1.) - 3.)

Die Zugereisten.
Roman von Lojze Kovacic (2004, Drava  - Übertragung Klaus Detlef Olof).
Besprechung von Ingeborg Sperl aus Der Standard, Wien vom 10.7.2004:

Mit den Augen eines Kindes
Der slowenische Dichter Lojze Kovacic über die Geschichte einer Entwurzelung

Am allernormalsten und dümmsten Tag hatte Gott beschlossen, mich auf diese Zugreise zu schicken, weit, weit weg in jenes Land, in dem Vati einst als Kind und später noch als etwas größerer Junge gelebt hatte." Gott ist ein Schweizer Beamter. Man hat die Familie ausgewiesen, weil man 1938 die Ausländer ausweist, die keine Schweizer Staatsbürgerschaft haben.

Der kleine Bub, der in Basel geboren wurde, ist binnen Stunden in einen Zug verfrachtet. Er hat eine deutsche Mutter und einen slowenischen Vater und somit keine Heimat.

Nach einer endlosen nächtlichen Bahnfahrt landet das Kind in einem fremden Land mit fremder Sprache. Man hat nicht auf die Ausgewiesenen gewartet. Niemand ist da, um die Familie abzuholen. Und als sie endlich nach einem Marsch durch einen stinkenden Sumpf, der alles kommende Unheil schon ankündigt, beim ärmlichen Bauernhaus des Onkels anlangt, ist sie nicht gerade willkommen. Dieses Landleben ist für das Kind Hölle und Paradies zugleich. Hin- und hergerissen zwischen der Gleichgültigkeit und der Brutalität der Bauern und der Schönheit der Natur versucht der Bub, einen Platz für sich zu finden. Der Onkel nützt die Mutter und die Kinder als billige Arbeitskräfte aus; die Grunderfahrung, nicht dazuzugehören, vertieft sich.

Man beschließt, nach Ljubljana zu ziehen, in der Hoffnung, in der Stadt leichter ein Auskommen zu finden. Aber der Vater wird krank. Die Kinder versuchen, die aus Basel geretteten Felle und Pelze zu verkaufen. Sie werden gedemütigt, behelfen sich mit Betteln und kleinen Diebstählen.

Der Knabe kommt in der Schule nicht gut mit, kein Wunder bei den mangelnden Sprachkenntnissen. Die Wirtschaftskrise der Vorkriegszeit trifft alle, besonders aber die "Zugereisten". Wer ständig hungert, kann sich mit dem Gedanken an einen starken Führer leicht anfreunden. Aber der Bub weigert sich instinktiv, sich der Hitlerjugend anzuschließen; die Schwester schließt Kompromisse der anderen Art, als es darum geht, noch eine Weile in der gekündigten Wohnung bleiben zu dürfen.

Das Fantastische ist, dass Kovacic lauter kleine Erinnerungssplitter zusammenfügt zu einem in sich schlüssigen, chronologisch linearen Ganzen, das keine Brüche aufweist. Diese Einzeleindrücke, scharf gestellt wie bei einer klirrend realistischen Fotografie, trennt er mit drei Punkten voneinander und erzeugt damit einen beklemmenden, monotonen Rhythmus. In den Augen eines Kindes spiegelt sich die Katastrophe des Jahrhunderts, ohne dass auf erwachsene politische Analysen oder historische Großereignisse zurückgegriffen würde.

Es reichen die paar Sätze, in denen das Kind schildert, wie es sich selbst als Individuum abhanden kommt. Es reicht, in wüsten Schnappschüssen die wilde Gier der Menschen zu sehen, die das Lebensmitteldepot einer Kaserne plündern um emotional zu verstehen, was passiert, wenn man ums nackte Überleben kämpfen muss. Wie man einen Retter herbeisehnt, ganz egal welchen. Man hängt weiße Fahnen aus dem Fenster, Hakenkreuzfahnen, italienische Fahnen, Bilder vom Duce und vom König Emanuele schmücken die Schaufenster. Nur das Brot taugt immer noch nichts im Jahre 1941 . . .

Die Zugereisten ist der erste Teil der autobiografischen Trilogie von Lojze Kovacic, der am 1. Mai im Alter von 75 Jahren in Ljubljana gestorben ist, anerkannt und gefeiert als großer slowenischer Dichter. Endlich gehörte er dazu.]

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

Leseprobe I Buchbestellung 0704 LYRIKwelt © Der Standard

***

2.)

Die Zugereisten.
Roman von Lojze Kovacic (2004, Drava  - Übertragung Klaus Detlef Olof).
Besprechung von Rolf Wörsdörfer in der Frankfurter Rundschau, 18.8.2004:

Kukuruz und Hieb
Im ersten Teil der Romantrilogie "Die Zugereisten" erzählt Lojze Kovacic von seiner eigenen Heimatlosigkeit

Anfang Mai 2004 starb in Ljubljana im Alter von 75 Jahren Lojze Kovacic. In Vilenica war er 2001 als einer der bedeutendsten Romanciers Sloweniens geehrt worden. Die Tatsache, dass er in Basel geboren wurde und diese Stadt 1938 zusammen mit seinen Eltern verlassen musste, bildet den Hintergrund für eine Romantrilogie, deren erster Band jetzt in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

Die Narration beginnt an jenem Sommertag, an dem der Vater, die Mutter und zwei ihrer Kinder - darunter der Ich-Erzähler - mit ihren Habseligkeiten den Zug besteigen, um nach Ljubljana zu reisen. Der Vater ist ein slowenischer Kürschner und Schneider mit jugoslawischem Pass, der es in der Schweiz versäumt hat, sich rechtzeitig um seine Einbürgerung zu bemühen. Die Mutter, aus einer zweisprachigen saarländisch-lothringischen Unternehmerfamilie stammend, ist nicht glücklich verheiratet. Ein Mann, den sie tatsächlich liebte, starb vorzeitig. Dann gab sie dem Drängen ihres Vaters nach und ging die Ehe mit dem für seinen Fleiß bekannten, sonst aber unattraktiven Kürschner ein.

Anfänglich lebt die Erzählung vor allem von einem Spannungsverhältnis: Der Erzähler, ein bei der Ausreise zehn Jahre alter Junge namens Samson, hat von seinem Vater viel über Slowenien gehört, ist aber offenbar nie dort gewesen. Die in der kindlichen Phantasie ausgeschmückten väterlichen Erinnerungen und Berichte werden nun von der Realität zurechtgerückt. Der Erzähler beginnt, Dinge miteinander zu vergleichen, die sich nur schwer vergleichen lassen: den Rhein bei Basel mit dem Flüsschen Krka in Unterkrain, die slowenische Sprache mit dem Schwyzerdütschen.

Solche Inkongruenzen ziehen sich durch den ganzen Roman, doch stehen sie in einer Verbindung zu dessen Thema: dem sozialen Abstieg und der Entwurzelung von Menschen, die es in den zwanziger Jahren zu etwas gebracht haben, denen dann aber die Weltwirtschaftskrise und das fremdenfeindliche Ausweisungsdekret zum Verhängnis werden. Sehr plastisch stellt Kovacic dar, wie die soziale und die private Dimension des Unglücks ineinander verschränkt sind.

Sozialer Abstieg und Entwurzelung

Die Zugereisten bleiben nicht in Ljubljana, sondern sie finden bei Verwandten Unterschlupf, die im Tal der Krka eine Landwirtschaft betreiben. Im bitter armen Umland der Kleinstadt Novo mesto schießt nicht nur der Kukuruz hoch, um den Kindern vielfältige Versteckmöglichkeiten zu bieten. Es prallen auch die Gegensätze zwischen den städtisch sozialisierten, kaum des Slowenischen mächtigen Rückwanderern und den im Dorf verbliebenen Verwandten aufeinander. Samson lernt in der Schule eifrig, behält aber eine sehr fremd klingende Aussprache; seine slowenischen Sätze sind voller Fehler. Der Konflikt mit den Onkeln und deren Familienangehörigen spitzt sich zu. Ausgleichend könnte nur noch der in Slowenien geborene Vater wirken. Doch der muss Arbeit suchen und kann die ganze Woche über nicht bei seiner Familie sein.

Die Verwandten, denen die Rückkehr der "Schweizer" oder "Deutschen" an die Krka lästig ist, lassen keine Gelegenheit aus, die Neuankömmlinge zu schikanieren. Der Satz "Geht doch dorthin zurück, wo ihr hergekommen seid" wird zum neuen Leitmotiv des Romans. Als die Mutter und ihre Kinder am Ende beschließen, dem Vater zu folgen und an die nördliche Peripherie Ljubljanas zu ziehen, tritt keine wirkliche Besserung ihrer Lage ein. Die Familie ist gezwungen, in einem einzigen Zimmer zu leben, das dem Kürschner zeitweise auch noch als Werkstatt dient. Der pubertierende Ich-Erzähler, der mit seinen ausufernden sexuellen Phantasien an manche Romanfiguren Pier Paolo Pasolinis erinnert, erhält regelmäßig Hiebe mit dem Stock. So etwa, weil er den Eltern verheimlicht hat, dass er ein Schuljahr wiederholen muss. Katastrophe folgt auf Katastrophe. Der Vater erkrankt an Tuberkulose. Die Familie leidet Hunger. Die ältere Schwester - sie ist erst Monate später nach Slowenien gekommen - prostituiert sich, um den Zimmerwirt von einer Kündigung des Mietvertrags abzuhalten.

Germanophile Anbiederung

Anfangs kaum merklich, gegen Ende dann umso deutlicher, ist die Familiengeschichte von einem politischen Diskurs durchsetzt, dessen Kernthema der Expansionsdrang Deutschlands und Italiens im slowenischsprachigen Raum ist. Die Remigranten müssen die von Nachbarn und Verwandten vorgetragene Schmähung, sie seien "Deutsche" und "Hitler-Anhänger", ebenso verkraften, wie die germanophilen Anbiederungsversuche von Slowenen, die ahnen, dass das "Großdeutsche Reich" bald auch ihr Land oder Teile desselben okkupieren wird.

Die territorialen Ambitionen der zweiten Achsenmacht sind nur angedeutet: Zum Bekanntenkreis der Zugereisten in Ljubljana zählt eine antifaschistische Emigrantenfamilie aus Julisch Venetien. Der Sohn, ein Spielkamerad Samsons, kennt alle Schiffstypen des Hafens von Triest, einer Art Basel an der Adria - so muss es dem Jungen scheinen. In der aufgeheizten Atmosphäre bleiben Samson alle dauerhaft weiterführenden interkulturellen Erfahrungen versagt. Am ehesten findet er Verständnis bei Soldaten aus dem Süden Jugoslawiens, die ebenso schlecht Slowenisch sprechen wie er selbst. Kurze Zeit später zieht Samson mit seinen Eltern ins Stadtzentrum um. Unter seinen neuen Freunden rekrutiert er eine eigene "Armee", um Kämpfe gegen Jungen aus anderen Stadtteilen führen zu können. Die militärische Taktik entlehnt er dem reichlich vorhandenen Wochenschau- und Illustriertenmaterial über die Feldzüge im Osten und Norden Europas (Deutsche gegen Polen, Russen gegen Finnen).

Der erste Teil des Romans endet mit der Besetzung Ljubljanas durch italienische Truppen im April 1941. Erfreulich wäre es, wenn auch die weiteren Bände bald in deutscher Sprache erscheinen würden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0804 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

3.)

Die Zugereisten.
Eine Chronik von Lojze Kovacic (2005, Drava-Verlag - Übertragung Detlef Olof).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 13.9.2005:

Das Kichern und das Grauen
Die Kriegsjahre: Lojze Kovacics fortgesetzte slowenische Erinnerungen

Dass es solches noch gibt! So staunte man vor einem Jahr, nachdem man den ersten Band von Lojze Kovacics autobiografischer Romantrilogie «Die Zugereisten» in rauschhafter Lektüre verschlungen hatte – ein Meisterwerk, das seit seiner Veröffentlichung 1984/85 zwei Dekaden hatte warten müssen, bis es im deutschen Sprachraum Beachtung fand. Dem Autor selbst, 1928 als Sohn eines ausgewanderten Slowenen und einer Deutschen in Basel geboren und mit seiner Familie wegen Armengenössigkeit 1938 aus der Schweiz ausgewiesen, war es nicht mehr gegeben, das internationale Echo auf sein Schaffen zu vernehmen. Im Mai 2004 ist Kovacic, dessen Werk in seiner Heimat hoch geschätzt wird, gestorben.

Mit ihrer schockierenden Detailgenauigkeit und existenziellen Wucht zählen «Die Zugereisten» zu den grossen Erinnerungstexten Ostmitteleuropas. Das Buch, rezent übersetzt von Klaus Detlef Olof, reisst Abgründe auf. Wenn der kindliche Ich-Erzähler, Kovacics Alter Ego, die Odyssee der Familie durch die Verwerfungen der Mitte des 20. Jahrhunderts rekonstruiert, gibt er nicht nur dem Drama des Einzelnen in heilloser Zeit Raum, sondern beleuchtet auch das Schicksal eines Kollektivs, dessen Geschichte lange hinter dem Eisernen Vorhang verschüttet war. Für die slowenische Gesellschaft führte der Weg innert weniger Jahre vom Königreich Jugoslawien über die faschistische Besetzung in den Tito-Staat. Den Hekatomben derer, die dabei den Tod fanden, ist aus ideologischen Gründen bisher kaum literarische Gerechtigkeit widerfahren.

Mit den Augen des Kindes

Kovacic ist weit davon entfernt, Gerichtstag zu halten. Er unterläuft die Kategorien von Moral und Weltanschauung, indem er die Vorgänge aus nächster Nähe durch die Augen des Kindes schildert, das sich die Dinge nur schwer erklären kann und sich in einem Universum der Gleichzeitigkeit bewegt. Atemlos, dicht und roh, parataktisch mit Auslassungspunkten und in auktorial-dialogischer Verschränkung reiht der Autor die Bruchstücke seiner Konfession aneinander. Es ist die stereoskopische Perspektive, welche die Fülle der Szenen zum Hologramm fügt. Denn einerseits steht der Knabe in der Mitte des Geschehens, anderseits lässt ihn eine Fremdheit draussen verharren. Aus der naiven Beobachtung, aber auch aus deren gezielter metaphorischer Überhöhung entsteht eine subversive Ironie, die dem Leser die Freiheit des Mitleidens wie des Mitdenkens eröffnet.

Mit der Präsenz der Mussolini-Truppen in Ljubljana beginnt der zweite Teil des Buches. Geschildert wird weniger das System der Unterdrückung als der lange Nachmittag der italienischen Faune, die sich auf alles stürzen, was jung ist und einen Rock trägt. Unerhörtes spielt sich in den Ritzen der Stadt ab, und wenn im Kino Sloga die Filme über die Leinwand flackern, hebt ein Schattenballett an, das Spuren hinterlässt: «Die Bretter [waren] glatt vom Schleim, so dass man auf den kleinen Ballons rutschen konnte.» Solches Treiben weckt den Voyeurismus und die Phantasie der Kinder; bald geht es darum, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Als Leser wird man Zeuge von ersten (archaisch kollektiven) sexuellen Erfahrungen zwischen Spiel und Ernst, Angst und Lust, Zärtlichkeit und Grausamkeit. Ekstatisch erlebt der 13-jährige «Bubi» die Verwirrungen des Begehrens. Mit der Liebe geht ihm die Welt auf und über («ich sah sie schon nackt, weiss, nein! gelb wie Butter»). Wenn sich eine Schöne vor einem Italiener retten will, nützt der brave Junge die Situation schon einmal aus. Dabei entgeht ihm nicht, dass er «in einen irgendwie schmutzigen Abschnitt [s]eines Lebens» eingetreten ist. «Ich schämte mich nicht. Aber ich fühlte etwas wie Verlust, Trauer um mich, wie ich zuvor gewesen war.»

Doch es herrscht Krieg, dessen Temperatur im Buch stetig an Zeitungsbildern, Radionachrichten und Flugblättern gemessen wird. Ljubljana bleibt zunächst von den Kämpfen verschont; zur Versuchsstation des Weltuntergangs wird es dennoch. So wie sich Bubis Familie in die «mustergültige Armut» einer Dachkammer verbannt sieht, so schnurrt die Lebenswelt aller dramatisch zusammen. Die Not aber macht den Kleinen schlau und hart. Während dem Vater die Pelzschneiderei zusammenbricht, öffnen ihm seine Handlangerdienste die Wirklichkeit eines Lebens, in dem der Stärkere recht behält. Dennoch gibt es Solidarität und Freundschaft. Ergreifend, wie Lojze Kovacic der Familie, Freunden und Nachbarn, Kunden und Lehrern ein Denkmal setzt. Sein Buch ist nicht zuletzt eine Enzyklopädie der Toten im Sinne von Danilo Kiš.

Mörderische Logik

Den szenischen Höhepunkt, der in verblüffender Weise an die Auschwitzer Rampen-Szene bei Imre Kertész erinnert, stellt zweifellos die «Umsiedlungssonderkommission» dar, der sich die Familie auf Wunsch der Mutter eines kalten Wintermorgens in einem deutschen Ambulanzzug in der Vorstadt zu stellen hat. Es geht um positive Selektion – die Erhebung zum Reichsdeutschen. Peinlich ist den Teilnehmern voreinander der Verrat an der slowenischen Heimat. Die wahre Scham aber erwächst ihnen aus der medizinisch-militärischen Maschinerie, in die sie hineingeraten. Mit mörderischer Logik wird das nackte Menschenmaterial kommandiert und taxiert, sortiert und zertifiziert. Es ist der Knabe, der die Absurdität auf die Spitze treibt, wenn er sich die Logik der Auswahl sportiv aneignet und selbst zu richten beginnt, wer von den Fetten und Dünnen, Blonden und Dunklen, Feinen oder Zerlumpten dem höheren Menschenschlag zugehört und wer nicht. Gleichzeitig wird er drastisch der Körperlichkeit seines tuberkulösen Vaters inne. Als nach der demütigenden Prozedur wider Erwarten das Plazet erfolgt, ist es die Mutter selbst, die ablehnt. Und für Bubi erledigt sich die Sache so: «‹Deutschland, Deutschland über alles . . . Über alles in der Welt› . . . Welt. Alles, über alles . . . das war etwas so Unendliches, dass es überhaupt nirgends sein konnte . . .»

Schleichend bricht in Ljubljana die Ordnung zusammen, der Krieg hält als Terror zwischen Italienern und Partisanen, Roten und Weissen, schliesslich Deutschen Einzug. Hausdurchsuchungen und Verhaftungen, Erschiessungen und Morde jagen sich. Nur wer sich klein macht, hat eine Chance, nicht denunziert zu werden. Hoch über dem Elend, der Kälte und der Angst dröhnen die US-Bomber und die Propagandalügen rasch wechselnder Regierungen. Bubi verdient Geld mit Malen, organisiert Essen in einem Kinderheim, sehnt sich nach Basel, entdeckt das Universum der Bücher und endlich das Schreiben. Der Blick auf Gleichaltrige, die ihren Wohlstand zur Schau stellen, weckt den Wunsch, dass keiner mit heiler Haut davonkomme. Anderseits sind in den betuchten Kreisen eben jene literarischen Zirkel angesiedelt, die sein schriftstellerisches Talent zu erkennen und zu fördern wissen.

Trotz ihrem Vitalismus sind «Die Zugereisten» durchtränkt von Pessimismus. In einer grandiosen Sequenz wird der von Flüchtlings-, Soldaten- und Gefangenenzügen überfüllte Bahnhof von Ljubljana zur Metapher für die Farce des Daseins. Darüber hinaus offenbart sich Bubi der menschliche Makel regelmässig an der Natur, die sich ihre Erhabenheit und Unschuld um den Preis der Sinnlosigkeit bewahrt. Das kalte Auge des Himmels aber ist er selbst, wenn sein Ich ein Anderer wird und ihm die Welt als «Kino» erscheint, das zugleich das Kichern und das Grauen weckt. Auch dem Tod des Vaters begegnet der Knabe mit einer Mischung aus Panik und Neugier. Die Schilderung auch quälender Details ist eine Liebeserklärung eigener Art, die Scham weckt, aber auch Sinn für die Würde der Existenz.

Noch sind es wenige, die den Namen Lojze Kovacic kennen, doch wird er um die Welt gehen. Man muss die Drastik seines Schreibens erst aushalten lernen, dann aber kann man an seiner Zärtlichkeit sehend werden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 1005 LYRIKwelt © NZZ