Die Wüste und weiter von Giusepe Ungaretti, 1961, Kirchheim-Verlag

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Die Wüste und weiter.
Reiseprosa 1931-46 von Giusepe Ungaretti (1961, Kirchheim-Verlag).
Besprechung von Maike Albath in Neue Zürcher Zeitung vom 23.2.2002:

Das Sprechen der Steine
Giuseppe Ungarettis Reiseprosa vollständig auf Deutsch

Italien ist für Ungaretti lange Zeit nur ein Wort. Aufgewachsen in Ägypten und geprägt durch seine Studienzeit in Paris, lernt er erst mit 26 Jahren das Heimatland seiner Eltern näher kennen. Er zieht als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg. In den Schützengräben auf dem Karst von Triest kritzelt er Gedichte auf lose Notizzettel, Buchrücken und alte Rechnungen - neuartige, spröde Texte, knapp und ohne jede barocke Rhetorik, wie sie damals in Italien Mode war. Ungarettis Kargheit wirkt wie eine Befreiung: Der junge Dichter mit der exotischen Herkunft wird sofort berühmt. «Allegria di naufragi» (Freude der Schiffbrüche) heisst 1919 sein erster Gedichtband, in dem der Zyklus «Il porto sepolto» (Der versunkene Hafen) von 1916 enthalten ist. Eine Anspielung auf seine Geburtsstadt verbirgt sich hinter der Überschrift, die 1923 zum Titel der zweiten Auflage der Sammlung werden sollte. Gemeint ist der antike Hafen Alexandrias. Ungaretti ist 43 Jahre alt, als er sich im April 1931 in Neapel nach Ägypten einschifft und zum ersten Mal an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt.

Unpolitischer Dichterblick

Die dreissiger Jahre sind eine verheissungsvolle Zeit für Ungaretti: Er arbeitet täglich an neuen Texten, übersetzt Góngora, Blake, Saint-John Perse und Paulhan und zählt zu den bedeutendsten Dichtern Italiens. Nur arm ist er geblieben. Weil der begeisterte Mussolini-Anhänger Frau und Kinder zu versorgen hat und seine Beschäftigung im Aussenministerium nach zehn Jahren endet, geht Ungaretti als Berichterstatter der Turiner Zeitung «Gazzetta del Popolo» auf Reisen. Seine journalistischen Aktivitäten verbindet er mit Lesungen und Vorträgen. Impressionen und Beschreibungen sind es, die er seinen Lesern aus Ägypten, Korsika, Polesine, Paestum, Neapel, Flandern, Holland und Apulien liefert. Für Umbrüche, die sich nach der Machtergreifung Hitlers schliesslich überall in Europa andeuten, besitzt er kein Gespür. Da Ungaretti in seiner Lyrik zwar autobiographische Erfahrungen verarbeitet, sich aber mit Erkenntnis, den Bedingungen des menschlichen Daseins und der Möglichkeit, diese in Sprache umzusetzen, beschäftigt, sind seine grossartigen Gedichte völlig frei von politischen Stellungnahmen.

Anders die Reiseblätter: Hier und da scheint seine regimetreue Haltung durch, dann und wann tritt ein naiver Patriotismus an den Tag. Zwar hatte Ungaretti für die italienische Ausgabe von «Il deserto e dopo», die 1961 erschien, tendenziöse Stellen entschärft und einen peinlichen Lobgesang auf ein faschistisches Ehrenmal in Bari ganz gestrichen, aber die Herausgeber der hervorragend edierten und sehr gut übersetzten deutschen Gesamtausgabe haben die Verbesserungen in den Anmerkungen festgehalten und in einem Nachwort darauf verwiesen. Die wenig ehrenhaften politischen Überzeugungen des Dichters, im Italien der Nachkriegszeit meist diskret übergangen, sind zwar befremdend, aber sie schmälern sein Verdienst für die moderne europäische Lyrik nicht. Eher vervollständigt sich das Bild des Menschen Ungaretti.

Ungaretti war als Schriftsteller und Lyriker in der Welt unterwegs, nicht als Reporter. Wer klassische Feuilletons oder Reiseberichte erwartet, wird von «Die Wüste und weiter» enttäuscht sein. Der Blick des Dichters konzentriert sich häufig auf die äussere Erscheinung der Dinge, analytische Tiefenschärfe entwickelt er selten. Er nimmt Landschaften, Lichtverhältnisse und Stimmungen wahr, vermischt in seinen Beschreibungen Gegenständliches mit seelischen Zuständen und benutzt die Historie als Folie: «Wenn vor dir in der Ferne der Spitzbogen der Porta Troia auftaucht», heisst es 1934 über Apulien, «und du, in einem unermesslichen Sich-Ergiessen von Einsamkeit, Lucera siehst, aus dem unendlichen Leuchten des Korns emporgeschnellt auf seine drei Hügel, dann kann es dir widerfahren, dass einige der abenteuerlichsten Gestalten der Geschichte sich zu dir gesellen.» Die Eindrücke scheinen vor allem seinen eigenen dichterischen Kosmos zu beleben. Plötzlich lüftet sich ein Vorhang: Es ergeben sich Einblicke in die Poetik Ungarettis. Eingewoben in die Beschreibungen tatsächlich existierender Landstriche sind ästhetische Überlegungen.

Im «Ägyptischen Notizheft», wie die erste Textreihe des Bandes heisst, entdeckt man den Ursprung des Bildfeldes der Wüste, das in Motiven wie Licht und Sonne variiert wird und bis in sein lyrisches Spätwerk hineinragt. Alexandria ist Metapher und konkreter Ort zugleich: Als eine Stadt am Rande der Wüste, umgeben von einer vernichtendenLandschaft, gilt sie als Stadt des Nichts, in der die «Zeit als Zerstörerin» fortwährend spürbar ist. Sie spiegelt die Conditio humana schlechthin: das Getrenntsein vom eigenen Ursprung. Es ist die Suche nach dem Absoluten oder dem «verheissenen Land», wie Ungaretti eine späte Gedichtsammlung nennt, das den Menschen umtreibt. Als Sohn italienischer Einwanderer - sein Vater war am Bau des Suezkanals beteiligt - hatte er die existenzielle Heimatlosigkeit am eigenen Leib erfahren. Erst 1921 wählte Ungaretti nach seiner Studienzeit in Paris und der Parenthese als Soldat endgültig Rom als Wohnsitz.

Araber, Islam . . .

Anders als in Italien oder Nordeuropa zeigt er sich in seinem Geburtsland empfänglicher für untergründige Strömungen: «Und wenn ich die Araber sehe, die den Wert des Raums zu schätzen wissen, (. . .) wenn ich sie begierig ein Automobil betrachten und vom Flugzeug träumen sehe - all ihre Legenden sind voll von fliegenden Menschen -, komme ich, weil ich weiss, dass ihr Land die Wiege von Königreichen ist, nicht umhin, mich zu fragen, ob diese Mittel nicht eines Tages gegen den gekehrt werden, der ihnen beigebracht hat, damit umzugehen. Wir sollten auf keinen Fall vergessen, dass dem Islam in der schwarzen und fernöstlichen Welt eine Kraft zum Proselytentum innewohnt, die Tag für Tag wächst.» Doch so aufregend manche Entdeckungen über die Hintergründe seiner Dichtung sind, so langweilig gestalten sich die lehrbuchartigen Auskünfte über Königreiche, Pharaonen, aktuelle wirtschaftliche Fragen und in Ägypten ansässige Völker, die vermutlich dem Zeitungsleser geschuldet sind.

Ähnlich zäh nehmen sich die Schilderungen von Holland und Flandern aus, wo Ungaretti im Frühjahr 1933 unterwegs ist. Diese Länder bleiben dem Italiener fremd, ihre Andersartigkeit vermag er nur an der Oberfläche zu streifen, der Calvinismus muss als Passepartout-Erklärung für alles Ungewöhnliche herhalten. Dabei scheint ihm Europa mit seiner Geschichte wie eine offene Wunde dazuliegen, «all die alten Steine sprechen jetzt», sagt er. Ungleich lebendiger sind die Reiseblätter aus Korsika, dem italienischen Süden und dem «Land im Wasser», wo Ungaretti auf Aalfang geht und die Lebensgewohnheiten der Fischer beschreibt. Die italienischen Reiseberichte scheinen von einem ursprünglichen Entdeckergeist getragen, was vielleicht daran liegt, dass Ungaretti sein Heimatland erst gerade kennen lernt. Italien ist ausserdem der Ort, an dem die Elemente in Einklang gebracht werden: Anders als in der ägyptischen Dürre gibt es hier Wasser und fruchtbaren Boden. Die feierlichen Beschreibungen von Flüssen - ein anderes zentrales Motiv seiner Lyrik -, Brunnen und eines Aquädukts in Apulien haben also auch einen symbolischen Wert: Sie stehen für den Anfang der Menschheitsgeschichte, die in seiner Bildwelt jenseits der Wüste beginnt, wenn das Land urbar gemacht wird. «Dichtung heisst das Gedächtnis in Träume überführen und ein glückliches Licht auf die Strasse des Unbekannten werfen», schreibt er am 19. Juli 1932 in Neapel. Den afrikanischen Wurzeln seiner Träume kommt man in «Die Wüste und weiter» auf die Spur.

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Die Wüste und weiter von Giusepe Ungaretti, 1961, Kirchheim-Verlag2.)

Die Wüste und weiter.
Reiseprosa 1931-46 von Giusepe Ungaretti (1961, Kirchheim-Verlag).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg, 10/2011:

Zur vierbändigen Ungaretti-Ausgabe des Kirchheim Verlages (München 1992-2001)
Giuseppe Ungaretti (1888-1970), neben Saba (1883-1957), Campana (1883-1932), Montale (1896-1981), und Quasimodo (1901-68) einer der Großen der italienischen Literatur des 20ten Jahrhunderts, ist eine umfassende Edition des Kirchheim Verlages gewidmet.

Diese besticht auf den ersten Blick durch ihre Gestaltung: fester Leineneinband mit Blind- und Regelprägung in Fadenheftung mit Lesebändchen, geschmackvolle Reihengestaltung sowie klarer Druck in entsprechendem Satzspiegel auf gutem Papier; auf den zweiten durch Übertragungen der Gedichte von Michael von Killisch-Horn* und die inhaltliche Gestaltung, für die, neben dem benannten Herausgeber, die an der Universität Heidelberg lehrende Angelika Baader (Verfasserin der ersten umfassenden Monographie Ungarettis**) verantwortlich zeichnet.

Vita d'un uomo/Ein Menschenleben, Werke in 6 Bänden, Band 2: Sentimento del tempo/Zeitgefühl, Gedichte 1919-46, 2sprachig, 1991, Kirchheim-VerlagWährend die ersten drei bilingualen Bände das lyrische Gesamtwerk Ungarettis von 1914-70 präsentieren, umfasst der 4te Band die Reiseprosa der Jahre 1923-69.

In der Edition finden sich neben bereits Erschienenem Erstdrucke, auch solche, die in Italien noch nicht in Buchform oder nur in bibliophilen Kleinauflagen erschienen sind. Zudem gebührt der vorliegenden Ausgabe das Verdienst, die umfangreichste Edition ihrer Art im deutschen Sprachraum zu sein.

Alle Bände sind mit editorischen Hinweisen, entsprechendem Anmerkungsteil und Gedichtregister versehen und so gut zu nutzen.

Vita d'un uomo/Ein Menschenleben, Werke in 6 Bänden, Band 1: L'Allegria/Die Freude, Gedichte 1914-34, 2sprachig, 1993, Kirchheim-Verlag, hrsg. von Angelika BaaderSchwingen einem bei den Übertragungen von Texten noch jene der Bachmann, der Domin oder Celans im Ohr, so sind die vorliegenden in ihrer Art eigenständig und haben nach Ansicht des Rezensenten sehr wohl neben denen der Benannten Bestand.

Die Reiseprosa Ungarettis zeigt diesen unterwegs mit Aphorismen und treffenden Einschätzungen zu Örtlichkeiten und Ethnien (etwa in seinem Verhältnis zu Juden); das in bislang im deutschen Sprachraum unbekannten und unzugänglichen Texten, vom Autor zumeist für Zeitungen und Zeitschriften geschrieben.

Bedauerlich ist der Abbruch des ursprünglichen Kirchheim’schen Editionsplanes, nach dem vorliegenden 4ten Band in zwei weiteren Bänden das gesamte Prosawerk Ungarettis folgen zu lassen und man kann dem Verlag nur wünschen, daß zu einem späteren Zeitpunkt  dieses sorgfältig geplante und bis zu Abbruch auch so durchgeführte Jahrhundertwerk abgeschlossen vorliegen wird.

Für Liebhaber/innen der italienische Literatur, speziell des italienischen Gedichtes des 20ten Jahrhunderts, eine Fundgrube erlesener Eindrücke und der Lesefreude, bleibt der ausgesprochen schönen und sorgfältig edierten Ausgabe der Wunsch nach geneigten Leserinnen und Lesern.

*) dem auch die Herausgeberschaft der drei Bände des Lyrischen Werkes Ungarettis oblag
**) Baader, Angelika „Unschuld und Gedächtnis. Zu Ungarettis Poetik“ Kirchheim (München)

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