Doktor Paranoiski von Ernst Molden, 2001, Deuticke1.) - 3.)

Doktor Paranoiski.
Roman von Ernst Molden,
(2001, Deuticke).
Besprechung von Werner Rosenberger aus Kurier, Wien, vom 5.10.2001:


Außenseiter im Wienerwald

Er schreibt, „um von seinen Fantasien nicht erdrosselt zu werden“. Ernst Molden, Jahrgang 1967: „Bücherschreiben macht mir zwar Spaß, weil es ein Spiel ist, aber: Ich könnte auch ohne.“ Verzichten kann der Wiener allerdings nicht auf die Musik, mag als Songwriter Blues, Pop und Jazz und spielt – auch bei der Präsentation seines vierten Romans „doktor paranoiski“ – lieber Gitarre á la Django Reinhardt. Wie beim Musizieren akzeptiert er als Autor Genre-Grenzen nicht, mischt Wirkliches und Übernatürliches, Reportage und Groteske.

Auf den Essay-Band „Weißer Frühling – Dubrovnik nach dem Krieg“ (1994) folgten die Romane „Die Krokodilsdame“ (1997), „Biedermeier“ (1998) und „Austreiben“ (1999). Der frühere Polizeireporter hat eine Schwäche für Sonderlinge, Außenseiter oder Seelen mit Schrammen, Menschen am Rand, an der Schnittstelle zwischen Stadt und Land.

Im Vampirroman „Austreiben“ war’s die Lobau, jetzt ist’s der Wienerwald, in dem aggressive Naturschützer, linke und rechte Fundamentalisten herumkobolzen und auf den Tag X warten, um loszuschlagen.

Auch der tragikomische Titelheld, der Botaniker Christoph Salzer, wird zum Waldmenschen, zum Kämpfer – und am Ende zum Fall für die Psychiatrie. Ein Szenario, das Molden mit parodistischen Blicken auf die österreichische Geschichte und die Wiener Gesellschaft würzt.

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Doktor Paranoiski von Ernst Molden, 2001, Deuticke2.)

Doktor Paranoiski.
Roman von Ernst Molden,
(2001, Deuticke).
Besprechung von Günther Stocker in der Neue Zürcher Zeitung vom 14.02.2002:

Guerilla im Wienerwald
Ernst Moldens neuer Roman

Fühlen Sie sich ausgebrannt, ist Ihnen die Lust an allem vergangen? Haben Sie die Nase voll vom Leben in der Stadt, «das nur Mühen bringt, aber niemals Befreiung»? Wenn ja, dann geht es Ihnen wie Christoph Salzer, dem Protagonisten von Ernst Moldens viertem Roman «doktor paranoiski». Aber statt ins Wellness-Wochenende zu fliehen oder sich bei einem Motivationsseminar mit Energie aufzuladen, steigt Salzer radikal aus. Er inszeniert seinen eigenen Tod, zündet seine Wohnung an und übersiedelt in den Wienerwald - und das bei nasskaltem Märzwetter. Dort vegetiert er vorerst sehr übel dahin, ernährt sich aus Abfalleimern und wird auch noch von einem faschistoiden Naturwächter zusammengeschlagen. Aber dann geschieht etwas völlig Unvorhergesehenes: Er trifft auf die Vorhut einer geheimnisvollen Untergrundarmee.

Drei Menschen mit den seltsamen Namen Wachtmeister Leu, Elisabeth Vier und Musik pflegen den verletzten Salzer und erzählen ihm, dass es Tausende solcher Aussteiger wie sie gebe, die - offiziell als tot oder vermisst geführt - versteckt in den Wäldern lebten und einen Kampf gegen die Zivilisation führten. ...Fortsetzung

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Doktor Paranoiski von Ernst Molden, 2001, Deuticke3.)

Doktor Paranoiski.
Roman von Ernst Molden,
(2001, Deuticke).
Besprechung von Helmut Gollner aus Rezensionen-online *LuK*:

Natürlich ist es eine Zumutung, was Ernst Molden uns in seinem neuen Roman auftischt (aber die Zumutung ist ja das Geschäft der Literatur): papageienbunte Träume, ungeniert vor unserer Haustür inszeniert, Bäume und Tiere als die besseren Menschen (beinahe fangen sie an zu sprechen), die Menschen unverbesserlich, die Ideologien mörderisch; und irritierend Moldens logische, moralische und poetische Sorglosigkeit.

Ein sozialer Aussteiger, der Biologe Dr. Salzer, tauscht die Zivilisation, das ist Wien, gegen die Wildnis, das ist der Wienerwald, führt dort sein Leben vegetativ statt zivilisiert und stirbt beinahe in Dreck, Blut und Exkrementen, weil er weder ohne Zivilisationsschutz überleben kann noch mit ihm überleben will. Die bürgerliche Selbstaufgabe schließt offensichtlich das Einverständnis mit dem animalischen Verenden ein.

Aber Dr. Salzer wird gerettet. Die "Unsterblichen", eine antizivilisatorische Kampftruppe, die heimlich in Österreichs Wäldern lebt, greift ihn auf und läßt ihn sich auf ihre Ziele einschwören: Auflösung der Staaten, Abschaffung des Geldes, Bewaldung der Städte. Dr. Salzer gesundet, kriegt einen neuen Namen (Dr. Paranoiski), bewährt sich mit der Waffe gegen die Zivilisationspolizei, steigt als Held in der Hierarchie der Organisation schließlich bis an ihre Spitze. Verkleidet als Innenminister, erklärt er im Fernsehen die Kapitulation der Regierung vor den "Unsterblichen". Er landet im Irrenhaus. In einer sanften, verwirrenden Aktion wird er von den "Unsterblichen" herausgeholt und außer Landes gebracht. Wir verlassen Dr. Paranoiski in Belgrad.

Ich lese Ernst Molden als eine Art Radikalromantiker, der seine (meist grünen) Gegenbilder lieber in Trivialformen der Literatur unterbringt als im ideologischen Diskurs. Hier würden sie schwerlich halten, dort können sie immerhin unterhalten. Und das Märchen hat ja auch politische Vorteile: die freie Streuung ideologischer Phantasien statt ihrer tödlichen Stringenz.

Ernst Molden ist ein ideologiebewußter, humanalternativer Intellektueller. Also darf man sich über sein Märchen zunächst einmal wundern: Gesellschaftskranke gesunden umstandslos an einem Grundangebot von Gesellschaft: Hierarchie und Gewalt; offen praktiziert von der Gegengesellschaft der "Unsterblichen". Menschen, die sich bereits selbst aufgegeben haben vor lauter Sinnlosigkeit, finden sich frisch und munter - und glücklich! - als fraglose Krieger. Sucht Befehle, wer der herrschenden Verhältnisse überdrüssig ist? Will gehorchen, wer sich von ihnen befreit? Die "Unsterblichen" sind mindestens so mies wie die Sterblichen: Töten ist erlaubt, Liebe verboten, weil sie das Töten behindert (bindungsloser Sex wird organisiert). Sobald der Mensch Natur will statt Zivilisation, ist auch Platz für Nazis; sobald er Utopien gesellschaftlich verwirklichen will, wird er zum Massenmörder. Das alles könnte Stoff für einen durchaus realistischen Gesellschafts- oder auch Menschenbefund sein.

Aber Paranoiski ist, dramaturgisch gesehen, ein klassischer Held, romantische Spielart, funktioniert also als Identifikationsfigur. Bereits halb tot vor Überdruß, springt er quicklebendig aus dem Grab direkt in eine nicht weiter reflektierte Ideologie, fügt sich bereitwillig in ihre grundsätzliche Militanz, wird zu ihrem Revolverhelden (ihm gelingt die Tötung von drei Gegnern!) und Frontmann (am "Tag X"). Salzer wollte unsere Gelddiktatur nicht mehr bedienen, jetzt bedient er eine Militärdiktatur; das Opfer gesundet zum Killer. Und mit allen Identifikationslockungen des romantischen Helden zieht er den Leser auf die Seite seiner schrecklichen Karriere. Wollte Molden das? (Er bewirkt es.)

"Über mir schmettern Amseln ihr balzendes Lied mit voller Kraft in den Tag", und wenig später kommt eine Nebelkrähe zum siechen Dr. Salzer, um sich von ihm den verletzten Flügel einrenken zu lassen; fortan begleitet sie ihn als Freund, treuer als jeder Menschenfreund. Dahin neigt Molden. Nicht erst in diesem Roman stellt er die heile Wildnis der Natur gegen die heillose Ordnung des Menschen. In "Austreiben", seinem letzten Roman, wird das Donauweibchen zur Rächerin des vom Menschen verletzten Paradieses (der Lobau). Der Wald, als gesellschaftslose Alternative inszeniert, wird aber mit dem Auftauchen der "Unsterblichen" zum Kriegsgelände, das heißt zum Waffenübungsplatz und zum strategischen Aufmarschgebiet. Dr. Salzer, der die romantische Asozialität der Natur eben noch genossen hat, hat als Dr. Paranoiski keine Probleme mit der Pervertierung seiner Idylle?

Moldens "moralische" Sorglosigkeit wird zur poetischen: der Roman enthält etliche logische und psychologische Unwahrscheinlichkeiten. Ich rechne diese Gestaltungsmängel der Ungeduld des Romantikers zu, die ihn tendenziell zu Zielen drängt, die jenseits der Realität liegen (dazu gehört auch Moldens Neigung zum Kunstmärchen). Was ist Realismus schon für den, der mit der Realität das Auslangen nicht findet? Gleichwohl bleibt der Einwand, daß Molden sich um konkrete Personen und Situationen zu wenig kümmert. Zum Beispiel hat Paranoiski nach den Worten Moldens eine "große Liebe", erwidert von der Dame Rea. Aber wieso sollte man den Worten eines Schriftstellers glauben? Sagen kann man schließlich alles. Wenn ein Schriftsteller überhaupt Begriffe nötig hat, dann muß ihre ganze Wahrheit schon außerhalb von ihnen stattgefunden haben. Paranoiskis "Liebe" ist außerhalb des Begriffs kaum gestaltet, sie hat ihn nirgends zum Liebenden gemacht. Wer die Dinge nicht gestaltet, nimmt gerne Zuflucht zu ihren Namen.

Natürlich enthält die Sehnsucht nach etwas, das nicht ist, nicht nur die Vernachlässigung des Ists, sondern auch die Schönheit der Sehnsucht. Bisweilen kann Moldens Sprache betören, bisweilen "versetzt" die Geschichte den Leser tatsächlich. Schließlich hat Molden wirkliche Erzählqualitäten, etwa in der Rocky-Horror-Atmosphäre der Führungsvilla oder in der dezenten Verunsicherung der letzten Kapitel. Und man muß dem Roman Unterhaltungsqualität zubilligen: die Spannung hält. Die Fragen bleiben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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