Diskrete Momente von Sigrid Behrens, 2007, HanserDiskrete Momente.
Roman von Sigrid Behrens (2007, Hanser).
Besprechung von Beatrice Eichmann-Leutenegger in Neue Zürcher Zeitung, 31.3.2007:

Die geschenkte Stunde 
Sigrid Behrens' Prosadébut

Wenn Ende Oktober nachts um drei die Uhren von der Sommer- auf die Winterzeit umgestellt werden, scheint die Zeit für eine Stunde stillzustehen oder gar zu sterben. Genau dieses Datum wählt Sigrid Behrens als Ausgangspunkt für ihren Roman. Ins Zentrum rückt ein Mehrfamilienhaus, nah beim Bahnhof einer deutschen Stadt gelegen. In einer langen Introduktion führt die Autorin die Aussen- und Innenansicht mit präzisen Beschreibungen der Zweizimmerwohnungen dieses Hauses vor. Lesend nimmt man am Konstruktionsprozess teil, wenn Sigrid Behrens ihre Mutmassungen entwickelt, den Personen mögliche Namen gibt. Ihr Unternehmen versteht sie als «beispielhaft, als Auszug eines grossen Ganzen»; die Schilderung liest sich wie die Regieanweisung für die Gestaltung eines Bühnenraumes.

Fast durchwegs treten verlorene Gestalten auf, die in ihrer verschrobenen Einsamkeit, ihrer trotzigen Selbstbehauptung, ihrem traurigen Witz an jene in den Erzählungen der Basler Schriftstellerin Adelheid Duvanel erinnern: Robert, der auf dem Laptop minuziös seinen Alltag bis in die letzte Handlung aufzeichnet; der verwitwete Adam, welcher in der Küche Marmelade einkocht und unentwegt mit seinem Kanarienvogel Hansi spricht; die alte Dora, die wie tot in ihrem Bett liegt, während Helene wach neben ihrem Freund ruht und dieser wie auch der Knabe Philipp als Einzige im Haus friedlich schlafen. In Selbstgesprächen teilen die Bewohner Bruchstücke ihrer Biografie mit, wobei Doras Monolog, der in seiner sprachlichen Fragmentierung gekonnt die Zerrüttung widerspiegelt, besonders berührt.

Warum aber steht in dieser kalten Herbstnacht der fünfzigjährige Karl unverrückbar auf seinem Balkon? Die Geschichte, die er als Letzter preisgibt, ist das Glanzstück dieses Buches – voller Charme und Elend zugleich. Sie endet tragisch, weil hier zwei Bedürfnisse aufeinander treffen und sich in keiner Mitte finden. Karl, der sein Jurastudium als Schaffner in Nachtzügen finanziert, hat sich im permanenten Unterwegssein eingerichtet; seine Geliebte Lucie aber, die in der Pariser Bar «Le Terminus» arbeitet, wünscht sich Beständigkeit. Sie wird ihren Abschiedsbrief in jener Stunde schreiben, da die Uhren von der Sommer- auf die Winterzeit umgestellt werden.

Karls und Lucies Geschichte steht im Schnittpunkt von Bleiben und Weggehen, im Zeichen der Suche nach Heimat. Sie fasst die Sehnsucht dieser Hausbewohner zusammen, ohne dass die Symbolik überfrachtet würde. Beiläufig, in Kneipennamen wie «Zweite Heimat», erkennt man die Zeichenhaftigkeit dieser verschwiegenen und umso nachhaltigeren Momentaufnahmen.

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Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt © Beatrice Eichmann-Leutenegger/NZZ