Die Zumutung von Sabine Gruber, 2003, Beck1.) - 2.)

Die Zumutung.
Roman von Sabine Gruber (2003, Beck).
Besprechung von
Paul Jandl in Neue Zürcher Zeitung vom 1.3.2003:

Undine stirbt
Sabine Grubers Roman «Die Zumutung»

Das eigene Begräbnis zu erleben, ist das Ende aller Illusionen. Die Trauergesellschaft geht einem Sarg hinterher, in dem die Tote ihre Augen noch einmal nach oben richtet: «Als sie mich hinaustrugen, blickte ich in den wolligen Himmel; die grossen Cumuli sahen aus wie walzenförmige Wolkenbänder, die auf ein veränderliches Wetter deuteten. Wenn sich die Trauergesellschaft nicht beeilte, würde sie noch in den Regen kommen - ein schönes Wassergemisch aus Himmel und aus Augen.» Alles fliesst in Sabine Grubers Roman «Die Zumutung». Die Metaphern des Wassers durchströmen seine Sprache, Grubers Undine heisst Marianne, sie ist keine mythische Wasserfrau, sondern Nierenpatientin. In ihrem Körper staut sich das Wasser, während die Lebenszeit verrinnt.

Undine konnte zu den Menschen nicht kommen. Marianne, die junge Kunsthistorikerin in Sabine Grubers Roman, lebt in der Wirklichkeit ihrer Todeskrankheit, und die ist von der Realität ihrer Umwelt scharf getrennt. «CK» ist für die Erzählerin der «Zumutung» nicht das Kürzel Calvin Kleins, des Textilausstatters der Zukunftsfrohen, sondern der medizinische Begriff für «chronisch krank». Es sind die Jahre und Monate vor dem Tod, von denen Marianne erzählt. Alte und neue Beziehungen, eine geographisch ferne Liebe und die Nichtigkeiten des Alltags strukturieren eine Zeit, in der der Körper kein Halt mehr ist, sondern nur ein labiler Zustand. Nahe am Ende schärft sich der Blick für die Jahre schmerzhaft verfehlter Kommunikation, die Tage mit Leo, Paul, Beppe oder Michael sind Glückskatastrophen im Milieu der Künstler und Intellektuellen. Mariannes Männer forschen über tote Ahnen, dekorieren als Kunstmaler die Wände fremder Villen oder schreiben wie der Schriftsteller namens Holztaler Romane, die sich mit voyeuristischem Blick im eigenen Beziehungsumfeld bedienen. Sabine Grubers Buch zieht Bilanz über das Personal eines Lebens, in Rückblenden kehrt der Roman an den Beginn der Krankheit zurück. Am Ende, wo alles zu verschwimmen beginnt, soll ein Photograph noch einmal etwas festhalten: vom Unterarm Mariannes, der vor der notwendigen Operation noch ohne Narben ist, werden Bilder gemacht. Es ist der Schlusspunkt eines Arrangements, in dem die mikroskopische Aufmerksamkeit einem innerlich überschwemmten Körper gilt, auf dem schon ein leichter Fingerdruck Dellen hinterlässt.

«Die Zumutung» ist keine Zumutung an Larmoyanz oder poetisch produktiv gemachter Sentimentalität. Dazu geht Sabine Gruber, die 1996 mit «Aushäusige» debütiert hat, zu versiert mit der Sprache um. Schon in jenem Roman hat die Südtiroler Autorin das subtile Beziehungsgeflecht ihrer Figuren in immer neu verschobenen Blickwinkeln gezeigt, hat sie die Choreographie des Romans so weit auf die Ebene der Künstlichkeit gehoben, bis die Natur ihrer Menschen deutlich wurde. So ist es auch in der «Zumutung». In zurückhaltender Präzision folgt die Sprache den Bildern einer vom flüssigen Element durchdrungenen Welt. Der Durst ist ständiger Begleiter in der namenlosen Heimatstadt und auf Reisen nach London oder Rom, vorbei am Brackwasser der Themse oder an Bewässerungsschläuchen in Trastevere. Das wohldurchdachte System des Romans lässt die Leidens-Bilder zirkulieren, dazwischen ist Platz für die Sublimationsangebote der Kunst und das Geschwätz einer unter Beziehungsproblemen leidenden Freundin namens Erna.

Sorgfältig komponiert Sabine Gruber ihren Roman und hält seinen Ton auf der Ebene der Lakonie. Die dargestellte Verzweiflung trumpft nicht auf, sie rächt sich mit Witz am Pathos des Todes. Den ungemütlichen Anforderungen der Trauer ausgeliefert, wird die Begräbnisgesellschaft zum grotesken Ensemble, argwöhnisch betrachtet man einander. Beppe, ihre letzte Affäre, taucht in Mariannes Leben erstmals auf, als er sich bei einer Party auf den Hund der Gastgeberin setzt. In der Handtasche Mariannes findet das tote Kleintier sein Grab. Und es ist nicht ohne Ironie, dass Sabine Grubers Figur des Schriftstellers einem österreichischen, um genau zu sein: Tiroler Autor ziemlich ähnlich sieht, der erst vor kurzem einen Schlüsselroman über Kollegen veröffentlicht hat. Endlos ist nicht nur der Kreislauf des Wassers, sondern auch der wechselseitige Gebrauch, den Schriftsteller voneinander machen.

Sabine Gruber hat mit ihrem Roman «Die Zumutung» ein Buch geschrieben, das mit beträchtlichem Witz das soziale Milieu oberflächlicher Tiefsinnigkeit darstellt. Und sie hat ein Buch geschrieben, das die existenzielle Metaphorik des Wassers vom Anfang bis zum Ende auslotet. Die Bilder des Romans folgen seiner natürlichen Unausweichlichkeit, einer Wiederholung aus Erfrischung und Übermass, Kreislauf und Kollaps. Undines Sphäre ist so wenig von dieser Welt wie Mariannes «chronische Glomerulonephritis». «Alles fliesst» heisst bei beiden eine Ahnung von der Schwerkraft haben, die den Tod bedeutet. Alles wiederholt sich und ist immer wieder anders: «Als sie mich hinaustrugen, hing im Himmel Schnee. Die Zuckerhutfichten waren eisverklebt und standen starr wie weihnachtliche Zierbäumchen.»

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Die Zumutung von Sabine Gruber, 2003, Beck2.)

Die Zumutung.
Roman von Sabine Gruber (2003, Beck).
Besprechung von Hauke Hückstädt in der Frankfurter Rundschau, 6.01.2004:

Der Satz der Dialyse
Sabine Gruber schreibt mit "Die Zumutung" ihren zweiten Roman

Nie verließ ich eine Oper und kam über den Stoff, der da verhandelt wurde, ins Schwärmen, dachte ich, als ich Sabine Grubers Die Zumutung ausgelesen hatte. Und ich dachte, dass es doch die Lage einer einzigen Stimme zu diesem Stoff sein kann, die die ganze Unerträglichkeit der künstlichen Tragik in eine steile Anmut kippt, der man sich anders als staunend nur schwer entziehen kann.

Sabine Gruber hat für ihren Roman ein sehr schweres und schmerzhaft süßliches Material angesetzt: Erzählerin, chronisch nierenkrank, erlebt ihre eigene Beerdigung, die zum Anlass für Rückblenden wird. Neben der Freundin und den Eltern sind unter den Trauernden auch die drei Männer von Marianne, der Ex-Geliebte, der Fernbeziehungs-Lebenspartner und dessen Gegenpart, der ihr näher und näher wurde. Dazu gibt der Roman von Anbeginn ein Wissen davon, vorbereitet mit einem Epigraph von W. H. Auden, dass wir mit dieser Frau das Leiden kennen lernen werden, "wie es für sich ist und einfach stattfindet,/ Während irgendeiner isst oder ein Fenster öffnet oder gerade vorbei geht" - wie es in Audens berühmten Poem Músee des Beaux Arts heißt.

Den Tod in ein Gespräch verwickeln

Das wäre zwar noch nicht der Klappentext zu dieser Zumutung, aber das ist die weniger beiläufige Situation: "Man muss den Tod in ein Gespräch verwickeln, ihn ablenken. Er arbeitet weniger schnell, wenn man mit ihm spricht", heißt es denn auch in dem Prolog der Erzählerin Marianne, die eine Baustelle des Todes ist und, um ihn, den Tod, zu beruhigen, selbigem Einblick gibt in sein vollendetes Werk: "Ich erzähle ihm von meinem Tod und überlebe ein wenig." Ein Tauschverfahren, ein Feilschen um Antworten, die Mariannes der Vergänglichkeit geweihter Körper zu geben scheint, ohne je zuvor Fragen gestellt zu haben. Während sich Mariannes Schrumpfniere auf ihre pathologische Bestimmung zurückzieht, schwemmt ihr Körper auf, und die Lebenszeit rinnt dahin. Die Männer, denen die junge Kunsthistorikerin in ihren letzten Jahren begegnet, werden nurmehr Betrachter, Bewunderer ihrer Schönheit, die unterspült wird von Wasser - das überall ist in dieser Prosa und den Ton ausmacht. Die Flüssigkeit von Sabine Grubers Erzählen ist genau dadurch bedingt und ihr verdankt sich, dass das befürchtet schwere Ausgangsmaterial am Ende fast leicht wird wie ein Schwamm, der gewrungen wurde.

Die Sätze sind wie Tropfen, abgepasst, trommelnd und wühlend auf weichem Grund. Gruber hat ein Gespür für das Milieu ihrer Erzählerin, das allerdings fast ausschließlich Männer zu prägen scheinen, Künstler und Intellektuelle, Historiker, ein Kunstmaler, ein Autor. Selten werden Begegnungen mit mehr als einen von ihnen erinnert. Immer ist Marianne ihnen alleine gegenüber, immer ist sie die physisch Schwächere, aber auch immer die Durstige als Trinkende und die Durstige auf das Lebende als innerlich Überschwemmte. Am Ende, als man glauben muss, dies seien Mariannes letzte Tage vor dem Riss, der erst mit der Beerdigung wieder genäht wird, steht der Schriftsteller Holztaler an ihrem Bett. Sie verbittet sich, dass er über ihr Leben schreibt. Sie, die, von ihrem eigenen Wasser zerstört, unterlaufen wird, sagt: "Ich habe Fraßbilder photographiert, abgestorbenes Holz." Er bittet sie um ein Coverfoto für eine Taschenbuchausgabe. Sie: "Gerne. Was möchtest du lieber? Sterngänge, Quergänge, nicht zu vergessen die Gabelgänge - die Kerfe fertigen ja die unglaublichsten Muster." Kurz darauf wird man ihr eine arteriovenöse Fistel setzen, einen Kurzschluss zwischen Vene und Arterie, um an ihren Arm eine künstliche Niere anschließen zu können. Das ist lakonisch erzählt und spiegelt die subtile Künstlichkeit des Buches. Es ist geprägt von einer durchgehaltenen Wahrnehmung für das Gespreizte der Erzählposition, dass wir die rückerinnerte Lebenswirklichkeit immer wieder aus dem "Sarg" sehen.

Vom Tauschen und Vertauschen

Einmal fällt sie in Ohnmacht, in einem Gasthaus, und sie kommt zu sich und wir sehen die Situation mit ihr so: "Sie ließen mich in Ruhe, stützten meinen Kopf, hielten ein Glas Wasser an meine Lippen. In der Ecke des Gastzimmers hatte sich eine Fußleiste gelöst, oder waren es die Scharniere der Kiste, die nicht hielten?" Es ist beinahe so, als würden die ungefundenen Nähen zu den Männern genauso wie der harngesäuerte Körper Mariannes, durch die Prosa, durch Mariannes Rede an den Tod einer künstlichen Entfernung aller schädigenden Substanz unterzogen. Als wären die Blicke, die Marianne in den Friedhofshimmel wirft, Sätze vom Tauschen und Vertauschen. Es ist, als wäre dieses Buch selbst ein einziger Satz der Dialyse. Mal sind die Wolken dort wollig und dem Regen nahe, mal hängt dort Schnee. Am Ende ein Rasen, ein schnelles Ziehen vor der verdeckten Sonne, die ihr Licht "bald wieder freigeben würde".

Sabine Gruber, hat 1996 mit Aushäusige ihren ersten Roman vorgelegt. Und sie schreibt Gedichte (Fang und Schweigen), die der Prosa aus Die Zumutung nicht einmal fern sind, sondern eher verwandt in ihrem Vertrauen auf die Zeichen, die uns etwa die Natur und die Geschichtlichkeit, die wir fortleben, an die Hand geben. Doch wirken diese Gedichte gegen den geschlauchten Ton der Zumutung lediglich wie reizende, immer zu schöne, ihre Harmlosigkeit spürende Gesten. Das aber ist es, was man über Die Zumutung sagen muss, dass es ein leichtes Buch ist, dass es beinahe sprudelt, dass es seinen schweren Stoff in einem fort dialysiert, ihn einem filternden Kreislauf unterzieht, der nicht auf den Aggregatwechsel der kurzen Form setzt, sondern auf die Tortur des Auswaschens.

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