Die Zärtlichkeit des Eisenkeils.
Roman von Alois Brandstetter (2000, Residenz).
Besprechung von Cornelius Hell aus Rezensionen-online *LuK*:

Ein Mann wird älter
Alois Brandstetter zieht Bilanzen

Konservatismus ist in Österreich allgegenwärtig, aber selten kreativ und interessant. Die Einsicht, daß Konservatismus nicht nur ein Schimpfwort für die Ewiggestrigen ist, sondern eine gegenwartskritische Einstellung aus dem Wissen um bessere Alternativen in der Vergangenheit bedeuten kann, verdanke ich vor allem dem alten Max Horkheimer.

In der österreichischen Literatur hat der Konservatismus nur selten eine kritische Potenz entfaltet. In der Nachkriegszeit und in den fünfziger Jahren hat er meist zweitklassige Literatur produziert, weil ihm Inhalte wichtiger waren als formale Gestaltung und er all das an ästhetischen Aufbrüchen nicht zur Kenntnis nahm, was ihm der Nationalsozialismus schon aus dem Weg geräumt hatte. Die große Ausnahme war Heimito von Doderer.

Als »konservativen Geisterfahrer« bezeichnet sich Alois Brandstetter in seinem neuen Buch »Die Zärtlichkeit des Eisenkeils«. Das ist schon deshalb sympathisch, weil der Konservatismus nicht oft mit so viel Selbstironie einhergeht. Brandstetter stellt die »Maxime der Originalität und Deviation« in Frage und verfährt nach der Manier des Eisvogels, dem auch nicht an Originalität gelegen ist, sondern der sich an seine Regeln hält: eine Literaturauffassung, die sich so ziemlich gegen alles richtet, was seit dem »Sturm und Drang« geschrieben wurde – oder zumindest gegen das, was im deutschen Sprachraum seither als ernstzunehmende Literatur anerkannt wurde.

Alois Brandstetter ist in seinen besten Werken ein kritischer und kreativer Konservativer. »Altenehrung« etwa stellt gerade eine konservative Weltsicht und Lebenseinstellung auf den Prüfstand, um redundante Rhetorik zu entlarven. Auch das neue Buch trifft kritische Unterscheidungen: »›Bewahren‹ wollen die meisten Menschen nur ihre eigenen Privilegien. Ihre Optionen wollen sie ›gewahrt‹ wissen. Sie beharren auf ihrem Vorkaufsrecht…« Brandstetter hingegen ergreift Partei »für die Vergangenheit, gegen die Hybris der Gegenwart, der Nachwelt. Vorwelt gegen Nachwelt… Diese Denkfigur ließe sich in allen meinen Romanen und Erzählungen nachweisen, ex- oder implizit.«

Brandstetter hat, wie aus dieser Passage unschwer abzulesen ist, einen Roman über seine bisherigen Romane und vor allem über sich selbst geschrieben. Sind die räsonierenden Ich-Erzähler seiner bisherigen Romane bei aller unverkennbaren Ähnlichkeit mit ihrem Autor immer auch von ihm zu unterscheiden, so kann man über das jüngste Buch sagen: »Hier räsoniert der Autor.« Im Unterschied zum Schild »Hier kocht der Wirt« ist das keine Empfehlung, sondern eine Warnung, daß der Meister der Rollenprosa, weil er sechzig Jahre auf dem Buckel hat, nun selbst die Bühne betritt und Bilanz zieht. Viel Interessantes passiert Revue, aber es wird eben auch alles kommentiert, was sich so zuträgt im Laufe eines Jahres – von der Rechtschreibreform bis Bill Clinton, von den Veränderungen im Heimatort Pichl bis zum Goethe-Jahr, von der Fernsehserie »Universum« über die Störungen einer Zugfahrt bis zum Kosovo-Krieg. Wie immer bei Brandstetter ist Philologie im Spiel, aber hier verkommt sie oft zu Selbstzweck und Belesenheitsdemonstration. Aus Wortspielen und Zitaten werden bisweilen interessante Blitzfunken geschlagen, oft jedoch kalauert der Text einfach munter vor sich hin. Zum Glück ist immer wieder vom Eisvogel oder Eisenkeil, wie er auch heißt, die Rede, denn der hält den Text zusammen – der zurückgekehrte Vogel der Kindheit, der für scheue Zurückgezogenheit und schönen Gesang und seit der Antike für Treue und Zärtlichkeit steht.

Brandstetter ist sechzig geworden, und sein Roman (die Frage, was ihn dazu macht, ist sowieso längst überflüssig geworden) kreist um dieses Datum. Eine Bilanz ganz anderer Art ist der Sammelband »Vom Manne aus Pichl«, in dem uns Brandstetter – im Unterschied zum konservativen Individualanarchisten Thomas Bernhard – als konservativer Skeptiker entgegentritt, der Geschichten nicht »abschießt«, sondern durch essayistische Seitenbemerkungen ausufern läßt. In Beiträgen unterschiedlicher Art entsteht ein Porträt des Autors – vom bärtigen und aufmüpfigen Saarbrückener Dozenten in Lederjacke, genannt Brandy, bis zum abgeklärt-konservativen Klagenfurter Professor. Im subtilen und genauen Gespräch mit Angelika Klammer kommt der selbstkritische Autor und scheue Mensch sehr persönlich zu Wort – auch in seinem Verhältnis zum Tod und seiner katholisch geprägten und doch sehr eigenständigen Religiosität. Persönliche Reminiszenzen oder Analysen wie die von Wendelin Schmidt-Dengler über Gestalt und Wandel der Satire Brandstetters sind für die Brandstetter-Lektüre ebenso unverzichtbar wie Texte des Autors über sich selbst, darunter der anhand von Fotos für diesen Band geschriebene »Meine Römerstraße«. Interessantes Material bietet übrigens auch das Brandstetter-Heft der Zeitschrift »Die Rampe«: Interviews, Texte und Bilder wie Aufsätze zum Österreich- und zum Frauenbild Brandstetters oder zur amerikanischen Übersetzung der »Abtei«.

Alois Brandstetter hat sich eine große Gemeinde von Leserinnen und Lesern aufgebaut, die er regelmäßig beliefert. Ein dummes Vorurteil, dem Erfolg als negatives Qualitätskriterium gilt, macht ihn offenbar der Germanistik verdächtig – zumindest hat sie sich bislang nicht sehr für ihn interessiert. Brandstetter schreibt verständlich und konsumierbar, aber er ist alles andere als harmlos. Literarische Anstöße bezog er von so unterschiedlichen Autoren wie Thomas Bernhard, H. C. Artmann oder Günter Eich. Er nimmt ästhetische Positionen, die von seinen eigenen weit entfernt sind, vorurteilsfrei zur Kenntnis. Er hat eine konservative Position, aber Literatur ist für ihn zuerst Arbeit mit der Sprache, nicht das Vertreten einer Position (eher schon ein Medium, um sie ins Spiel zu bringen). Er wollte und will »schöne Sätze, schöne Bücher schreiben«, wie es im neuen Roman heißt (Bernhard ließ ihm einmal ausrichten, er solle davon ablassen); aber er avisiert eine Schönheit, die das Negative nicht ausblendet, sondern voraus- und sich ihr entgegensetzt; sie hat nichts Triumphalistisches an sich – eher etwas Tröstliches. Brandstetter ist ein hartnäckiger Einzelgänger, der dem »Terror der Aktualität« (Jean Améry) konservative Alternativen entgegensetzt. Auch wer dafür grundsätzlich viel Sympathie hat, muß sagen: Es gelingt nicht immer auf gleichem Niveau. Der Eisenkeil ist trotzdem ein seltener und sympathischer Vogel.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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