Dinge, die wir heute sagten von Judith Zander, 2010, dtvDinge, die wir heute sagten.
Roman von Judith Zander (2010, dtv).
Besprechung von Katrin Hillgruber in der Frankfurter Rundschau, 6.9.2010:

Wie die Wellen klingen
Judith Zanders „Dinge, die wir heute sagten“ verfügt über einen außergewöhnlichen sprachlichen Variationsreichtum und eine originelle, manchmal sperrige Metaphorik. Er tut dies mit einer erzählerischen Macht, die ihn für den Deutschen Buchpreis empfiehlt.

Zwei Krebse mit den Beatles-Namen John und Paul sind es, die einen der erstaunlichsten Romane dieses beginnenden Herbstes in ihren Scheren halten. John und der einäugige Paul liegen im Regal der halbwüchsigen Romy herum, die sich im Verlauf der fast fünfhundert Seiten noch schwer, da unglücklich verlieben wird: in Paul aus Irland, der wieder abreist. Symbolisch beerdigt Romy dafür am Ende Paul, den Ostseekrebs, im Garten: „Paul is dead.“ George und Ringo aber haben es gar nicht erst in Judith Zanders überbordende vorpommersche Dorf- und Familiensaga „Dinge, die wir heute sagten“ geschafft – vielleicht weil hier in Mecklenburg alles erst fünfzig Jahre später ankommt, wie Bismarck meinte.

Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren und wuchs unweit der Siedlung „Min Hüsung“ auf, in der Uwe Johnson (1934 bis 1984) seine Kindheit verbrachte. Mit ihrem Landsmann aus Cammin, dem heutigen Kamien Pomorski, verbindet die Lyrikerin und so stupend sichere Prosaautorin ungemein viel; ausdrücklich erwähnt sie im Roman Johnsons Erstling „Mutmassungen über Jakob“.

Judith Zander verfügt über einen außergewöhnlichen sprachlichen Variationsreichtum und eine originelle, manchmal sperrige Metaphorik. Wendungen wie „nach einem sinnlosen, dem expandierenden Reich des Vergessens sofort zufallenden Nachmittag“ oder „im LPG-Büro deiner Mutter, wo hinter jedem der fünf Fenster eine Dauerwelle blühte“ offenbaren ein eigenwilliges literarisches Talent. Das trug der Absolventin des Leipziger Literaturinstituts, die zuvor Germanistik und Anglistik studiert hatte, Auszeichnungen wie den Wolfgang- Weyrauch-Förderpreis beim Darmstädter März 2009 und – für einen Auszug aus ihrem Debütroman – den 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb Ende Juni ein.

Plattdeutsch für Ortsfremde

Ähnlich wie die ersten drei Bände von Johnsons Tetralogie „Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl“ mit Wasserszenen einsetzen, die als Tertium comparationis die New Yorker Gegenwart von 1967/68 mit der deutsch-mecklenburgische Geschichte der 1920er bis fünfziger Jahre referieren, brandet auch Judith Zanders mächtiger Erzählstrom mit den Ostseewellen – und den Beatles – an: „Wie auch immer. However. Was für ein Wort. Es ist großzügig, niemand hier kennt es, aber es klingt wie die Wellen, wenn sie gemächlich sich dem Strand überlassen, die ganze Ostsee singt beständig however, however. Es klingt beinah wie ein Name“.

Wie Johnsons Jerichow ist ebenso der Ort Bresekow fiktiv. Und es entspinnt sich auch dort ein Kollektivroman, das Panorama verschiedener Stimmen von den gelangweilten Jugendlichen bis zu den Großmüttern. Der Klang der Stimmen eröffnet einen geschichtlichen Echoraum bis zurück zum Zweiten Weltkrieg, getreu der titelgebenden Beatles-Übersetzung „Things we said today“. Die Backfische Romy und Ella, der rechte Tunichtgut Eddie, von der „Wende“ desillusionierte Vertreter der mittleren Generation, schließlich die pensionierte Köchin Maria: Sie alle geraten durch das Begräbnis von Anna Hanske ins Sprechen.

Manchmal fallen diese Monologe und vor allem der Chor der „Gemeinde“ so plattdeutsch aus, dass sich ortsfremde Leser etwas schwertun dürften. Dafür sind praktischerweise alle zitierten Beatles-Liedzeilen bis auf „Strawberry Fields Forever“ übersetzt, was ihnen einen ganz neuen, tröstlichen Charakter nach Art eines Poesiealbums verleiht.

In der Mitte ist nichts

„Papenbrock mochte sich nicht anfreunden mit einem Mann, der trug keinen Hut“, heißt es in den „Jahrestagen“. Ähnlich hintersinnig, mecklenburgisch-vertrackt bewerten auch Judith Zanders Protagonisten die Zeitläufte in ihrem vergessenen und von der Landflucht bedrohten Dorf, der „dussligen Heimat“, wo schon einmal eine Tote ans Fenster klopft: „Die Alten wie die paar Jungen, die leben alle nur noch in ihrem Haus, die bauen das aus noch und nöcher, aber mehr nicht, lauter einzelne Häuser. Da ist kein Dorf mehr. In der Mitte ist nichts.“ Dieses Nichts wird unvermutet durch Anna Hanskes Beerdigung belebt. Tochter Ingrid reist mit ihrem irischen Mann und Sohn Paul an, in den sich Romy und Ella verlieben. Ingrid, die verlorene Tochter, wurde mit 16 vergewaltigt, nannte den Täter aber nie.

Nun legt sie in den intensivsten Passagen des Romans in Du-Form Rechenschaft vor sich ab. An einem Februartag 1973 brachte sie Henry zur Welt, nach einer Schwangerschaft, die sie bis zuletzt vor sich selbst verleugnet hatte. Den Sohn, den sie als Fremdkörper empfand, überließ sie der Obhut von Mutter und Bruder und setzte sich nach West-Berlin und schließlich Irland ab. Henry landete in der Psychiatrie.

„Der Mensch ist komisch“, befindet Sonja, die im Clubhaus der ehemaligen LPG arbeitet: „Man macht nie das, was man will. Sondern immer nur das, was man kennt. In- und auswendig. Bloß sich selber kennt man nicht. Und den andern eigentlich auch nicht. Kennt mich einer?“ Um nichts weniger als dieses Rätsel der Existenz kreist Judith Zanders Roman „Dinge, die wir heute sagten“. Er tut dies mit einer erzählerischen Macht, die ihn für den Deutschen Buchpreis empfiehlt.

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