Die Zimtläden von Bruno Schulz, 2004, dtv1.) - 2.)

Die Zimtläden.
Erzählung von Bruno Schulz (2004, dtv - Übertragung Josph Hahn).
Besprechung von Francis Pierquin, Vernouillet/Frankreich, 13.11.2004:

Aus der Krokodilgasse und näherer Umgebung

Dem Stoffwarenhändler Jakub macht viel zu schaffen: Nicht nur, daß eine Reihe neuartiger, im anrüchigen Viertel der Krokodilgasse liegender Geschäfte die altehrwürdige Kaufmannschaft am Ringplatz in arge Bedrängnis bringt. Zu Hause führt auch noch das Dienstmädchen Adela ein stocknüchternes, ihm immer mehr zusetzendes Regiment, dem er sich hilf- und wehrlos ausgeliefert sieht. Auf die Unterstützung seiner Frau mag er kaum zählen. Bleibt nur sein jüngster, gleichzeitig als kindlicher Ich-Erzähler fungierender Sohn Józef, der ihm ein gewisses Verständnis entgegenbringt. Da dies aber nicht ausreicht, sein Leben wieder ins Lot zu bringen, sieht Vater Jakub oftmals keine andere Zufluchtmöglichkeit mehr, als mannigfache, manchmal recht tollkühne Verwandlungen durchzumachen. Vater und Sohn ist gemein, daß sie die Welt der Poesie und der Phantasie verkörpern. Während sich bei Józef, wohl aufgrund seines Alters, noch niemand daran stößt, ist in der Umwelt des Vaters - beim häuslichen Kreis angefangen - keiner dazu bereit, es ihm als Erwachsenem durchgehen zu lassen. Daher sieht er sich dauernd zermürbenden Anfeindungen ausgesetzt, denen er immer weniger gewachsen ist, wenn er den Kampf auch nicht so bald aufgibt. Ob nun Vater Jakub oder Sohn Józef im Mittelpunkt einer Erzählung stehen: Immer wird die Geschichte aus kindlicher Sicht wahrgenommen und abgerollt. Dies mit Bedacht, gehört es doch zum Ansatz Bruno Schulz', von der Kindheit ausgehend zu den mythologischen Quellen des Menschseins zurückzufinden. Auch noch so sehr apart scheinende Erzählungen wie die dem Hündchen Nimrod gewidmet, dienen haargenau diesem Ansatz, ist doch die Aufspürung des Zumlebenerwachens eines solch jungen tierischen Geschöpfes wie geschaffen, „dem Menschen den Menschen zu zeigen" - wie es mittendrin in der Erzählung heißt. Dies der Gehalt jener fünfzehn im Jahre 1934 unter dem Namen „Die Zimtläden" erschienenen Erzählungen. Ihre Fortsetzung fanden sie im drei Jahre später herausgegebenen Zyklus „Das Sanatorium zur Todesanzeige", in dem derselbe Personenkreis wiederkehrt - nur daß Sohn Józef mit der Zeit zum Maturanten heranwächst, während der Vater immer mehr eingeht und nach einer allerletzten Verwandlung aufs schwerste versehrt auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Nebst einigen anderen, wenigen Fragmenten sind somit sämtliche erhaltene, literarische Werke Bruno Schulz' in einem Band vereinigt. Vom graphischen Werk dürfte hingegen ein größerer Anteil verloren gegangen sein. Wer die Erzählungen liest, spürt gleichwohl, er habe es mit einem Maler zu tun: Die Pinselstriche werden mit sicherer Hand ausgeführt, die Bilder, die vor dem inneren Auge entstehen, sind sinnreich, dicht, tiefsinnig und luftig zugleich. Keine geringe Leistung, wenn man bedenkt, in welche verborgenere und geheimnisvollere Sphären sie sich hochschwingen, ohne dabei eine gewisse Bodenhaftung zu verlieren. Tatsächlich ist Bruno Schulz - im Wortsinn - eher Maler denn Dichter gewesen. Bis er sich darauf besann, das Wort sei ausdrucksfähiger und -kräftiger als der Pinsel und er den Schwerpunkt seines Schaffens von der Malerei auf die Literatur verlegte. Völlig zu Recht, denn als ein Meister des Wortes darf Bruno Schulz ohne weiteres gelten. Die Feder ist das Instrument, das es ihm ermöglicht, mühelos bis in die verborgensten Bezirke vorzudringen - sowohl im physischen als auch im metaphysischen Sinne. Bei solcher Begabung fiel die Themenwahl leicht aus: Es reichte fast gänzlich der unmittelbare Lebens- und Wirkungskreis. So ist denn auch der Orts- und Zeitrahmen, in den die meisten Erzählungen eingebettet sind, der seiner Lebzeiten in seiner galizischen Heimatstadt Drohobycz und in deren näherer Umgebung - einschließlich des Himmels, zu dem nicht eben selten mit dichterischem und malerischem Blick aufgeschaut wird: „Über diesem schmalen und verlorenen Streifchen Land hat sich der Himmel noch einmal tiefer und ausladender als anderswo aufgetan, ein Himmel, gewaltig wie eine Kuppel, vielstöckig und saugend, voll unvollendeter Fresken und Improvisationen". Außer den Stilmitteln des Malers beherrscht Bruno Schulz virtuos eine Vielfalt von Registern und Schattierungen, die vom Realismus zum Expressionismus reichen und oftmals eines gehörigen Schusses Humors nicht entbehren. Man findet zwar Anklänge an so verschiedene Dichter wie Kafka, Rilke und Stifter sowie andere polnische Dichter seiner Zeit, doch versteht sich Bruno Schulz meisterhaft darauf, die vielfältigen, ihm zu Gebote stehenden Register zu einem höchst originellen, einzigartigen und fesselnden Ganzen zu verschmelzen. „Von Kindheit auf liebe ich es, das Zimmer aus der Vogelperspektive zu betrachten": Dieser verrutschte, durchdringende und unschuldige Blickwinkel ist es, der ihn zum unverwechselbaren Dichter macht. Bruno Schulz wurde am 19. November 1942 in Drohobycz auf offener Straße von einem Gestapomann erschossen. Von seinem Ende her wird er oftmals als tragischer Dichter betrachtet. Wohl mit einiger Übertreibung, wußte er doch auch voller Zuversicht zu schreiben: „Es gibt kein so fest zugemauertes Zimmer, in dem sich nicht eine (...) vertrauliche Tür öffnen ließe, wenn nur die Kräfte langen, sie hinzudenken". Ob im polnischen Original oder in der glänzenden Übersetzung Joseph Hahns: Die Erzählungen des Bruno Schulz gehören mit zum Besten, was eine Bibliothek bergen kann.

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Die Zimtläden von Bruno Schulz, 2008, Hanser2.)

Die Zimtläden.
Erzählung von Bruno Schulz (2008, Hanser - Übertragung Doreen Daume).
Besprechung von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom 14.6.2008:

In Sprachgewittern
In der mustergültigen Übersetzung von Doreen Daume ist Bruno Schulz’ Erzählband "Die Zimtläden" endlich wieder als Ereignis begreifbar

Die ungeheuerliche Prosa des polnischen Autors Bruno Schulz (1892–1942) ist in Wahrheit ein Skandal. Schulz, der als Gymnasialprofessor im galizischen Kaff Drohobycz Kinder zum Ziehen gerader Linien verdonnern musste und der als anschlussloser Weltautor naturgemäß an erzwungener Untätigkeit litt, schützt in seiner Erzählsammlung der Zimtläden autobiografische Interessen vor.

Man kann Schulz’ Prosastücke auf den ersten Blick für Beschwichtigungstexte halten: Der jüdische Provinzintellektuelle, der sich zeitlebens um Übersetzungen seiner Werke in Fremdsprachen leider vergeblich bemühte und in Joseph Roth einen eher lauen Fürsprecher fand, akzeptiert die naturgegebenen Beengungen durch das Schtetl-Milieu.

Schulz erzählt, wie sein Gott-Vater, der im eigenen Haus die Eier fremder Paradiesvögel ausbrüten lässt und vor den Laufkunden Stoffballen wie Bibellandschaften entrollt, langsam dem Wahnsinn anheimfällt. Schulz ist der getreuliche Chronist einer umstürzenden, einer ins Herz des Judentums zielenden Irritation: In den Zimmerecken hausen die Mucken. Böden, die aufgrund ihrer schlechten Verfugung ächzen, schwitzen Wahngebilde aus.

Schulz ist, wenn man möchte, ein Heimatautor. Er gibt treuherzig vor, seiner Lebenswelt gerecht zu werden, indem er ihre unscharf gewordenen Konturen auf Papier niederlegt. Der Sohn eines früh verstorbenen Tuchhändlers lenkt den Blick nach innen: Er lauscht dem Klangwispern der Tapeten nach. Er sieht den fettigen Kletten beim Wachsen zu. Er erkennt in den aufschießenden Pflanzen fruchtbarer Gärten "wahnsinnige" Weiber, die ihre Röcke über die Köpfe werfen. Schulz’ Kosmos reicht gerade ein paar wenige, schattige Gassen weit: Es ist ein aus lauter Satztürmen erbautes Universum. Es hält nur so lange wie die "Oleandersträuche", die der Autor – wie ein aus der Art geschlagener Götterlehrling – aus Staubflusen und Schimmelpilzsporen hastig zusammenbaut.

Surrealist wider Willen

Schulz ist der ungeheuerlichste von allen: Seiner Hochstapelkunst ist kein Surrealist gewachsen; seinen parfümierten, vor Adjektiven schier auseinanderbrechenden Sätzen gebietet kein "rationales" Programm einen Halt. Dieser Autor ist ein Lauschangreifer in den vermufften Gefilden der Gärten und Kammern: Er sieht den Kakerlaken zu, wie sie aus den Bodenritzen herausschießen. Er sieht unentwegt Augen, deren weiße Pupillen den Blick des "Anderen" unheilvoll verweigern – das konstitutive Scheelen fremder Übermacht. Schulz erzählt im Modus des Monologs. Man könnte ihn, das Geheul des Wahnsinns im Ohr, sogar für einen moderaten Idylliker halten. Aber es liegt nichts Besänftigendes in dieser Kunst, die wildfremde Landstreicher beim Kacken im Garten betritt und ihren atemlosen Irrsinn immer wieder mit Proben vergeblicher Vernunft zu ziselieren versucht.

Es herrscht in diesen Miniaturen ein geradezu auf Albernheit gestimmter Ton vor. Dieser Prosa, die wie besinnungslos Satzkaskaden auftürmt, die dem Knarren galizischer Bodenleisten selbstvergessen nachlauscht und im Brüllen des Föhnwinds das Gliederstrecken böser Naturgottheiten getreulich wahrnimmt, liegt, wie ein gefrorener Posthornton, ein Untergangsmotiv zugrunde: Dies alles, bedeutet der Seher Schulz, wird es in Bälde nicht mehr geben. Der Gymnasiallehrer studierte eine Zeit lang in Wien Architektur. Er musste für die Rote Armee schuften – und als er, zu Frondiensten für die Nazis gezwungen, einem Gestapomann nicht zu Gesicht stand, schoss ihn dieser auf der Straße kurzerhand nieder.

In den Zimtläden, die 1933 auf Polnisch erschienen und sofort Furore machten, findet daher der denkbar radikalste Bruch mit der Moderne statt – wenngleich deren Mittel zusammengerafft und wie durch ein Filtertuch hindurch geäfft werden. Schulz, der Provinzler, packt das Gespenst der Moderne noch einmal bei den Hörnern.

Aber was bedeutet "Moderne" in diesem verstörenden Kontext? Der Dichter als Einzelgänger erklärt seine engste, kleinstädtische Umgebung zur Probierstube für noch nie gesehene literarische Verfahren. Er erhebt ausgerechnet Schneiderpuppen zu Zeugen einer wilden, skandalös aufbegehrenden Rede wider die Schöpfung. Sie tönt aus dem Mund des (erfundenen) Vaters: Aus der Abgestandenheit vergessener Zimmer soll ein Wust an proteischen Formen entstehen, die, unhaltbar wie sonst nur Spinnwebfäden, die Flora und Fauna um noch nie dagewesene Spezies bereichern. Schulz, die apokryphen Schöpfungsmythen einer "unsauberen" Kosmogonie im Rücken, ist Alchemist. Er "weiß" mehr, als er jemals verrät.

Ihm ist nun mit der Neuübersetzung der Zimtläden durch die großartige Doreen Daume ein kostbares Geschenk zuteil geworden: Dieser Text bemüht sich mustergültig um vermeintlich ephemere Zusammenhänge wie Vokalfärbungen und bewusst eingesetzte "Satzrythmusstörungen". Das jahrzehntelang vergessene Genie Bruno Schulz ist wieder (neu) lesbar geworden: als skandalöser Pfahl im Fleisch der zeitgenössischen Betulichkeitsprosa.

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