Die Zeit der roten Früchte von Wiebke Eden, 2009, ArcheDie Zeit der roten Früchte.
Roman von Wiebke Eden (2009, Arche Verlag).
Besprechung von Anna Ihle aus der NRZ vom 10.07.2008:

Abschied aus dem Schafland
 
Greta liebt „die Zeit der roten Früchte". Als im Sommer 1939 die Erdbeeren, Himbeeren und Kirschen prall in den Bäumen und Büschen hängen, ist auch in Greta der Wille gereift, ihr eigenes Leben zu beginnen. Lebens- wie liebeshungrig stürzt sie sich in eine Affäre mit dem Musiker Johannes. Der schenkt Greta jedesmal Blumen, mit denen sie ihr Liebeslager im Wald schmückt. Greta ist glücklich. Doch ihr Abenteuer bleibt in dem kleinen, pommerschen Dorf nicht unbemerkt, schon bald gibt es Getuschel und Getratsche. Greta stört das nicht, aber irgendwann ist auch der längste Sommer vorbei. Als im Herbst die Blumen auf dem Liebeslager verwelkt sind, muss Johannes in den Krieg. Und Greta bleibt zurück. Schwanger.

Entscheidungen, Verantwortung

Der Krieg zwingt Greta Stellung zu beziehen. Zu Johannes, der sie bittet, ihn zu heiraten, bevor er in den Krieg zieht. Zu den Nazis, die fragen, wieso sie nicht wie ihre Schwestern im Bund Deutscher Mädel ist. Als der Vater dann auch noch zur Armee eingezogen wird, muss Greta die Verantwortung für die Familie übernehmen: Sie arbeitet als Straßenbahnschaffnerin, leitet den kleinen Hof ihrer Eltern. Manchmal wird ihr das alles zu viel, dann flüchtet Greta ins Schafland: ein grüner Flecken Gras, umzäunt, die einzigen Bewohner eine Herde gutmütiger Schafe. In diesem letzten Idyll kann sie vor dem Krieg, der NS-Ideologie, der Familie und den ewig glotzenden, lästernden Dorfbewohnern die Augen verschließen. Am Ende des Krieges muss sich Greta indes entscheiden: im Schafland bleiben oder sich der Welt stellen?

Wiebke Eden liefert mit ihrem Erstlingsroman keine neuen Einsichten, sie bastelt geschickt mit am vielschichtigen Mosaik der Kriegs- und Flüchtlingsliteratur. Die weibliche Perspektive sticht in dieser Geschichte besonders hervor und grenzt sie von anderen Romanen ab. Gretas Emanzipation von der Familie und vom Dorf ist eng mit dem Kriegsgeschehen verwoben: das nötigt sie zur Verantwortung, so entdeckt sie ihre Stärke. Greta ist kein sympathischer Charakter – ihre spröde Abwehrhaltung und ihre Selbstbezogenheit machen es schwer, sich mit ihr anzufreunden. Aber ihr Eigensinn, ihr Mitgefühl und ihre kleinen Gesten von Menschlichkeit, die sie gegen alle Nazi-Ideologie zeigt, wecken Bewunderung für diesen ambivalenten Charakter.

So spröde wie Edens Heldin ist auch ihre Sprache: klar und knapp, ausdrucksstark. Die kühle Sprache kann man der Autorin beim sensiblen Thema Krieg und Vertreibung hoch anrechnen: Der Roman klagt nicht an und beschönigt auch nichts. Das macht ihn eindringlich. Am Ende hat sich Gretas Geschichte zwar nicht ins Herz des Lesers geschlichen. Aber sie hat sich irgendwo im Kopf festgehakt. (NRZ)
 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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