Directed by Desire.
Gedichte von June Jordan (2006, Canyon Press, Hrsg. von Jan Heller Levi und Sara Miles).
Besprechung von
ve in Neue Züricher Zeitung vom 5.8.2006:

Die Gedichte von June Jordan

Unter dem Titel «Directed by Desire» sind June Jordans gesammelte Gedichte erschienen, herausgegeben von den Nachlassverwalterinnen Jan Heller Levi und Sara Miles; der Band enthält auf über 600 Seiten alle publizierten Gedichte der Autorin sowie die «last poems», entstanden in den letzten Lebensjahren der im Jahr 2002 an Brustkrebs verstorbenen Dichterin. June Jordan zählt zu den meistpublizierten afroamerikanischen Autorinnen. Sie hatte einen äusserst breiten Tätigkeitsbereich und wirkte als Dichterin, Spoken-Word-Artistin, Theaterautorin, Essayistin, Dozentin, Journalistin, Projektleiterin und politische Aktivistin. Entsprechend breit ist auch das Register der Töne, die sie in ihrer Poesie fand: vom gehauchten, geraunten, intim gemurmelten Vers über griffige, jazzig gleitende Strophen bis hin zu Langgedichten, die von einer politisch offensiven Rhetorik und einem radikalen Engagement für die Menschenwürde zeugen. «She wrote from her experience in a woman's body and a dark skin», schreibt Adrienne Rich im Vorwort. Doch überall, wo June Jordan Ungerechtigkeiten witterte, sei dies im Alltag oder auf der grossen Weltbühne, hielt sie mit ihrer Poesie dagegen: gegen den Rassismus, die Abwertung der Frau, die Ausbeutung der Kindheit, den Chauvinismus, Nationalismus, die Gewalt, den Krieg. Ihre Stimme fehlt heute, doch grosse Langgedichte von ihr, z. B. «Lebanon Lebanon» oder «The Bombing of Bagdad», bringen ihre Stimme noch immer in heutige Zusammenhänge ein und zeigen, dass auch politische Poesie Jahrzehnte überdauern kann – wenn sie, wie diese, gut gemacht ist und sitzt. Hoffentlich trägt «Directed by Desire» dazu bei, dass June Jordan auch in Europa vermehrt gelesen wird.

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