Die Zwillinge von Highgate von Audrey Niffenegger, 2009, S.FischerDie Zwillinge von Highgate.
Roman von Audrey Niffenegger (2009, S. Fischer
- Übertragung Brigitte Jakobeit).
Besprechung von Maren Schürmann in der WAZ vom 15.11.2009:

Autorin Audrey Niffenegger verfängt sich in Magie
„Die Frau des Zeitreisenden” war ihr erster, erfolgreicher Liebesroman. Nun legt Audrey Niffenegger ihr zweites Buch vor. Was ihr Debüt würzte, überfrachtet nun die neue Geschichte: Magie.

Ihr erster Roman wurde als eine der schönsten Liebesgeschichten gefeiert und dann auch direkt von Hollywood verfilmt: „Die Frau des Zeitreisenden”. Die Autorin Audrey Niffenegger ließ einen Bibliothekar seine Geliebte nicht ihr Leben lang, sondern nur in kleinen Zeitfenstern begleiten – und dann wieder verschwinden. Selten wurde so originell über Sehnsucht geschrieben, dass die Leser selbst sehnsüchtig warteten: auf Niffeneggers zweites Buch. Nun ist es da: „Die Zwillinge von Highgate”.

Überraschende Wendung

Wieder geht es um die Liebe, um die Frage, wie viel Nähe ihr gut tut. Nach dem Tod von Elspeth ziehen in ihre alte Wohnung am Highgate-Friedhof in London ihre Nichten ein: die Zwillinge Valentina und Julia. Elspeths Geliebter Robert, der den Verlust kaum ertragen kann, kümmert sich um die jungen Frauen. „Robert spürte, ohne es artikulieren zu können, dass ihm eben etwas Verlorenes zurückgegeben worden war.” Valentina versucht mit Roberts Hilfe, Distanz zu Julia zu gewinnen, die dies nicht zulässt. Robert selbst findet in Valentina einen Ersatz für seine verlorene Liebe. Bis Elspeth wieder in ihrer Wohnung auftaucht – als Geist.

Warum ein Geist? Mit dieser überraschenden Wendung erinnert Niffenegger an Marc Levys „Solange du da bist”, und später an Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere”. Nur ist sie dabei nicht ganz so kitschig, nicht ganz so gruselig.

Eigentlich kann Niffenegger packend erzählen – ohne Hokuspokus. Das beweist sie in ihrem zweiten Roman, wenn sie die faszinierende Geschichte des Highgate-Friedhofs beschreibt, und den ewigen Tanz zwischen Nähe und Distanz: Martin, der über Elspeths Wohnung lebt, leidet unter Zwangsstörungen. Nur wenn er die Wohnung oder sich selbst stundenlang schrubbt, fühlt er sich wohl. Er verlässt seine Wohnung nicht, konzentriert sich nur auf einen Menschen: seine Frau. Doch Marijke kann so nicht mehr leben und verlässt ihn. Dies ist für Martin der Zeitpunkt, endlich sein Leben zu ändern.

Fühlt sich in den Charakter ein

Bei Martin zeigt Niffenegger, wie sie sich in einen Charakter einfühlt, ihm ein Gesicht mit Ecken und Kanten gibt. Es wäre daher noch zu früh, Niffenegger nach diesem zweiten Roman zu den Autoren zu zählen, die nur mit einem einsamen ersten großen Erfolg aufwarten können. Diese Autorin hat Potenzial. Wenn sie nur das krampfhaft Magische weglassen würde . . .

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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