Die Zukunft des Mars.
Roman von Georg Klein (2013, Rowohlt).
Besprechung von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 3.9.2013:

Einfach zurechtkommen
Georg Klein "Die Zukunft des Mars"

Georg Klein widmet sich in seinem Roman "Die Zukunft des Mars" dem Leben im Himmel und auf Erden.

Keine Zukunft ohne Internet“, steht im Wirtschaftsteil, und schon probieren Schriftsteller das Gegenteil aus. Auch in seinem neuen Roman bewegt sich Georg Klein, wie im großen Vorgänger „Roman unserer Kindheit“ von 2010, in einer analogen Welt. Diesmal aber nicht, weil die Geschichte in der Vergangenheit, sondern weil sie in der Zukunft spielt.

Die Erde befindet sich nach einem nicht unvertraut klingenden Mix aus Kriegen und Naturkatastrophen in einem schlechten Zustand. Es gibt einen alten Mann, der noch einfache elektrische Geräte reparieren kann (ähnlich wie der Elektrofachhändler in Roman Ehrlichs ebenfalls ganz analogem Debüt „Das kalte Jahr“). Ein paar Alte erinnern sich noch an echten Kaffee, Alt-Wodka taucht gelegentlich auf, und neben Eurorubel war das Geld aus der „längst Legende gewordenen Schweiz“ noch lange eine akzeptierte Währung (der Franken überlebt die Schweiz, frech, aber nicht an den Haaren herbeigezogen).

Zwischen den mafios organisierten Reichen, die sich nach der Auflösung der heute bekannten Staaten gegründet oder sagen wir lieber: ergeben haben, herrschen teils kriegsähnliche Zustände. Ein Fesselballon mit Außenpropeller kann dabei zur ernsthaften Gefahr werden (auch Jules-Verne-Leser Klein lässt von sich hören). Nach Amerika reist man zwar noch, wenn man Mut hat, aber der Leser wird das Gefühl nicht los, dass dort keiner mehr ankommt. Der Einzelne improvisiert sich so durch.

Leben auf dem Mars ist weit schwieriger

Von der chinesischen Provinz Sibirien sind Elussa und ihre kleine Tochter Alide ins Freigebiet Germania gezogen, wo ein gewisser Don Dorokin das Sagen hat und einen typisch Klein’schen charismatischen Schuft vorstellt. Denn Georg Klein ist natürlich wie üblich keinesfalls bereit zu erklären, was hier los ist. Die Kamera seines Erzählens begibt sich stattdessen direkt in den Laden von Spirthoffer, jenem Elektrofachmann, der sich von Elussa Nachhilfe in Russisch geben lässt. Er schenkt Alide ein Buch, in dem eine Rakete abgebildet ist. Das hat Alide noch nie gehört und gesehen, die Zeiten sind vorbei.

So dass der Leser sich lange fragen muss, warum parallel zum Leben auf der Erde auch ein Leben auf dem Mars möglich ist. Das Leben auf dem Mars ist noch weit schwieriger. Durch einen jungen Mann namens Porrporr lernen wir es kennen, eine einfach strukturierte Gesellschaft hat sich hier gebildet: mit simplen Namen, mit einem unhinterfragten Analphabetismus (aber Porrporr kann lesen und schreiben!), mit einer Methode der Fortpflanzung, für die es keine Liebe braucht, mit einer milden, aber streng befolgten hierarchischen Struktur, in der jedem eine Aufgabe nach seinen Fähigkeiten zugeordnet wird.

„Allesbastler“ zum Beispiel oder „Nothelfer“ als Ärzte, eher Sanitäter, denn außer einigen Salben gibt es keine medizinische Versorgung. „Der Weg aller Nichtsnutze“, auch jener, die an der „Schändlichen Unlust“ erkranken (einer Depression, einem Nicht-mehr-mitmachen-Wollen, einem Burn-out), führt in den „Purpurspalt“. Ob der Betreffende tot ist, spielt keine wesentliche Rolle. Niemand wehrt sich.

Intelligenter kann man den "Herrn der Fliegen" nicht weiterspinnen

Tatsächlich ist das eine vitale und pragmatische Natur- und Kindergesellschaft. Das „Große Palaver“ vermittelt oral, was jedermann wissen sollte. Es gibt nicht mehr, aber auch nicht weniger Moral, als das Überleben erfordert. Und schon sind rudimentäre Mythen entstanden. Hätten die Kinder in William Goldings „Herr der Fliegen“ ohne Rettung auf ihrer Insel überlebt, wäre vermutlich einige Generationen später eine Struktur dieser Art entstanden. Intelligenter kann man Golding nicht weiterdenken und -spinnen, als Klein es hier tut. Gegen seine Gewohnheit erfreut er uns zudem mit einer fabelhaften Erklärung dafür, wie es zu dieser Kolonisierung kam. Und warum man Russisch spricht.

Die Zukunft des Mars beruht auf der sanften Ausbeutung von „Freund Mockmock“, einem Wesen, das im Einzelnen an eine ledrige Kokosnuss oder einen Käfer erinnern könnte. Wenn den Bewohnern des Mars Vergleiche zur Verfügung stünden. Aber hier muss alles neu gedacht und ausgedacht und eingeordnet werden. Freund Mockmock zeigt im Laufe des Geschehens, dass er Haare auf den Zähnen hat. Denn der Mensch, sensationell in seiner Anpassungsfähigkeit an die entsetzlichsten Umstände, gerät gleichwohl auch hier in einen Konflikt mit der nutzbar gemachten Umgebung.

Und doch: Auch Alide, die mit ihrer Mutter auf den Mars gerät (schwer zu erklären, wie das passieren konnte), findet sich sogleich in die neue Situation. Schon nimmt sie sich vor, beim nächsten Mal das richtige Wort zu benutzen und nach „Mockmock-Milch“ zu fragen. Klein interessiert sich dafür, wie Kinder mit den Dingen umgehen (viel lässiger als die Erwachsenen, viel selbstverständlicher). Und für die faszinierende Schlagbarkeit und Unschlagbarkeit des Menschen.

Es ist nicht schön auf dem Mars, aber Porrporr ist hier zu Hause. Zu Hause ist, wo man sich auskennt. Das wird deutlich, und er könnte es auch aussprechen, wie kürzlich der Erzähler in Reinhard Jirgls Roman „Nichts von euch auf Erden“, dem anderen, noch spektakuläreren Mars-Roman des Jahres: So unterschiedlich beide Bücher sind, so sehr suchen und finden beide Autoren ausgerechnet im unheimlich Fremden (bei Klein auch drollig Fremden) das Anheimelnde. Auf dem Mars wie auch auf Erden, wo zwar nichts mehr funktioniert, aber weiterhin allemal Weihnachten gefeiert wird, häuslichstes und behaglichstes Fest der Welt.

Lügen fällt den Bewohnern schwer

Die Macht des Buches, der Schrift und der Sprache ist eine weitere aparte Parallele zwischen beiden Romanen. Porrporr fühlt, „dass das Geschehene erst aufgeschrieben, erst in Gestalt Eurer Schrift, seinen ganzen zwiespältigen Zauber offenbart“. Auf dem Mars, erklärt er, wird nicht alles „von Wörtern angerührt, von Sätzen umtastet“, das Lügen fällt den Bewohnern schwer, aber Schweigen können sie.

Während sich hier Fachberufe erst herausbilden, schwärmt auf der Erde Don Dorokin nostalgisch von den alten „Experten“ und lässt alle verbliebenen Schornsteinfeger zusammenbringen. Nicht dass man sie bräuchte. Während auf der Erde die „Gute Alte Zeit“ in aller Munde ist, gedenken die Marsbewohner der „Zeit des Gerechten Untergangs“ (lesen Sie selbst, wieso) und schauen nach vorne.

Man ist sich ähnlicher, als die diversen Atmosphären es nahelegen. Menschen sind Menschen. Klein mag sie und ist ihnen just in diesem verrückten, spannenden und friedfertig pessimistischen Zukunfts-Thriller ganz nahe.

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