Dillingers Blau von Horst Peisker, 2006, Axel-Dielmann-Verlag

Dillingers Blau.
Gedichte von Horst Peisker (2006, Axel-Dielmann-Verlag).
Besprechung von Karl Corino in Neue Züricher Zeitung vom 15.04.2006:

Geschichten in Versen
Gedichte von Horst Peisker

Das Buch, mit dem er im April 1980 die Szene betrat, hiess schlicht «Maniac». Einen Klappentext und Angaben zum Autor gab es nicht – es stand alles in diesen 150 Seiten. Der Maniac war der Autor, wenn nicht zu hundert Prozent, dann zu irgendetwas in den Neunzigern. Eine wüste Kindheit in Franken während des Zweiten Weltkriegs und danach, Abendgymnasium in Frankfurt, Organisation der ersten Sex-Messen in Deutschland, vorübergehender Reichtum, der zerrann, wie er gewonnen war.

Grosse Bildkraft

Dann eine lange, tragische Liebesgeschichte mit einer Bad Homburger Verlegertochter, die mit dem Selbstmord der jungen Frau endete. Kein Zweifel, hier war ein Kraftkerl am Schreibwerk, einer der trinken konnte wie ein Berserker, der boxte und liebte. Aber auch einer mit hoher sprachlicher Begabung, gesegnet mit einer Bildkraft, die an Céline erinnerte oder an Bukowski. Peisker schrieb «mad authentics» (wie der Titel einiger Erzählungen lautete), ganz gleich, in welchem Genre er sich bewegte, sei es Prosa oder Lyrik.

Nun, mit sechzig, nach einem Leben, das er im Wesentlichen im Bannkreis Frankfurts und des Taunus verbrachte, nach Exzessen und Erholungsphasen, legt Peisker einen Gedichtband vor, der eine Art lyrischer Summe seiner Arbeit bildet. Es wäre verwunderlich, wenn das Milieu seiner frühen Mannesjahre in der Gegend von Kaiser- und Moselstrasse in Frankfurts Bahnhofsviertel in diesem Buch nicht mehr vorkäme. Das einst gepflegte Metier der Kurzgeschichte ist bei Peisker verwandt mit dem der Ballade – in seinen Versdichtungen von zwei, drei Seiten Länge bietet er Geschichten. «Schorns Fest», «Jule im Ersten», «Die fünfte Kugel», «Warten auf Zampes», «Dalís Tod», «Dillingers Blau» sind Gebilde einer Gattung, die seit dem 19. Jahrhundert zunehmend verödet ist, als hätten die Lyriker nichts mehr zu erzählen gehabt. Die Balladen, die im amerikanischen Milieu spielen – «Essers Geld oder Der Fall la Metta», «Buks Stühle», «Steelhead oder Die letzte Liebe des Charles Bukowski» –, zeigen wahrscheinlich, wo Peisker die Anregung zu jenem lakonischen Erzählen fand, dessen wir hierzulande beinahe entwöhnt waren.

Die Geschichte des Mannes in «Strange heart», der im Zug nach Hamburg sitzt, das Bild seiner Braut in der Hand, dann aufblickt und ein blondes Mädchen sieht von so überwältigender Schönheit, dass er ihm beim nächsten Halt blindlings nachstürzt aus dem Zug, es aus den Augen verliert, dann weiterfährt nach Hamburg und heiratet («Am Tag nach der Trauung / Erschoss sein Schwager / Auf freiem Feld / einen wildernden Hund / Als wäre damit etwas gewonnen»), solch ein Stück mit seinem rätselhaften Schluss – war der Held etwa auch ein wildernder Hund? – kann die Zeitgenossen vielleicht eher fesseln als jene (von Goethe so genannten) «Ureier», die einem am Schluss die Moral der Geschichte um die Ohren hauen.

Eine Art Theologie

Das bedeutet indessen nicht, dass es in diesem Band nicht auch Lyrik im engeren Sinne gäbe. Diese Verse sind sogar in der Überzahl. Es gibt sie ebenso in der satirischen Variante («Kleinstadtfrühling») wie in der hymnischen («Mittag am Teich», «Sommer in Holstein»). Sie entdecken oft das Lob im Schäbigen und Kümmerlichen. Die Ästhetik dieses Mannes, der einst ein Berserker und Maniac war und dessen Porträt heute ein wenig dem des alten Orson Welles gleicht, hat gelegentlich noch immer etwas Aggressives. Aber wenn man vor zwanzig Jahren glauben konnte, seine Welt erschöpfe sich in den brutalen Instinkten, so muss man heute sagen: Es gibt in diesen Versen in der Tat eine Lehre vom Schönen, vielleicht sogar eine Art Theologie. Gegen Ende des Bandes findet sich ein Gedicht mit dem Titel «Mister Mistel», das ein Schlüsseltext für die späte Phase dieses Lebens sein könnte und das die rauen Tugenden dieses Autors wie Laserstrahlen bündelt:

Was heisst hier ausgeplündert? / Nur weil ich beim schnelleren Gehen / Gelegentlich einknicke / Es ist / Als ob Zwerg Alberich / Mit allerlei Handkanten-Spielereien / Sich an meinen Kniekehlen versuchte / Erledigt? / Nur weil ich unter dem Gewicht / Meines Höckers ab und an nach rechts / Mich verstolpere / Eine Schulterfrucht / Die sich wie ein Truthahn zusammensetzt / Aus allerlei sieben / Exotischen Fleischarten / Fragwürdige Filets / Mit denen ich mich längst / Überworfen habe / Und die sich eben noch / Recht und schlecht durchblutet / Auf dem entferntesten Rist / Gerettet halten / Ahnte dieser gemischte Haufen / Dass ich nur den Kopf / Im Kragen zu drehen brauchte / Um ihn bei seinen obszönen / Wucherungen zu ertappen / Dann würde er sich vielleicht / Mit einer winzigen Gallwespenkapsel begnügen / Aus der er mir ein bitteres / Unzuträgliches / Womöglich tödliches Konzentrat / In eine zufällig / Vorbeiführende Vene träufelte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0506 LYRIKwelt © K.C./NZZ