser und Philip Roth etwa. Dessen Romanwendung "Sie sah aus wie
Eleanor Roosevelt" empfindet Nathan als amerikanische Anmaßung. Keinem österreichischen
Autor ließe man es durchgehen, eine Figur derart zu charakterisieren. "Sie
sah aus wie Herma Kirchschläger", das würde, da haben Nathan und sein
Autor recht, wohl nicht den Segen des Lektorats erhalten.
Als Ressortleiter besitzt Nathan eine Zeit lang die Möglichkeit, Macht auszuüben,
bis er merkt, dass die Anforderungen der Chefredaktion mit seinem Verständnis
von Journalismus kaum mehr in Einklang zu bringen sind. Er zieht sich in die
innere Emigration zurück und vermag es am Ende nicht zu verhindern, dass eine
gescheiterte Paris-Reportage zu seiner Demission führt. Auf dem Land versucht
er zur Ruhe zu kommen und pflegt seinen geschundenen Körper in Badelotionen,
die vorgeburtliches Fruchtwasserfeeling simulieren - eine der amüsantesten
Stellen des Romans.
"Die Befriedigung wäre der Tod der Begierde", diese Erkenntnis bildet
den Kern jeder Don-Juan-Existenz. Allein mit "Erlösung" wäre Nathan
& Co. gedient, doch diese stellt sich im Irdischen selten ein. Menasse belässt
es nicht dabei, einen unerfüllten erotischen Reigen vorzustellen; Nathans
Biografie spiegelt auch eine politische Entwicklung, die an der Universität,
als er und seine Freunde alternative Seminare begründeten, ihren Lauf nahm.
Liebe und Ideologie hingen damals eng zusammen; die "Weltrevolution"
erschien dem Helden als "Voraussetzung für einen Orgasmus", und seine
Lebensabschnittsgefährtin Alice vermittelte einst überzeugend, dass
"Liebe und Penetration" als "Widerspruch" zu verstehen
seien....Fortsetzung
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