Dondog.
Roman von Antoine Volodine (2005, Suhrkamp - Übertragung Holger Fock).
Besprechung von Thomas Laux in Neue Züricher Zeitung vom 20.9.2005:

In schwärzester Nacht
Antoine Volodines Roman «Dondog»

Was man nach der Lektüre dieses Buches dem französischen Autor Antoine Volodine am meisten attestieren muss, ist Konsequenz. Verblüffend, wie er auf dreihundert Seiten seinen ureigenen surrealen Kosmos, eine schwer bis kaum dechiffrierbare und düstere, sehr naturalistisch aufgezogene (Alb-)Traumwelt ohne geringste Zugeständnisse an Logik oder Lesererwartungen durchbuchstabiert. Dieser Roman würde auf einer imaginierten Skala von Sinnsperrigkeiten oder Verstehensproblemen ziemlich weit aussen, kurz vor dem Bereich «rezeptionsresistent», landen. Einen stringenten Erzählstrang sucht man vergeblich, allenfalls lässt sich ein Potpourri von Motiven erkennen.

Sinnen auf Rache

Düster ist es hier, um nicht zu sagen: zappenduster. Die Welt, in der die Hauptfigur Dondog auftritt, ist verroht, eigentlich eine Hölle; das Land – imaginär verortet, manches erinnert an den Balkan oder Russland, anderseits gibt es amerikanisch klingende Namen und Strassen – ist verrottet. Eine einzige Kloake; hier hat es, wie mehrfach erwähnt wird, Vertreibungen und ethnische Säuberungen gegeben. Und Lager. Dondog selbst hat die Hauptzeit seines Lebens, über dreissig Jahre, in einem solchen zugebracht und sinnt nun – allerdings aus nicht näher ausgeführten Gründen – auf Rache. Drei Figuren kommen anscheinend dafür in Frage, doch die Suche nach ihnen wird eher zu einem psychedelischen Mäandern in spekulativen Grauzonen.

Nichts ist eindeutig. Man muss sich mit diesen Zumutungen abfinden, beispielsweise, dass die Erzählhaltung zwischen Ich- und auktorialem Er-Erzähler wechselt, dass das Zeitgefüge aufgekündigt ist, dass die Identität einzelner Figuren sich ändert, dass ihre Namen wechseln. An einer Stelle sagt Dondog, dieses oder jenes sei «lange vor meinem Tod» gewesen.

Und tatsächlich lässt sich der Verdacht, dass wir es hier schlechterdings mit Untoten bzw. Zombies zu tun haben, nicht ganz von der Hand weisen. Dondog gehört dem Volk der Ybüren an, das, wie es heisst, zweimal vernichtet wurde, unter anderen von Tataren, Wangren, aber auch von «tschuwaschischen und österreichischen Bataillonen». Derartige Begriffe – nebst anderen wie «Rote Armee», «Sibirien» – erscheinen einem für jede Orientierung dankbaren Leser plötzlich wie Signalwörter, eine Art Miniaturkompass. Man stellt aber rasch fest, dass sie einen kein Stückchen weiterbringen.

Nur eine Parabel?

Wenn es also inadäquat ist, die Elle von Sinn oder Logik anzulegen, stellt sich die Frage: Was anfangen mit diesem Buch? Nicht dass man diesen Roman nicht lesen könnte. Es gibt mitunter höchst anschauliche Passagen in sprachlich spektakulärer Diktion; allein die Einzelheiten aus dem erinnerten Lagerleben sind eindringlich und gehen einem unter die Haut. Soll alles nur eine Parabel sein? Aber wofür bitte? Die Vergewaltigungen, das peinlich genau beschriebene Abschlachten unter dem Motiv der Rache usw.: Sucht man nach einem Vergleich, ist das, was einem am ehesten in den Sinn kommt, der Manierismus eines Quentin Tarantino in «Kill Bill» oder die Splatter-Effekte in den Filmen von George A. Romero. Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass der heute 55-jährige Antoine Volodine, der sich selbst als Hauptvertreter des von ihm erfundenen «Post-Exotismus» rühmt, hier die Zügel hat schiessen lassen.

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