Dirac von Dietmar Dath, 2006, Suhrkamp

Dirac.
Roman von Dietmar Dath (2006, Suhrkamp).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der NRZ vom 24.10.2006:

Dante, Dirac und die Waschmittelwerbung
Dietmar Dath schreibt einen Roman über das Scheitern des Romanschreibens.

Im 19. Jahrhundert waren es die Historiker, die ihre Fachkenntnisse in korrekt kostümierte, zuweilen - "Ein Kampf um Rom"! - spannende Romane einschrieben. Nun, in der Postmoderne, sind es die Literaturwissenschaftler und -kritiker, die ihr Spezialistentum gern in Fiktion umsetzen - Umberto Eco und David Lodge sind nur zwei von vielen. Auch Dietmar Dath gehört zur Zunft. Er weiß daher, was in einen Roman alles gehört - zuvörderst ein hohes, alles durchdringendes Maß an Bewusstheit, welche das Schreiben im doppelten Wortsinne reflektiert.

Mit dieser Vorgabe kann das postmoderne Erzählspiel beginnen: David Dalek, nicht nur die Initialen ent- und verhüllen die Nähe zwischen Autor, Haupterzähler und Figur, versucht einen Text, montiert aus Zitaten, Anekdoten, Exzerpten, über Paul Dirac, 1933 Nobelpreisträger für Physik, zu schreiben. Bzw. einen Text über das Schreiben eines solchen Textes zu schreiben. Was ihn treibt, sind Uraltfragen, Fragen nach dem rechten Leben, dessen Sinn.

Die stellt sich auch seine kleine Clique aus Gymnasiumstagen, etwa Johanna (Künstlerin), Paul (Programmierer) und Christof (Psychiater). Ihre Schicksale werden in wechselnden Erzählperspektiven und kurzen Ausschnitten konventionell psychorealistisch beschrieben. Durch die Einführung einer neuen Figur, Nicole, und deren Wahn-Sinn werden die Erzählweisen, postmoderne Bastelei und traditioneller Realismus, um das Surreale, Albtraumhafte erweitert. Mit den wechselnden Perspektiven und Erzählweisen wechseln die Sprachregister: Dante-Zitate neben rotziger Schülersprache, gedrechselte Adjektive, die wie die "quellwasserreine Jungfrauenstimme" der Waschmittelwerbung entnommen sein könnten, neben staubtrockenen physikalischen Ausführungen voller Fachtermini, ungrammatische Mündlichkeit neben Was-ist-das-Leben-Philosophieren.

David Dalek scheitert bei seinem Bemühen, ein Buch über Paul Dirac zu schreiben. Dietmar Dath hat eines mit dem Titel "Dirac" geschrieben. Er hat beim Reflektieren dieses Scheiterns alle Kritik an seinem Text vorweggenommen. Für den Autor mag die Überfülle der Erzählweisen, der anekdotisch präsentierten Figuren und Handlungen, der Sprachregister und Textsorten sich gefügt haben, vielleicht sogar zu etwas Kathartischem. Bei der Lektüre fügt sich all dies nicht zu etwas unterhaltend Verstörendem, Sinne und Denken Bewegendem - die klügelnde Anstrengung, die aus jeder Zeile spricht, verhindert dies. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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