Die Zeit, die wir uns nahmen von Steven Carroll, 2009, LiebeskindDie Zeit, die wir uns nahmen.
Roman
von Steven Carroll (2008, Verlagsbuchhandlung Liebeskind - Übertragung Peter Torberg).
Besprechung von Jürgen Potthoff in der Westf. Rundschau, 20.03.2009:

In Australien lebt es sich kaum anders als bei uns

Wie lebt es sich am anderen Ende der Welt? Kaum anders als bei uns, lautet die für manchen deutschen Leser sicher enttäuschende Antwort, die uns der australische Romancier Steven Carroll gibt.

Die Trilogie Carrolls über eine Mittelschichtfamilie aus Melbourne hat uns nach und nach sämtliche Klischees über das Leben auf dem fremden, weiten, Kontinent ausgetrieben. In der mit „Die Kunst des Lokomotivführens" begonnenen Trilogie ist jetzt Band drei erschienen. „Die Zeit, die wir uns nahmen" ist ein in sich abgeschlossenes Buch und somit auch für Spät-Einsteiger lesbar. Vic, Rita und ihr Sohn Michael sind in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in einen neu entstandenen Vorort von Melbourne gezogen. Wenige ihrer Hoffnungen haben sich danach erfüllt. Nun schreiben wir das Jahr 1970. Vic hat Rita mittlerweile verlassen und grübelt in einem Touristenort an der Nordküste dem Tod entgegen. Rita ist allein, ohne Freunde und ohne einen echten Lebensinhalt im ehelichen Haus geblieben. Michael hat seine erste Stelle als Lehrer angetreten und erlebt nun das Scheitern seiner ersten Liebe.
Steven Carroll führt uns die zerbrochene Familie vor, wie sie im ständigen Reflektieren über früher und heute Lebenszeit verstreichen lässt. In der Parallelhandlung versucht uns der Autor ein wenig zu amüsieren, indem er den Bürgermeister und einige feinere Leute des Vororts eine wichtigtuerische Jahrhundertfeier planen lässt. Allein: Humor ist nicht gerade Steven Carrolls Ding.

Das gedankenverhangene Buch tritt oft und zu lange auf der Stelle. Aber es hat starke poetische Momente, die den Gedanken nahelegen, dass Carrolls Metier eher das Lyrische sein könnte. Es gibt da zum Beispiel ein Pärchen, das noch nicht zur freien Liebe gefunden hat. Und es gibt den keuschen Moment, in dem dem tapfer entsagenden jungen Mann wenigstens ein traumhaft reiner Akkord auf der Gitarre gelingt, von Liebe und Begehren durchweht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]

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